Es ist eine der spektakulärsten Polit-Scheidungen des Landes. Die Sozialdemokratische Partei und der Zürcher Ständerat Daniel Jositsch (61) gehen getrennte Wege. Dabei scheint das Narrativ klar: Hier eine immer radikalere SP, dort Everybody’s Darling Jositsch, der aufgrund seiner sozialliberalen Positionen weggemobbt wurde.
Doch ist die Sachlage wirklich so schwarz-weiss? Ein Blick hinter die Geschichte zeigt: Da gibt es noch einige Schattierungen.
Vor der denkwürdigen Delegiertenversammlung der SP am 28. Mai in Zürich-Schwamendingen herrschte ein Kesseltreiben: Unbekannte druckten Aufkleber, auf denen für Jositschs Kontrahentin, Nationalrätin Jacqueline Badran (64), geworben wurde. Unter den Delegierten kursierte ein anonymes Papier mit Jositschs Sündenregister, also seinen abweichenden Haltungen, von den UNRWA-Geldern bis zur Bankenregulierung: «16 fragwürdige Positionen von Daniel Jositsch» lautet das Dokument, das Blick vorliegt. «Dies ist mehr als eine Statistik, das betrifft real Menschenleben», wird darin gewarnt.
Badrans viel beachteter Satz
In der Öffentlichkeit wurden die weltanschaulichen Gräben zwischen dem Strafrechtsprofessor und seinen Genossen eifrig beschworen. Dann machte Badran bei einer Gelegenheit die Bemerkung, dass sie bereitstünde, falls die Partei Jositsch für die Wiederwahl 2027 nicht mehr aufstelle. Mit diesem Satz geht sie als Bestatterin von Jositschs SP-Karriere in die Geschichte ein.
So weit, so unterhaltsam. Was bislang nicht öffentlich bekannt ist: Im Vorfeld des Showdowns kursierte noch ein schwerwiegenderer Vorwurf gegen Jositsch – jener der Lüge.
In den Hearings wurde er von den Delegierten auf eine Episode angesprochen, die ihm die Partei nicht verzeiht. Im April 2026 unterstützte er im Stadtratswahlkampf von Uster ZH prominent den GLP-Kandidaten Dani Frei (47), der einst aus der SP ausgetreten war. Frei ist bei vielen Genossen ein rotes Tuch, seit er 2017 das Co-Präsidium der Zürcher SP kurz nach dem Schicksalsschlag einer Parteifreundin abgegeben hat.
Person «konnte sich nicht mehr erinnern»
Vor allem aber handelte es sich im April um eine Kampfwahl gegen die SP. Schliesslich machte GLP-Mann Frei auf Kosten der Linken das Rennen. Die SP-Delegierten konfrontierten Jositsch damit. Seine Antwort: Er habe die SP Uster zuvor in Kenntnis gesetzt. Nur logisch, dass die Drähte darauf heissliefen und die SP-Mitglieder verdutzt feststellen mussten, dass die Sektion Uster nichts von einer Vorabinformation durch Jositsch gewusst hatte.
«Jositsch hat gelogen!», wurde danach in den Threema-Channels geschimpft. Und der Volksvertreter, der sich bei der Bundesratswahl über die eigene Fraktion hinweggesetzt hatte, der einen SVP-Ratskollegen zum Verteidigungsminister empfohlen hatte und in der Neutralitätspolitik auf Blocher-Linie gewandelt war, galt nun als abschussreif. Der Rest ist Geschichte. Mit 109 zu 94 Stimmen wurde ihm in Schwamendingen die Nomination verweigert. Ein paar Tage später erklärte er den Parteiaustritt. Er wolle nicht die «Klobürste» der SP sein – jenes Utensil, das man hervornehme, wenn man es für die Drecksarbeit brauche, um es anschliessend wieder in die Ecke zu stellen.
Daniel Jositsch bezeichnet den Fall Daniel Frei auf Anfrage als «lächerliche Geschichte». In den Hearings sei es primär um das Strassburger Klimaseniorinnenurteil, um Gaza, Feminismus und Gender gegangen. Dass er den Ustermer GLP-Politiker, mit dem er privat befreundet sei, unterstützt habe, liege auf der Hand. Er sei, sagt Jositsch, tatsächlich überzeugt gewesen, damals die SP Uster informiert zu haben, «die Person konnte sich dann aber nicht mehr erinnern». Es sei «stossend», wie die SP nun versuche, die Sache umzudrehen. «Wenn jemand nicht sauber gespielt hat, dann jene, die im Vorfeld mit Klebern Stimmung für Jacqueline Badran machten.»
Der Streit um die Ukraine-Hilfe
Badran will die Sache nicht öffentlich kommentieren. Sie ist dazu verdammt, im Herbst 2027 gegen den Ein-Mann-Wiederwahl-Verein Jositsch um einen der beiden Zürcher Ständeratssitze anzutreten.
Die zwei sind einander schon länger in Abneigung verbunden. Beispielhaft ist eine Episode aus der SP-Bundeshausfraktion nach Ausbruch des Ukraine-Kriegs, die mehrere Zeugen bestätigen: Zusammen mit den Nationalräten Fabian Molina (35) und Eric Nussbaumer (65) hatte Badran einen Vorschlag zur Lockerung der Hilfe für Kiew ausgearbeitet – wonach die Schweiz einen Angegriffenen unterstützen dürfte, sofern zwei Drittel der Uno-Versammlung den Konflikt als Angriffskrieg einstuften. Jositsch erhob sich in der Fraktion und stellte sich mit Verweis auf die Neutralität lautstark dagegen. Es folgte ein hitziges Wortduell mit seiner Sitznachbarin über den moralphilosophischen Wert von Neutralität und Kriegsrecht – bis er rief, er sei schliesslich Juraprofessor, und sie entgegnete, er solle gewisse Begriffe doch erst mal googeln.
Was bleibt, ist ein Rosenkrieg in Zeitlupe – mit dem Wahlherbst 2027 als nächster Eskalationsstufe.