Kronprinz geht nach Singapur
Cassis bringt seine Schäfchen ins Trockene

Aussenminister Cassis dürfte spätestens Mitte 2028 aufhören. Dann geht seine rechte Hand Cédric Stucky nach Singapur. Die Personalie gibt zu reden.
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Vorhang auf für die Weltbühne: Aussenminister Cassis (r.) mit seinem iranischen Kollegen in Genf.
Foto: keystone-sda.ch

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Ignazio Cassis plant offenbar Rücktritt Ende 2027 oder Mitte 2028, Personalwechsel zeigen Hinweise
  • Berater Cédric Stucky soll 2028 Botschafter in Singapur werden
  • EDA-Kritik: Botschafterposten und Personalpolitik sorgen für Unzufriedenheit und Frustration
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Raphael RauchBundeshausredaktor

OSZE‑Chef, Architekt des EU‑Deals – und Gastgeber der Ukraine-Gespräche in Genf: Plötzlich hat Aussenminister Ignazio Cassis (64) einen Lauf. Gleichzeitig verdichten sich die Hinweise, dass er spätestens Mitte 2028 zurücktreten könnte. Denn dann wechselt sein diplomatischer Berater Cédric Stucky (40) nach Singapur. Doch der Reihe nach.

Selbst Cassis’ schärfste Kritiker im EDA finden: Der Tessiner ist für sein engstes Umfeld ein fürsorglicher Chef. Aktuell laufen Planungen, um seine Schäfchen ins Trockene zu bringen. Mit Markus Seiler (57) verlässt Cassis’ engster Stratege das Schiff. Der langjährige Generalsekretär, zuvor Chef des Nachrichtendienstes, geht als Botschafter nach Kanada: ein Nato-Land mit perfekter Brückenfunktion zu den USA; nahe an Washington, ohne in Washington zu sein; wichtig für Transatlantik-Fragen und das Grönland-Dossier. Seiler war Cassis’ Mann für die heiklen Dossiers und die Machtmechanik in der Bundesverwaltung. Dass er im Dezember in Ottawa (Kanada) seine Zelte aufschlägt, zeigt: Cassis plant seinen Abgang.

Kronprinz Stucky und das gemachte Nest in Singapur

Besondere Brisanz hat die Personalie Cédric Stucky. Der persönliche Berater von Cassis gilt im EDA als exzellenter Diplomat. Selbst jene, die mit dem Chef längst gebrochen haben, loben Stucky in höchsten Tönen. Stucky ist immer dabei, wenn es wichtig wird: an Cassis’ Seite auf Auslandsreisen, in Sitzungen des Uno-Sicherheitsrats, bei symbolträchtigen Auftritten auf der Weltbühne. Optisch ist er das Gegenbild zum oft «casual» auftretenden Kommunikationschef Nicolas Bideau (56), der auch mal in Turnschuhen Staatsoberhäupter begrüsst. Stucky trägt stets Krawatte und Lederschuhe, die Haare sind akkurat gekämmt – ein Diplomat wie aus dem Bilderbuch.

Genau dieser Mann soll, wie Parlamentarier erzählen, Mitte 2028 Botschafter in Singapur werden. Pikant: Die Botschafterin, die den Posten erst diesen Sommer antritt, soll nach zwei Jahren schon wieder abgezogen werden. Sie ist Lückenfüllerin, bis Stucky das gemachte Nest übernehmen kann. Die Botschaft in Singapur wird so zum Wartesaal für den Kronprinzen des Aussenministers. Die Konstellation erinnert auffällig an das Verteidigungsdepartement: Auch bei Viola Amherd (63) deutete der Abgang ihrer Beraterin Brigitte Hauser-Süess (71) darauf hin, dass die Chefin nicht mehr lange bleiben würde. Nur zwei Wochen nach Hauser-Süess’ letztem Arbeitstag trat Amherd zurück.

Sesselkleben in Berlin – und im Nahen Osten

In Berlin deutet alles ebenfalls auf eine Übergangslösung hin. Botschafterin Livia Leu (64), frühere Chefunterhändlerin im EU-Dossier, bleibt über ihren 65. Geburtstag hinaus in der deutschen Hauptstadt und kassiert dafür jährlich 300’000 Franken. Im EDA wird hinter vorgehaltener Hand von einer «Sesselkleberin» gesprochen: Leu sitzt auf einem der prestigeträchtigsten Posten der Schweiz, während jüngere Diplomaten auf Beförderungen warten.

Offiziell argumentiert das Departement, man wolle das Potenzial älterer Mitarbeitender nutzen. Inoffiziell heisst es: In Berlin wird Zeit überbrückt, bis ein Vertrauter von Cassis bereitsteht – im Gespräch ist Patric Franzen (55), der als Bauleiter des EU-Dossiers gilt und die Bilateralen III auf Kurs bringen soll. Je nachdem, wie schnell es hier vorwärtsgeht, will Cassis Ende 2027 oder Mitte 2028 abtreten. Leu, die in Berlin nicht immer dossierfest auftritt, soll bis Sommer 2027 in der deutschen Hauptstadt bleiben.

Ein weiterer Sesselkleber ist Nahost-Sonderbotschafter Wolfgang Amadeus Brülhart (64). Er erreicht nächsten Monat das Pensionsalter, verbleibt aber im Amt. Die Begründung des EDA: Sein Netzwerk und seine Erfahrung seien in dieser Phase unverzichtbar – unter anderem bei heiklen US-Iran-Gesprächen in Genf.

Wer wird noch versorgt?

Offen ist, was mit den übrigen Mitgliedern des «inner circle» geschieht. Kommunikationschef Nicolas Bideau (56) wird in Bundesbern längst als Botschafter-Kandidat gehandelt, ebenso Sicherheitsexperte Gabriel Lüchinger (48). Auch für Referent Yves Baeriswyl und die Tessiner Vertraute Anna Fazioli dürfte es attraktive Anschlussverwendungen geben. Parteikollege Matthias Leitner (39), so hört man aus der FDP, dürfte seine Karriere ausserhalb des EDA fortsetzen.

Dass ein abtretender Bundesrat verdiente Weggefährten versorgt, stösst an sich auf Verständnis. Markus Seiler und Cédric Stucky haben die letzten Jahre ihr Privatleben zugunsten von Cassis geopfert. Was im EDA jedoch für Frust sorgt, ist die Intransparenz und das Postengeschacher, unter dem andere Diplomaten leiden.

«Das schadet dem Arbeitsklima»

SP-Aussenpolitiker Fabian Molina (35) kritisiert: «Die Personalpolitik des EDA sollte professionell, fair und transparent sein. Heute ist das leider nicht immer der Fall. Viele Personaldossiers bleiben monatelang liegen, und es ist unklar, nach welchen Kriterien entschieden wird. Das schadet dem Arbeitsklima und führt selten zu den besten Lösungen für die Schweiz.»

Molina erinnert an den Fall Jürg Burri (60), der vorzeitig als Botschafter in Peking abgezogen wurde und nach Moskau wechselte – eine Rochade, die viele im EDA als Vetternwirtschaft wahrnahmen.

Kein Assessment, keine Ausschreibung

Hinzu kommt die Ernennung des Ukraine-Delegierten ohne öffentliche Ausschreibung: Wie Blick enthüllt hatte, beförderte Cassis seinen FDP-Parteifreund Jacques Gerber (52) und missachtete dabei die Vorgaben der Personalabteilung. Sogar die Geschäftsprüfungskommission hat sich mit dem Vorgang befasst. Staatssekretär Alexandre Fasel (64) wiederum trat sein Amt an, ohne ein Assessment durchlaufen zu haben.

Um die Frauenförderung stand es im EDA auch schon besser. Wie Blick weiss, wird die Europa- und Nachhaltigkeitsabteilung mit Männern besetzt. Aus der Aussenpolitischen Kommission (APK) ist zu hören, dass Cassis’ Personalpolitik ein Traktandum werden soll. Die Hauptkritik lautet: Es kann doch nicht sein, dass eine Botschafterin für zwei Jahre um die halbe Welt geschickt wird, nur um danach dem Kronprinzen des Aussenministers Platz machen zu müssen.

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