Michael Hermann, der erfolgreichste Schweiz-Erklärer
«Ich habe Angst vor einem Bedeutungsverlust»

Ob Corona-Sorgen, der Stadt-Land-Graben oder Männer, die immer rechter werden – Michael Hermann hat für alles eine Erklärung. Was macht ihn so erfolgreich, und warum googeln viele «Zahnspange» und seinen Namen?
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Er müsse «immer weiterfliegen, um nicht vom Himmel zu fallen», sagte Hermann einmal.
Foto: Mirjam Kluka

Darum gehts

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Lukas Lippert
Beobachter

Michael Hermann ist schnell gelangweilt. Auch an diesem Donnerstagabend Ende April. Es entstehen kaum Kontroversen im Saal des Naturama in Aarau, das Publikum nickt meist zustimmend. Der «flotte Denker», wie die NZZ einmal titelte, wacht nur kurz auf, als er in der ersten Reihe Marianne Binder erkennt, die Aargauer Ständerätin. Verschwörerisch zwinkert Hermann ihr zu: «Hoi Marianne.» Selbstverständlich ist er mit ihr per Du.

Hermann hat auf Einladung der Caritas gerade erklärt, wie sich die Schweizer Migrationsdebatte in den letzten 60 Jahren erstaunlich wenig verändert hat – von der Schwarzenbach- bis zur 10-Millionen-Schweiz-Initiative. Bei der anschliessenden Podiumsdiskussion – neben einer Professorin, die mit Fachbegriffen langweilt, und einem Regierungsrat, der nur Floskeln von sich gibt – wirkt der Politgeograf fast wie ein Popstar. 

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Hermann denkt gross und visuell, komplizierte Daten verpackt er in einfache Grafiken. Seine Legasthenie, in der Kindheit schon diagnostiziert, begriff er früh als Trumpf. Vorträge hält er – wie alle seine Reden – ohne Notizen. Und er beherrscht, was den meisten Rednern abgeht: Kunstpausen und witzige Pointen («Jedes Jahr kommt die Stadt St. Gallen dazu, erzählt die SVP, wenn es um Zuwanderung geht. Eine Stadt St. Gallen – das reicht wirklich, denken sich da wohl viele»).

Es war – mal wieder – ein langer Tag für Hermann. Am Morgen hatte er noch in Chur vor Fernsehkameras seine neusten Wahlprognosen präsentiert: Die Bündner SVP könnte wieder in den Regierungsrat einziehen, weil sie sich gegen den Wunschkandidaten von Magdalena Martullo-Blocher entschied – ausgerechnet. Ein typischer Hermann, könnte man sagen: Mit spitzbübischer Freude liefert er nicht nur nackte Zahlen, sondern auch gleich die verführerische Story dahinter.

Später im Grossraumbüro seines Umfrageinstituts Sotomo wartet an diesem Tag nicht nur der Beobachter-Journalist. Auf dem Programm stehen auch ein Mitarbeitergespräch und eine Kundenbesprechung. Hermann hat wenig Zeit, erzählt dann aber doch länger als geplant.

Über Zahlen redet er nicht gern

Die Atmosphäre erinnert eher an eine Studentenbude als an ein KMU mit Millionenumsatz. Bier, Prosecco und Mate stehen in der offenen Küche bereit. Fast nur junge Leute arbeiten an ihren Laptops. Von der Dachterrasse aus sieht man bis zu den Glarner Alpen.

Der Schlaks mit Fingern wie ein Klavierspieler strahlt das Selbstvertrauen eines Mannes aus, der auf der Strasse erkannt wird. Und das auch weiss.

Im Gespräch bezeichnet er sich immer wieder als «Patron» und «Unternehmer». Nur über konkrete Zahlen redet er ungern. Einzig so viel: Er habe 16 Angestellte, zahle gute Löhne, und sein Unternehmen sei «gesund». Umsatz und Gewinn behalte er für sich – das wüssten nicht einmal seine Mitarbeiter. 

«Sie können aber schreiben, ich sei mehrfacher Millionär. Das stand schon so in der ‹Weltwoche›», sagt er – und schmunzelt. An seinem Wohnort in Zürich-Wipkingen kaufte er 2010 Stockwerkeigentum für 1,6 Millionen Franken. Heute dürfte die Immobilie mindestens das Doppelte wert sein.

Hermanns Nähe zur Macht

Der Journalist und ehemalige SVP-Politiker Christoph Mörgeli hatte ihm in der «Weltwoche» vorgeworfen, der Erfolg sei ihm zu Kopf gestiegen. Hermann lasse sich von der «Hybris verführen» und sei ein «Meinungsverdreher», der seine Öffentlichkeit für eine eigene politische Agenda missbrauche. Hermann reagierte mit der Erfahrung eines Medienprofis. Er sei «mehrheitlich» Politbeobachter und nur «gelegentlich» Strippenzieher.

Gleichwohl ist Hermanns Nähe zur politischen Macht augenfällig. Besonders nah ist er heute der GLP, nachdem er während seiner Studentenzeit 15 Jahre lang SP-Mitglied gewesen war. Smarte Grünliberale wie Nicola Forster, Corina Gredig und Kathrin Bertschy bezeichnete er auch schon als Freunde. Und er war es auch, der Martin Pfister – mit dem er ebenfalls per Du ist – in einem «längeren persönlichen Gespräch» zur Bundesratskandidatur motiviert hat, damit die Regierung nicht «noch konservativer» wird. Seither gilt er als Bundesratsmacher, was ihm viel Ehre und ein paar neue Feinde bescherte, etwa Mörgeli.

Hermann befragt nicht nur Menschen zu allen möglichen Themen – sei es zu Migration, Gewalt, Sex oder Corona –, er schreibt auch Kolumnen. Aktuell für die «NZZ am Sonntag». Dabei kommentiert er gern Umfragen, die er selbst durchgeführt hat. Wer ihn mit Studien beauftragt, kauft nicht bloss nüchterne Daten, sondern auch wertvolle Aufmerksamkeit.

Google-Suche und Zahnspange

Sein Erfolg zeigt sich seit kurzem auch äusserlich. Der über 50-Jährige trägt eine Zahnspange, was ihn aktuell leicht lispeln lässt – und auch dem Fernsehpublikum auffällt. Wer Michael Hermann googelt, findet auf Platz drei den Suchvorschlag «Zahnspange» – gleich nach «Politologe» (wobei Hermann eigentlich Geograf ist). Es habe ihn schlicht gestört, wie er auf Fotos aussah, erklärt er: das spitze Kinn, die leicht schiefe Zahnstellung.

Zudem sei es an der Zeit gewesen, sich vom alten Zahnarzt in «Huttu» zu emanzipieren, meint Hermann. In Huttwil im Berner Oberaargau ist er aufgewachsen. Sein Vater führte dort die Dorfdrogerie, stand aber zeitlebens im Schatten der Mutter, einer extrovertierten «Strahlefrau», wie er sagt. Hermann wollte nie unsichtbar bleiben. 

Schon als Teenager trug er eine Spange. Das habe aber nicht funktioniert, sagt er. Doch den Zahnarzt konnte er nicht wechseln, er war ein Freund der Familie. Gegen Ende des Studiums in Zürich habe er einen zweiten Anlauf genommen. «Den Eingriff, der mir vorgeschlagen wurde, fand ich aber übertrieben, und es war mir peinlich, als Erwachsener noch eine Spange zu tragen. Irgendwann dachte ich dann: wieso eigentlich?»

Ehrgeiz und schmerzhafte Todesfälle

Er müsse «immer weiterfliegen, um nicht vom Himmel zu fallen», sagte Hermann einmal. «Ich habe Angst vor einem Bedeutungsverlust», bestätigt er vor seinem Auftritt in Aarau. Seine Getriebenheit, sein protestantischer Ehrgeiz, nährt sich auch aus schmerzhaften Erfahrungen. 

Als Hermann 22 Jahre alt war, beging sein Bruder Suizid. Auch sein Freund und langjähriger Geschäftspartner Heiri Leuthold starb völlig unerwartet an Herzversagen. «Ich merkte früh, wie vergänglich das Leben ist», so Hermann. «Der Tod und damit auch das absurde Gefühl, wie klein meine Welt im Vergleich zum Universum ist, begleiten mich seither. Sie relativieren viele Sorgen und ermöglichen mir auch eine innere Freiheit.»

Er versuche, offen zu bleiben – nicht zu verholzen, wie viele andere in seinem Alter. «Je älter ich werde, desto mehr Leute treffe ich, die sich nicht mehr fürs Fragen interessieren. Sie erzählen lieber. Das finde ich langweilig.» Und sein Erfolg gibt ihm recht: Niemand erklärt die Schweiz so präzise, pointiert und unterhaltsam wie er – nicht seit Claude Longchamp, dem «Mann mit der Fliege» von der Konkurrenz, dem GFS Bern.

In den Ferien schreibt er an einem Buch

Es ist bereits nach 21 Uhr. Beim Apéro in Aarau werden die zweiten Gläser Weisswein gefüllt. Morgen früh wird Hermann in die Ferien reisen. Velofahren in Italien mit seiner langjährigen Partnerin. Ob er dort auch mal entspannen wird, ist fraglich. Während der letzten «Ferien» schrieb er an einem Buch, das er gemeinsam mit NZZ-Autor Samuel Tanner noch dieses Jahr veröffentlichen möchte: Es geht darum, wie die Schweiz tickt – und soll auch «literarische Qualitäten» haben, sagt Hermann.

Noch während seines Italienaufenthalts wird im «Tages-Anzeiger» ein Interview mit ihm erscheinen. Thema erneut: die 10-Millionen-Initiative. Hermann greift darin die Schweizer Wirtschaftselite an. Diese habe sich so weit vom Volk entfremdet, dass es inzwischen keine Angst mehr habe vor möglichen wirtschaftlichen Folgen einer Annahme. Hermann provoziert mit seinen Aussagen fast 600 Kommentare.

So geht das.

Und seine Reaktion auf diesen Text? Hermann schrieb trotz Abstimmungssonntag noch am selben Tag zurück – um 23.37 Uhr. Der Text gebe grundsätzlich ein treffendes Bild ab, meint er. «In der Summe ist die gezeichnete Person etwas selbstbewusster, eitler und von Selbstzweifeln befreiter, als ich mich selbst wahrnehme. An diesem Tag war ich allerdings wirklich nicht am Hadern …»

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