Darum gehts
- Immer mehr Kantone und Städte diskutieren über Abschaffung der Frühstunde
- Studie: Schlafdauer erhöht sich um 45 Minuten, bessere Gesundheit und Leistung
- Späterer Unterrichtsstart bei Schülern und Eltern beliebt
Keine Frühstunde, dafür länger schlafen. Wovon früher viele Schülerinnen und Schüler nur müde geträumt haben, wird nun an immer mehr Orten in der Schweiz Realität. Die allermeisten Kinder und Teenager sowie die Eltern sind damit zufrieden – und auch die Wissenschaft sieht Vorteile.
Ein späterer Schulbeginn am Morgen könne «einiges bewirken», schreiben etwa die Universität Zürich und das Universitäts-Kinderspital in einer kürzlich erschienenen Studie. Die Schlafbiologie von Jugendlichen sei auf ein spätes Einschlafen ausgerichtet – aufgrund hormoneller Umstellungen. In Kombination mit dem frühen Schulstart entstehe ein Schlafdefizit. Möglicher Lösungsansatz: späterer Schulbeginn mit flexiblen Randzeiten.
Mehr Schlaf dank späterem Schulbeginn
Basis der Studie ist eine Untersuchung an der Oberstufe Gossau im Kanton St. Gallen. Seit 2022 beginnt dort der reguläre Unterricht erst um 8.30 Uhr. Die Schülerinnen und Schüler haben jedoch die Möglichkeit, bereits um 7.30 Uhr in der Schule zu erscheinen. Die Zeit bis zur ersten Unterrichtsstunde kann individuell gestaltet werden – etwa mit Lernen, Gruppenprojekten oder Angeboten der Schule.
Die Ergebnisse sprechen für das Modell: Rund 95 Prozent der Schülerinnen und Schüler in Gossau nutzen den späteren Schulbeginn. Die Schlafdauer habe sich durchschnittlich um 45 Minuten verlängert, so die Studie. Dies verbessere die Gesundheit und die schulische Leistung.
Frühstunden verschwinden immer häufiger
Neu ist die Idee eines späteren Schulbeginns nicht. In Basel-Stadt starten alle Schulen von der 1. bis zur 9. Klasse seit 2015 erst um 8 Uhr. Das Modell wird auch im Berner Spitalackerquartier bereits seit Jahren erprobt – auf Wunsch der Eltern. Die ehemalige Berner Bildungsdirektorin Christine Häsler (63, Grüne), die ihr Amt Ende März abgegeben hat, verlängerte den Versuch bis Sommer 2027. Nach ihrer Auffassung soll die Zeit bis dahin genutzt werden, um die notwendigen Rahmenbedingungen zu schaffen, damit auch andere Schulen das Modell einführen können.
In Neftenbach ZH ist man schon einen Schritt weiter. Seit diesem Schuljahr beginnt der Unterricht für die Sekundarschüler erst um 8 Uhr. Dafür verkürzte man etwa die Pausen zwischen den Lektionen. Ähnlich wie in Gossau können die Schüler auch in Neftenbach bereits um 7.30 Uhr erscheinen. Bis zum regulären Unterrichtsbeginn bietet die Schule eine betreute Auffangzeit an.
Weitere Schulen dürften folgen: Erst letztes Jahr hat der Zürcher Gemeinderat beschlossen, dass der Unterricht für Sekschülerinnen und Sekschüler in der Stadt frühestens um 8 Uhr beginnen soll. Es gilt jedoch noch eine Übergangsfrist von vier Jahren. Auch die Stadt Luzern plant die Abschaffung der Frühstunde für die Sekundarschulen.
Nicht nur Lob für neue Modelle
Doch nicht alle sehen die Abschaffung der Frühstunden positiv. Das zeigte sich letztes Jahr im Stadtzürcher Parlament, das die Reform mit 71 zu 48 Stimmen durchwinkte.
Die damalige FDP-Gemeinderätin Isabel Garcia (62) kritisierte etwa, die Verkürzung der Mittagspause auf 60 Minuten führe zu einer Überlastung der schulischen Infrastruktur – etwa bei den Sporthallen. Gemeinderätin Christine Huber (41, GLP) war zudem der Meinung, dass «ein späterer Unterrichtsbeginn für viele Familien eine schlechtere Abstimmung mit den Arbeitszeiten der Eltern» zur Folge habe.
Laut dem ehemaligen Stadtrat Filippo Leutenegger (73, FDP) spielt es sowieso «keine grosse Rolle, wann die Schule beginnt». Am Nachmittag seien die Schüler noch weniger konzentriert. Zudem werde es mit einem späteren Unterrichtsbeginn schwieriger, den Stundenplan angemessen zu gestalten. Auch der oberste Schweizer Schulleiter, Thomas Minder, verteidigte die Frühstunde gegenüber SRF. Beim Start ins Berufsleben müssten Jugendliche womöglich auch früher aufstehen – trotz anderem Schlafrhythmus.