Funktioniert der Farblos-Trick?
Hier regieren die Anti-Partei-Politiker

Parteilos zur Macht: In immer mehr Gemeinden kandidieren Politiker bewusst «farblos» – und gewinnen damit Wahlen. Mal versteckt ein Kandidat sogar seine Mitgliedschaft, mal treten selbst die Stapi-Kandidaten ohne Parteibuch an. Doch der Trend sorgt auch für Kritik.
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Ohne Parteibüchlein bei Wahlen? In Bundesbern dominieren die Parteien – in den Gemeinden verlieren sie massiv an Einfluss.
Foto: keystone-sda.ch

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Bereits 48 Prozent der Gemeinderäte sind parteilos, zeigt eine Studie
  • Bei Zürcher Gemeindewahlen gibt es auch in Städten parteilose Bewerber
  • In Balsthal SO führten neue Regeln ohne Parteiproporz zu Run auf Kommissionssitze
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Sven AltermattCo-Ressortleiter Politik

Im Bundeshaus läuft ohne sie fast nichts. In den Gemeinden aber droht den Parteien der Bedeutungsverlust: Immer mehr Politiker treten hier ohne Parteibuch an – SVP, Mitte, SP und Co. verlieren an Einfluss.

Unterdessen sind Parteilose zur stärksten Kraft in den Gemeinderegierungen geworden. 48 Prozent der Gemeinderäte gehören keiner Partei an, Ende der 1980er-Jahre waren es erst 13 Prozent. Das zeigt das jüngste «Gemeindemonitoring» der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. 

Landauf, landab lässt sich dieser Tage beobachten: Hier ist etwas ins Rutschen geraten. Da gibt es – auch grössere – Gemeinden, in denen die meisten Kandidierenden parteilos sind. Da ist ein SVP-Politiker, der sein Parteibuch plötzlich lieber versteckt. Und da findet sich ein Dorf, das Parteien fast ganz aus dem System entfernt.

Der Fall Zürich

Zuerst in den grössten Kanton des Landes: In den Zürcher Gemeinden, wo am Sonntag gewählt wird, treten auffällig viele Kandidierende ohne Parteizugehörigkeit an. Der Trend erfasst längst auch grössere Gemeinden. So etwa Embrach: Im 10’000-Einwohner-Ort sind vier von acht Kandidierenden für die Exekutive parteilos. 

Selbst in Regensdorf – einer schnell wachsenden Gemeinde mit rund 20’000 Einwohnern – treten auffällig viele Kandidierende ohne Parteibuch an. Drei der zehn Bewerber für den Gemeinderat sind parteilos. Besonders sichtbar wird der Trend beim Gemeindepräsidium: Der parteilose Tobias Stutz (54) fordert den ebenfalls parteilosen Amtsinhaber Stefan Marty (60) heraus. Beide werben mit ihrer Unabhängigkeit. Stutz spricht gar von einem «politischen Korsett», in das er ungern gezwungen werde.

Andernorts zeigt sich das gleiche Bild: In Birmensdorf kandidieren vier von sieben Personen ohne Parteibindung. In Neerach treten insgesamt acht Personen an – nur eine davon gehört einer Partei an. Und in kleineren Gemeinden stellen sich teils sogar ausschliesslich Parteilose zur Wahl. Überall ist das Argument zu hören: In der Gemeinde gehe es um die Sache, nicht um Parteipolitik.

Der Fall Staufen AG

Hat man ohne Parteibuch bessere Chancen, gewählt zu werden? Im aargauischen Staufen kandidierte kürzlich ein bisheriger SVP-Gemeinderat plötzlich ohne Etikett – wie sämtliche übrigen Kandidierenden. Im Dorf sorgte das bei manchen für Unmut: So sei schlicht nicht mehr erkennbar, wofür jemand stehe.

Der SVP-Mann selbst begründete den Schritt anders. Es sei kein Bruch mit seiner politischen Herkunft, «sondern Ausdruck unseres Bestrebens, den Fokus ganz auf die Anliegen unserer Gemeinde und die Zusammenarbeit im Gemeinderat zu legen», sagte er der «Aargauer Zeitung». Im Vordergrund stehe der Wille, gemeinsam tragfähige Lösungen zu finden.

Der Fall Balsthal SO

Radikal ging man in Balsthal vor: In der 6600-Einwohner-Gemeinde wurde die Rolle der Parteien zurückgedrängt. Nach einer Revision der Gemeindeordnung wurden die Kommissionssitze erstmals öffentlich ausgeschrieben, die parteipolitische Verteilung gestrichen. Der Wahlvorschlag über eine Partei ist seither keine Voraussetzung mehr. Das Balsthaler Modell bricht mit der Tradition. Denn üblicherweise kümmern sich die Parteien um die Rekrutierung für die Gemeindegremien.

Und siehe da: Das Interesse stieg deutlich. Für 46 Sitze gingen im Herbst 2025 insgesamt 70 Bewerbungen ein – so viele wie noch nie. Die Gemeinde wertet das als Erfolg. Die neue Gemeindeordnung zeige Wirkung, bilanzierte die Exekutive. Dadurch hätten mehr Menschen die Möglichkeit erhalten, sich einzubringen, was direkt zu den zahlreichen Bewerbungen geführt habe.

Ist das Parteibüchlein ein Nachteil?

Rot, schwarz, grün? Die politischen Farben sind out! Jetzt ist farblos angesagt. Politologen sprechen von einer «Erosion der Lokalparteien». Viele, die sich engagieren, sehen die Kommunalpolitik als weniger ideologisch und stärker sachorientiert. Entsprechend erkennen sie oft keinen klaren Nutzen mehr in einer Parteizugehörigkeit – oder verzichten bewusst darauf, weil sie im eigenen Umfeld schnell als zu ideologisch wahrgenommen wird.

Eine Studie der Uni Zürich zeigte schon vor Jahren: Rund 90 Prozent der befragten Gemeinderäte finden, Lokalpolitik funktioniere ohne Parteien gleich gut. Parteien seien zu stark auf Konflikte fixiert.

Wer einer Partei angehört, bekennt sich zu einem politischen Programm – und wird damit für die Wählerinnen und Wähler berechenbar. Parteilose spielen diese Karte bewusst nicht. Das kann für sie zum strategischen Vorteil werden: Sie bieten weniger Angriffsfläche und behalten mehr Flexibilität.

Der Trend wird von den grossen Parteien meist stillschweigend hingenommen. Doch ganz ohne Kritik bleibt die Entwicklung nicht. Manche stören sich daran, dass Positionen hinter dem Etikett «parteilos» verschwimmen.

So etwa Dölf Conrad (69), abtretender Gemeindepräsident von Wildberg ZH. Er, der sich selbst zum linken Flügel der SVP zählt, sagte kürzlich dem «Zürcher Oberländer»: «Der Bürger kann einen Parteilosen schwierig einschätzen.» Das finde er nachteilig, denn «als Politiker sollte man Farbe bekennen, und eine gewisse Grundhaltung sollte erkennbar sein».

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