Darum gehts
Über die Stangen turnen, gemeinsam dem Fussball nachjagen, danach noch ein Bier oder zwei trinken: Sportvereine gehören seit Generationen zur Schweiz. Doch die Zeiten ändern sich. Erstmals sind hierzulande mehr Erwachsene Mitglied in einem Fitnesscenter als in einem Sportverein. Das zeigt eine neue, repräsentative Studie des Bundesamts für Sport, an der rund 15'000 Personen teilgenommen haben.
Gerade bei Kindern ist der Vereinssport zwar weiterhin beliebt. Sie wurden für den Bericht allerdings nicht erfasst. Denn das Problem beginnt für viele später. «Ab 15 verlassen viele Jugendliche ihre Sportvereine, um etwa ins Fitnessstudio zu gehen», sagt Bundesrat Martin Pfister (63, Mitte) an einer Medienkonferenz in Bern. «Damit fehlen den Vereinen später Trainer, Unterstützende und eben auch Erwachsene, die selbst Sport treiben.»
Entfremdung im Sportverein
Aktuell bezeichnet sich etwas weniger als ein Fünftel der Befragten als aktive Vereinsmitglieder, geht also regelmässig ins Training. Sechs Prozent sind Passivmitglieder. Dazu zählt auch Pfister selbst: «Ich bin zwar in mehreren Sportvereinen Mitglied, gehe aber kaum noch ins Training. Stattdessen gehe ich ins Fitnessstudio, damit es in den Kalender passt.»
Denn im Fitnessstudio kann man fast jederzeit trainieren, ist an keine festen Trainingszeiten gebunden und kann das Training flexibel an die eigenen Bedürfnisse anpassen. «Ich bin damit wahrscheinlich ein klassisches Beispiel für die Entfremdung im Sportverein», sagt Pfister.
Der Wandel zeigt sich auch darin, welche Sportarten die Menschen betreiben. An der Spitze steht zwar weiterhin der «helvetische Fünfkampf» aus Wandern, Radfahren, Schwimmen, Skifahren und Joggen. Im Vergleich zu 2020 hat er jedoch an Beliebtheit eingebüsst. Deutlich zugelegt haben dagegen Krafttraining und Yoga.
Von den «Muckibuden» zur Boomsportart
Während Yoga über die Jahre kontinuierlich neue Anhängerinnen und Anhänger gewonnen hat, hat das Krafttraining seit 2014 einen regelrechten Sprung gemacht. Aus den «Muckibuden» der 1980er-Jahre ist längst ein vielfältiger Fitnessmarkt mit unterschiedlichsten Angeboten und Ausrichtungen entstanden. «Yoga und Krafttraining können zweifellos als die Boomsportarten der letzten Jahre bezeichnet werden», heisst es im Bericht «Sport Schweiz».
Mittlerweile besitzt mehr als jede fünfte Person in der Schweiz ein Fitnesscenter-Abonnement. Besonders jüngere Menschen, Personen aus der Deutschschweiz und die Stadtbevölkerung sind häufiger im Fitnesscenter anzutreffen.
Das Einkommen spielt ebenfalls eine Rolle. «Zwar unterstützen Krankenkassen viele Mitgliedschaften finanziell, und das ist sicher auch ein Teil des grossen Erfolgs der Fitnessbewegung», sagt Pfister. Trotzdem bleibt der Zugang zum Fitnesscenter eine Frage des Geldes, wie der Bericht des Bundesamtes für Sport zeigt: Von den Personen mit hohem Einkommen trainiert etwa jede Dritte im Fitnesscenter, bei den Personen mit tiefem Einkommen ist es nur jede Siebte.
Auch bei den Motiven gibt es Unterschiede zu den übrigen Sporttreibenden. Für Fitnesscentermitglieder spielen «Figur und Aussehen» eine besonders wichtige Rolle. Gerade bei Jugendlichen kann der Druck, schnell sichtbare Erfolge zu erzielen, jedoch auch Schattenseiten haben. So greifen sie häufiger zu potenziell gefährlichen Substanzen, um schneller Muskeln aufzubauen oder ihre Leistung zu steigern.
Trotz dem Wandel bleibt die Schweiz eine ausgesprochen sportliche Nation. Im europäischen Vergleich belegt sie den dritten Platz. Sport ist hierzulande weiterhin eng mit Gesundheit, Bewegung und Lebensqualität verbunden – unabhängig davon, ob das Training in der Turnhalle, auf dem Fussballplatz oder im Fitnessstudio stattfindet.