Verhüllt war nichts. Als der Politiker und vier seiner Gefolgsleute Ende Februar das Atelier im Zürcher Seefeld betraten, standen die Gemälde offen da. Hans Witschi begrüsste sie – und wunderte sich, dass die Gruppe vier Stockwerke die Treppe hochgestiegen war, statt den Lift zu nehmen.
Es war kurz vor sechs Uhr abends. Der 72-jährige Kunstmaler hatte Lachsbrötchen und Getränke bereitgestellt. Er scherzte: «Ich hoffe, ihr habt Beruhigungstabletten dabei.»
Der Witz fiel ins Leere. «Unter den fünf Besuchern herrschte betretenes Schweigen, als sie die Bilder sahen», erinnert sich Witschi.
Mitte April erzählt der Maler eine Geschichte, wie sie sich Friedrich Dürrenmatt hätte ausdenken können. Dabei geht es um Selbstdarstellung und verletzte Eitelkeit. Und um die Frage, ob ein offizielles Bildnis Kunst sein darf oder dem Porträtierten vor allem schmeicheln soll.
An jenem Abend im Februar standen der Zürcher Grünen-Regierungsrat Martin Neukom (39) in Witschis Atelier, ebenso seine persönliche Mitarbeiterin Meret Grob (30) und Kommunikationschef Dominik Bonderer (51). Dazu die Grünen-Kantonsrätin Esther Guyer (74) sowie eine Bekannte von Neukom.
Der Vorsteher der Baudirektion, dessen Präsidialjahr am 30. April endet, stellte sich neben das Bild, damit ihn die anderen mit dem Gemälde vergleichen konnten. Bonderer habe es anfänglich als «sehr stark gemalt» bezeichnet, erzählt Witschi. Esther Guyer wandte sich ab und sagte zunächst nichts. Schliesslich trat Neukoms Bekannte vor das Bild und meinte: «Ich sehe meinen Grossvater, bevor er starb.»
Der Auftrag
Dieser Satz bedeutete den Anfang vom Ende eines Unterfangens, das Monate zuvor am Telefon begonnen hatte. Im Spätsommer 2025 rief der Galerist Stephan Witschi – nicht verwandt mit dem Maler – bei Hans Witschi an. Der Zürcher Regierungspräsident Neukom wolle sich von ihm für ein offizielles Porträt malen lassen. Dafür erhalte er 20'000 Franken, abzüglich 20 Prozent Vermittlungsgebühr für den Galeristen.
Zuvor, sagt Witschi, habe Neukom eine von der Fachstelle Kultur vorgeschlagene Person abgelehnt. Er solle nun ein «rassiges» Porträt machen, «irgendwie mal etwas anderes».
Witschi schien dazu geeignet. Er gilt als «Künstler des Hässlichen». Als Kind litt er an Kinderlähmung. Ende der Achtzigerjahre wanderte der kontroverse Maler nach New York (USA) aus, wo er fast vierzig Jahre lebte und arbeitete. Regisseur Paolo Poloni (71) drehte darüber den Dokumentarfilm «Witschi geht».
Nun ist Witschi zurück.
Sofort sagte er zu – weil er das Geld gut gebrauchen kann. Und weil der Auftrag etwas Traditionelles ausstrahlt. «Es war mir eine Ehre», sagt Witschi. Der Kanton Zürich lässt alle Regierungspräsidenten in Öl malen, dazu die Bundesräte aus dem Kanton Zürich. Die Gemälde hängen in der Ahnengalerie im Kunstraum Walcheturm. Besichtigen lässt sich die Reihe, die mehr als hundert Jahre zurückreicht, über eine Website.
Der Künstler traf den Baudirektor in dessen Büro, zusammen mit Grob und Bonderer. Die drei hatten sich vorbereitet: Im Katalog von Witschis Werk klebten viele gelbe Zettel.
Witschi erklärte ihnen: «Porträts sind extrem schwierig. 50 Prozent der Betrachter lehnen sie ab.» Meret Grob – Mitglied des Stadtparlaments in Wil SG – habe mit einer witzigen Bemerkung geantwortet, die Witschi in Erinnerung geblieben ist: «Wir wären froh, wir hätten 50 Prozent.» Der Wähleranteil der Grünen liegt schweizweit bei rund 10 Prozent.
Beiläufig schoss Witschi zwei Fotos von Neukom, der in einem Sessel sass. Danach besuchte die Gruppe die Ahnengalerie. Witschi erinnert sich, dass die meisten Porträts der anderen Politikerinnen und Politiker auf wenig Begeisterung stiessen. Jemand habe nicht verstanden, warum das Gemälde von FDP-Regierungsrätin Carmen Walker Späh (68) halb im Schatten gemalt sei. «Wie kann eine Künstlerin so ein Bild machen?» Witschis Antwort: «Das sind die zwei Seiten des Menschen.»
Schon damals, so Witschi, habe ihn das Gefühl beschlichen, dass es weniger um Kunst gehe als um Image. Nicht um das wahre Gesicht, sondern um das offizielle.
Zwei Wochen lang hörte der Maler nichts. Er rechnete schon damit, den Auftrag nicht zu erhalten. Bis Neukoms Mitarbeiterin anrief und fragte, ob er nach wie vor interessiert sei. Die Fachstelle Kultur wurde informiert: Hans Witschi macht das Porträt.
Eine Hürde gab es noch: Witschi war seit seiner Rückkehr noch nicht in Zürich angemeldet. Als er das nachholte, traf ein Brief mit den Modalitäten ein: eine einseitige Zusicherung der Fachstelle Kultur, dass er das Gemälde machen und dafür mit 20'000 Franken entschädigt würde.
Der Künstler begann zu arbeiten. Alsbald schickte er zwei Vorschläge an den Regierungsrat. Eine Neuinterpretation von Caspar David Friedrichs «Wanderer über dem Nebelmeer» (1818): Neukom in einer Eislandschaft. Dazu eine Charakterstudie, basierend auf dem Foto, das Witschi aufgenommen hatte. Die Antwort aus dem Regierungsgebäude: Wir tendieren zur Variante zwei. Und: Wir wollen dir aber nicht in deine Kunst hineinreden.
Witschi begann zu malen. Er bat um weitere Fotos, erhielt keine und entschied sich, sein eigenes Bild als Vorlage zu nehmen.
Die Idee des Wanderers liess ihn nicht los. Statt des Rückens der Figur zeigte er deren Gesicht, als habe sie sich umgedreht. Neukom, der in die Welt blickt. Der Hintergrund wirkt hodlerisch, davor ein Mensch in einer Landschaft.
Witschi beschreibt das Werk als «tief philosophisch»: eine Figur, die zuvorderst in der Welt steht und ein wenig die Kontrolle verliert. «Ich habe aus einem Jungen einen Bundesrat gemacht», sagt er.
Im zweiten Bild malte er ihn als «eine Art Schweizer Mahatma Gandhi». Witschi wörtlich: «Sensibel, intellektuell und asketisch.»
Der Atelierbesuch
Dann lud er Neukom zu sich ins Atelier. Mit dem Besuch im Februar begann der Bruch. Neukom stand immer wieder auf, ging zum Bild und schwieg. Bis jemand aus der Gruppe anfing zu reden. Der Mund sei «schrecklich», lautete eine Aussage. Alle stimmten zu. «So kennen wir Martin nicht», hiess es fortan. Der «Schweizer Gandhi» sei zu blass gemalt, das würde in der Ahnengalerie untergehen.
Witschi fühlte sich der Dynamik ausgeliefert. Man sprach von einer Figur mit ratlosem Mund, die nicht wisse, wie es weitergehe. Der Hals? Zu dick! Zu reden gab das Kinn.
Witschi verteidigte sich. Der leicht geöffnete Mund zeige den Moment einer Offenbarung, eines Geistesblitzes. Die Figur sei «wie ein Fels», «wie ein Monolith aus dem Monument Valley, trotzig und bereit, sich der Unbill entgegenzustellen». Das Bild habe die Aufgabe, die Zeit zu spiegeln, in der es gemalt wurde. Es sei eine Allegorie.
Nun fiel der Satz, das Porträt sei «völlig gegen das, was die grüne Politik erreichen wolle». Jemand bemerkte das stehkragenartige Hemd und meinte, das Gemälde gehöre in den Vatikan. Neukom empfand ein Auge als schielend: So sehe er jeweils nach einer Ratssitzung aus.
Es klang, sagt Witschi heute, «eher nach Spott als nach Anerkennung». Zeitweise habe er sich in der Sendung «Verstehen Sie Spass?» gefühlt und auf die versteckte Kamera gewartet.
Um 19.10 Uhr war der Abend gelaufen. Alle ausser Witschi gingen. Der Künstler, der wochenlang gearbeitet und zwei Gemälde gemalt hatte, fühlte sich «hängen gelassen», wie er betont. «Wenn jemand sagt: ‹So kennen wir den Martin nicht›, sage sicher niemand: ‹Doch, ich kenne den Martin so.›»
Am meisten erstaunt habe ihn, «dass kein Verständnis da war, was meine Kunst ist, ich sehe mehr als nur die Oberfläche».
Witschi wandte sich an die kantonale Fachstelle für Kultur. Er wollte wissen, wer offiziell der Auftraggeber sei, ob es eine unabhängige Instanz gebe. Die Antwort ernüchterte ihn: «Die Abnahme des Porträts wird auch durch ihn [Neukom] getätigt, denn das Wichtigste ist, dass der Regierungsrat Neukom mit dem Porträt zufrieden ist.» Die Rolle der Fachstelle beschränke sich «lediglich auf die Auszahlung der vereinbarten 20'000 Franken».
Es gibt, stellte Witschi fest, niemanden zwischen ihm und Neukom. Keine Jury. Kein Korrektiv: «Das ist Privatästhetik bei einem öffentlichen Kunstauftrag.»
Über seinen Galeristen erfuhr er, dass Neukom die beiden Porträts nicht wolle. Was ihn wütend machte. «Warum spricht niemand direkt mit mir?»
Schliesslich meldete sich Neukom mit einem Mail. Das Schreiben, versandt von der amtlichen Adresse, liegt SonntagsBlick vor. «Lieber Hans», grüsste der Regierungsrat und begründete: «Ich habe mir meine Notizen angeschaut, was meine ursprünglichen Überlegungen waren. Ich habe mir drei Adjektive notiert: jung, modern, frisch. Wenn ich das Porträt anschaue, ist es das Gegenteil davon. Ich sehe mich denn auch nicht in dem Bild. Das Bild strahlt für mich Hilflosigkeit und Verzweiflung aus. Es zeigt einen ängstlichen Mann, der demnächst aufgibt. Das bin ich nicht.»
Indessen finde er das Bild «durchaus toll», es würde gut in eine Kunstausstellung passen. «Man kann es länger betrachten und es auf sich wirken lassen.»
Die grosse Mehrheit der Menschen aber, denen er das Porträt gezeigt habe, sei «eher schockiert». An einer Kunstausstellung dürfe ein Gemälde «gerne provozieren oder auch schockieren», erklärte der Doktor der Naturwissenschaften dem Künstler. «Aber die Ahnengalerie ist keine Kunstausstellung.»
Das Porträt müsse beides sein: «Witschi und Neukom. Jetzt ist das Bild nur Witschi.»
Für Witschi war das eine Ablehnung, verpackt in ein Kompliment: Neukom anerkenne die Qualität des Werks, bestreite aber, dass es ihn zeige.
Der dritte Anlauf
Zu war die Türe noch nicht. Witschi sprach mit Neukom über Camus, über Selbstbildnisse, über die Fremdheit, sich selbst zu hören oder zu sehen. «Martin, das ist ein klassisches Porträt-Problem», erklärte er ihm.
Sie einigten sich darauf, einen dritten Anlauf zu wagen. Witschi bat um Fotos, auf denen sich Neukom wiedererkennt. Erneut traf man sich in dessen Büro. Der Regierungsrat übergab ihm einige Aufnahmen, die Witschi, wie er sagt, «fast ein bisschen schockierten». Es waren offizielle Bilder, die aus einem Bankenprospekt stammen könnten.
Witschi wählte eines aus und versuchte, ein Lächeln hineinzubringen, dazu die Jugendhaftigkeit. Er arbeitete an Details: dem Ohr, durch das Licht fällt, der Brille mit den kleinen Reflexen. Sogar ein Superman-Emblem versteckte er.
Witschi zeigte Neukom das neue Porträt. Am 11. April, einem Samstag, erhielt er um 8.13 Uhr ein kurzes E-Mail des Regierungspräsidenten. «Ich kann mich auch mit der dritten Version nicht anfreunden.» Neukom fügte an: «Wir vergüten dir selbstverständlich deine Aufwände.»
Ein Satz in Neukoms E-Mail fiel dem Maler auf: «Ich fühle mich entstellt.»
Witschi, der seit seiner Kindheit mit einer körperlichen Behinderung lebt, dessen Kunst sich seit Jahrzehnten mit Deformation, Verletzlichkeit und der Sichtbarmachung des Unbequemen beschäftigt, empfand die Wortwahl als «missglückt».
Nun möchte er entschädigt werden, zumal er mehr geliefert habe als vereinbart. Letzte Woche stellte er 20'000 Franken in Rechnung. «Ja», schreibt Kommunikationschef Bonderer auf die Frage, ob Witschi bezahlt werde. In welchem Umfang? «Die Details sind noch zu klären.»
Ebenfalls offen sei, wer Neukom, der sich 2027 zur Wiederwahl stellt, nun in Öl festhalten wird.
In bester Gesellschaft
Der Fall wirft eine grössere Frage auf als jene des Geschmacks. Auf der Website der Ahnengalerie fehlt ein Hinweis auf ein formelles Abnahme- oder Vetorecht. Was soll ein offizielles Porträt sein: Repräsentation, Wiedererkennung oder Kunst? Was, wenn der Staat einen Künstler beauftragt – und am Ende allein der Porträtierte entscheidet, welches Bild von ihm entstehen und gesehen werden darf?
Bonderer erklärt, das Bild müsse, weil es für die Ahnengalerie vorgesehen sei, «in den Kontext dieses Ortes passen, und die porträtierte Person muss sich mit der künstlerischen Darstellung identifizieren können». Daher habe Neukom alle drei Werke abgelehnt. «Er kann sich mit der künstlerischen Darstellung nicht identifizieren.»
Der Grünen-Regierungsrat befindet sich in bester Gesellschaft. Unlängst liess US-Präsident Donald Trump (79) seine Aufnahmen in der Porträtgalerie in Washington austauschen. Das zuvor ausgewählte Bild soll ihm missfallen haben.