Darum geht es bei der Halbierungs-Initiative
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Sparmassnahmen für die SRG:Darum geht es bei der Halbierungs-Initiative

Amélie Galladé und Marcel Dettling im Streitgespräch
«Ihr wollt die SRG ins Chaos stürzen!» – «Chabis!»

Sie ist der Jungstar der Grünliberalen, er der angriffige SVP-Präsident: Amélie Galladé streitet mit Marcel Dettling über die Halbierungs-Initiative. Während sie die Regionalberichterstattung in Gefahr sieht, attackiert er eine SRF-Show aus Südkorea.
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Wer hat recht? Einig sind sich Amélie Galladé und Marcel Dettling immerhin bei einer Sendung: «Schweiz aktuell». «Die ist nah bei den Leuten.»
Foto: Fabienne Bühler

Darum gehts

  • SVP-Chef Dettling und GLP-Politikerin Galladé streiten über SRG-Gebühren-Initiative
  • SRG will Gebühren halbieren, Gegner warnen vor 3000 Stellenverlusten bei Annahme
  • SRG erreicht jährlich 850 Millionen Franken, beschäftigt über 1000 neue Mitarbeitende
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.
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Jessica Pfister
Schweizer Illustrierte

«Oh, jetzt streiten wir uns gar noch um die Fernbedienung», witzelt SVP-Präsident Marcel Dettling, als er die aufgebauten TV-Apparate für das Gespräch sieht. «Keine Angst, ich schaue sowieso meist übers Handy oder den Laptop Fernsehen», gibt Amélie Galladé zurück. Die beiden kennen sich inzwischen. Marcel Dettling, 45, weibelt für die Initiative «200 Franken sind genug», GLP-Politikerin Amélie Galladé ist die jüngste Stimme im Abstimmungskomitee der Gegner. Die 21-jährige Jura-Studentin hat die Politik in die Wiege gelegt bekommen – ihre Mutter ist alt Nationalrätin Chantal Galladé.

Amélie Galladé, Marcel Dettling: Welche SRF-Formate schauen oder hören Sie?
Amélie Galladé:
Durch «Tschugger» bin ich auf Play Suisse gekommen und schaue auf diesem Streamingdienst auch gern Schweizer Filme. Regelmässig höre ich den Podcast von «Echo der Zeit».
Marcel Dettling: Was, das hörst du doch nicht? In deinem Alter?
Galladé: Doch, jeden Tag. Beim Schminken oder beim Zmorge.
Dettling: Ich schalte am häufigsten bei Sportübertragungen ein. Am liebsten Skirennen. Wenn ich zu Hause bin, schaue ich «Donnschtig-Jass», und als Bauer ist der Wetterbericht von «SRF Meteo» natürlich wichtig. Wobei man heutzutage auch zahlreiche Apps dafür hat.

Artikel aus der «Schweizer Illustrierten»

Dieser Artikel wurde erstmals in der «Schweizer Illustrierten» publiziert. Weitere spannende Artikel findest du auf www.schweizer-illustrierte.ch.

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Herr Dettling, Sie haben die Skirennen erwähnt: über 100 aktive Sportlerinnen und Sportler – mit Wendy Holdener auch eine Skifahrerin aus Ihrer Region – setzen sich gegen die Halbierungsinitiative ein. Das müsste Ihnen doch zu denken geben!
Dettling:
Überhaupt nicht. Die wurden einmal mehr von den Verbänden dazu gedrängt. Schon bei der Abstimmung zum CO2-Gesetz mussten sie vor die Gletscher stehen und sagen, wie schlimm alles ist.
Galladé: Du kannst doch nicht allen Schweizer Sportverbänden und Swiss Olympic unterstellen, ihre Mitglieder zu drängen!
Dettling: Ich verstehe ja, dass sich die Sportler gegen die Initiative wehren, wenn die SRG damit droht, bei einem Ja das Lauberhornrennen zu streichen. Doch das Argument ist bireweich! Nirgendwo verdient SRF mehr Werbeeinnahmen als bei diesem Rennen, über eine Million Leute schauen zu.
Galladé: Werbung und Sponsoring decken im Schnitt nur 10 bis 20 Prozent der Kosten für die Rechte und Produktion von Sportübertragungen ab. Zudem macht die SRG über 100 Sportarten sichtbar – darunter Randsportarten. Das ist wichtig, um den Nachwuchs zu inspirieren und Sponsoren ins Boot zu holen.
Dettling: Beim Schwingen gibt es schon viele Private, die den Anlass wunderbar abdecken. Es braucht auch für andere Medien Luft zum Atmen. Es geht nicht, dass der grosse Moloch alles an sich krallt.
Galladé: Wir haben gesehen, was passiert, wenn die SRG Sportarten wie Eishockey nicht mehr gratis überträgt. Dann stellen sie Private hinter die Paywall, oder sie verschwinden ganz. Und die Abos sind deutlich höher als die 100 Franken, die man bei Annahme der Halbierungsinitiative weniger zahlen müsste.
Dettling: Aber dann kann wenigstens jeder frei entscheiden, ob er ein solches Abo möchte! Ein Freund beklagte sich kürzlich genau wegen des Eishockeys. Er zahlt die Zwangsgebühr für die SRG plus noch ein Abo, um seinen Verein spielen zu sehen!

«Das Programm ist unter jeder Sau!»
7:14
Weniger Gelder für die SRG?«Das Programm ist unter jeder Sau!»

Medienminister Albert Rösti hat bereits eine Senkung von 335 auf 300 Franken Gebühren verordnet, die SRG baut bis in drei Jahren 900 Stellen ab.
Dettling:
Die SRG hat die letzten zehn Jahre über 1000 Mitarbeiter neu eingestellt, das ist also keine richtige Sparübung. Ausserdem haben wir aufgrund der Zuwanderung jährlich einen Zuwachs von 40 000 Haushalten – die zahlen die Zwangsgebühr auch.
Galladé: Das Haushaltswachstum hat der Bundesrat bei den Einsparungen schon mit einberechnet.
Dettling: Zum Glück! Und nur wegen unserer Initiative. Die Gebühr würde aber erst im Jahr 2029 auf 300 Franken sinken. Für uns ist klar: Die SRG macht ganz viel richtig und gut. Aber dafür reichen 200 Franken pro Haushalt pro Jahr. Da bleibt allen mehr zum Leben! Auf Formate wie die Shaolin-Mönche können wir wirklich verzichten!

Sie sprechen die Sendung «Shaolin Challenge» an, in der SRF sechs Prominente nach Südkorea in einen Tempel schickt, um zu trainieren. Ist das Service public, Frau Galladé?
Galladé: I
ch finde auch nicht jede Sendung gut. Der Auftrag der SRG ist breit. Laut Verfassung muss sie Information, Kultur, Bildung und Unterhaltung anbieten. Die vom Bundesrat verordnete Einsparung befürworte ich. Damit streicht er der SRG 17 Prozent ihres Budgets. Das ist viel. Aber es macht die SRG effizienter, indem bei Strukturen angesetzt wird – ohne beim Journalismus zu sparen. Bei eurer Initiative würden Angebote leiden, die für den nationalen Zusammenhalt stehen.

Welche meinen Sie?
Galladé:
Heute führt die SRG 17 Regionalstudios. Bei einer Halbierung der Gebühren müsste eine italienischsprachige Sendung vielleicht aus Zürich produziert werden. Das will ich nicht für unser Land.
Dettling: Es steht im Initiativtext klar drin, dass gleich viel Geld in die Regionen fliessen soll wie heute. Mit dem Finanzausgleich ist das gewährleistet. Aber schau mal, wie viel Radiostationen die SRG betreibt: 17! Ist das nötig?
Galladé: Möchtest du, dass das «Regionaljournal» aus deiner Region künftig aus Zürich sendet?
Dettling: Im Kanton Schwyz berichten Tele 1, Radio Central oder Tele Züri massiv mehr über unsere Region als die SRG. Mit den Privaten lebt die Vielfalt!
Galladé: Das freut mich für euch. Ich lebe zwar in der Deutschschweiz, habe aber Familie im Wallis und bin zweisprachig aufgewachsen. In der Romandie ist die Medienvielfalt bei den Privaten nicht gegeben, immer mehr Anbieter verschwinden vom Markt.
Dettling: Weil der staatliche Moloch zu gross ist.
Galladé: Nein, weil die Werbeeinnahmen verschwinden.
Dettling: Welche die SRG den Privaten klaut.
Galladé: Soll man dann der SRG noch die Werbeeinnahmen wegnehmen?
Dettling: Darum geht es in der Initiative nicht.

Der Bauer aus Oberiberg SZ sitzt seit 2015 im Nationalrat, seit Frühjahr 2024 ist er Präsident der SVP. Mit 21 übernahm er den Hof seiner Eltern, den heute hauptsächlich seine Frau Priska führt. Zusammen haben sie drei Kinder. Er ist im Vorstand der Bauernvereinigung des Kantons Schwyz.
Foto: Fabienne Bühler

Worum geht es Ihnen denn hauptsächlich, Herr Dettling?
Dettling:
Für mich ist das stärkste Argument für ein Ja zur Initiative, dass die Unternehmen heute Gebühren zahlen müssen – obwohl die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie die Inhaber diese ja bereits privat bezahlen. Diese ungerechte Doppelbelastung würde die Initiative eliminieren.
Galladé: Mit den Gegenmassnahmen des Bundesrats sind künftig 80 Prozent der Unternehmen von der Gebühr befreit. Wir reden von den 20 Prozent umsatzstärksten Firmen.
Dettling: Umsatz ist nicht gleich Gewinn!
Galladé: Ich verstehe, dass man die Unternehmensabgabe als ungerecht empfindet. Wäre es euch aber nur darum gegangen, diese abzuschaffen, hättet ihr die Privathaushalte nicht in eure Initiative nehmen müssen. Zu jenen Firmen, die noch zahlen müssen: Ein starker, stabiler Medienplatz Schweiz kommt der Wirtschaft zugute. Er gibt den Unternehmen auch eine Plattform.
Dettling: Ja, aber was für eine. Die linken SRG- Journalisten lassen keine Gelegenheit aus, die Wirtschaft schlecht darzustellen. Das sind dann alles böse Kapitalisten.

Hand aufs Herz, ist es nicht vor allem die politische Ausrichtung, bei welcher die Initianten ein Zeichen setzen wollen?
Dettling:
Die SP Schweiz investiert 820'000 Franken in den Abstimmungskampf, damit ihr Sprachrohr am Leben bleibt.
Galladé: Ihr Sprachrohr? Die SVP ist bei SRF mehr als gut vertreten. Frühere «Arena»-Moderatoren wie Jonas Projer oder Filippo Leutenegger arbeiten oder politisieren heute bürgerlich. Auf eurer Seite investiert der Gewerbeverband fast eine Million.
Dettling: Das ist aber keine Partei. Die SVP wendet nur 50'000 Franken auf.
Galladé: Mit «No Billag» wolltet ihr die SRG abschaffen, jetzt wollt ihr sie halbieren. Warum greift ihr immer die öffentlichen Medien an? Die SRG ist doch etwas sehr Schweizerisches, sie gehört uns allen. Und wenn einem etwas nicht passt, gibt es die Ombudsstelle, bei der man sich beschweren kann. Das gibt es bei den Privaten nicht.
Dettling: Wenn sie funktioniert! Nachdem «Arena»-Moderator Sandro Brotz SVP-Fraktionschef Thomas Aeschi in einer Sendung Rassismus vorwarf, musste sich die unabhängige Beschwerdeinstanz des Bundes einschalten! Diese kam zum Schluss, dass der Moderator zu weit ging. Doch bisher gab es vonseiten SRG weder eine Entschuldigung noch Konsequenzen.
Galladé: Untersuchungen der Universität Zürich zeigen, dass die SRG bei Abstimmungen und Wahlen sehr ausgeglichen berichtet.
Dettling: In der heissen Phase vielleicht. Aber bei der Pestizid-Initiative hat die SRG über Monate vorher die Bauern schlechtgemacht.
Galladé: Nun soll der Frust einiger Bauern eine Halbierung der SRG rechtfertigen?
Dettling: Das hat nichts mit Frust zu tun. Was die SRG macht, ist linker Kampagnenjournalismus, und sie blendet Themen wie die Asyl- und Migrationsproblematik aus.
Galladé: Wie soll es mit der Hälfte des Budget besser werden? Noch nie habt ihr erklärt, wie ihr die SRG halbieren wollt.

Mit 14 Jahren gründete sie das Jugendparlament in Winterthur mit und präsidierte es sowie jenes in Zürich. Heute ist Galladé im Vorstand der GLP Kanton Zürich. Sie studiert Jura in Freiburg, hostet zwei Podcasts und pendelt zwischen der Uni-WG und Winterthur, wo sie mit ihrer Mutter und der jüngeren Schwester lebt.
Foto: Fabienne Bühler

Frau Galladé, Ihre Generation konsumiert Netflix, Tiktok und Spotify. Warum setzen Sie sich für die SRG ein?
Galladé:
Wir Jungen sehen auf Social Media täglich Fake News. Die Plattformen fördern Inhalte, die polarisieren und geklickt werden, nicht unbedingt jene, die sorgfältig recherchiert und ausgewogen sind. Darum braucht es die SRG als Gegengewicht. Die neusten Umfragen zeigen, dass wir Jungen die Initiative am stärksten ablehnen.
Dettling: Fake News produzierte unlängst auch die «Tagesschau», als sie die etwas rückläufigen Zahlen der Nettozuwanderung und Asylgesuche nicht in Relation zu den Einwanderungen gestellt hatte. Und zu den Jungen: Die SRG erreicht die gar nicht mehr. Meine Kinder sind 11, 12 und 14 Jahre alt. Im TV schauen sie höchstens Sport. Die mittlere Tochter schaut bei Privaten auf dem Ipad den Ticker der Eishockeymatches – weil diese im SRG gar nicht übertragen werden.
Galladé: Über die Hälfte der Jungen in der Schweiz konsumiert regelmässig SRG-Onlineangebote. Bei den politisch interessierten sind es gar 73 Prozent. Wir sitzen zwar nicht mehr alle um 19.30 Uhr vor dem Fernsehen und schauen die «Tagesschau». Aber wir sind auf die Informationen angewiesen, die Private weniger bereitstellen. Etwa vor Abstimmungen in den Regionen. In Winterthur haben wir gerade noch eine lokale Zeitung im Briefkasten – die gehört Christoph Blocher. «Den Landboten» gibt es in der Form nicht mehr.

Wie informieren sich Ihre Kinder über das Weltgeschehen, Herr Dettling?
Dettling:
Sie werden es nicht glauben – aber die lesen tatsächlich noch die Zeitung, die wir zu Hause abonniert haben. Aber natürlich informieren sie sich auch im Internet. Der Initiativtext verbietet der SRG ja nicht generell Onlineaktivitäten. Sie soll aber nicht mit den Privaten konkurrieren. Die SRG zahlt zudem extrem hohe Löhne – über 9000 Franken im Durchschnitt. So zieht man natürlich den Privaten die Journalisten ab und schmälert die Medienvielfalt.
Galladé: Wenn ihr das Geld der SRG entzieht, schwächt ihr damit die ganze Medienwelt. Die Privaten haben durch ein Ja keinen Franken mehr als heute! Es fliessen schon viele Werbegelder ins Ausland ab an die grossen Techkonzerne. Darum haben sich die SRG und die Privaten in dieser Medienkrise auch zusammengeschlossen.
Dettling: Danke für das Beispiel! Die SRG gibt den Privaten ein wenig mehr vom Kuchen ab, dafür halten diese bei der Abstimmung die Beine still.

Trotz grossen Protesten von den älteren Hörerinnen und Hörern hat die SRG UKW abgeschaltet – um es nach politischem Druck wieder einzuschalten. Was sagen Sie dazu, Frau Galladé?
Galladé:
Beim Hin und Her hatte ich auch meine Fragen. Aber wir stimmen nicht über die UKW ab, sondern darüber, was wir für einen Service public wollen.
Dettling: Die SRG sagt, sie will alle erreichen. Beim UKW hat man den älteren Leuten von heute auf morgen gesagt, sie sollen sich damit arrangieren. Das ist doch arrogant! Die SRG-Generaldirektorin Susanne Wille verdient mehr als eine Bundesrätin. Die schwimmen im Geld.
Galladé: Die Initiative ist der falsche Weg um ein Zeichen zu setzen. Bei einer Annahme würden 3000 Stellen in der SRG wegfallen – und pro Stelle mehr als eine in der Privatwirtschaft, etwa bei Produktionsfirmen. Die Übergangsfrist beträgt zudem gerade mal 18 Monate. Da müsste der Gewerbeverband doch aufschreien.
Dettling: Private Unternehmen müssen sich dauernd anpassen. Die SRG bekommt immer noch 850 Millionen Franken im Jahr.
Galladé: Mit der kurzen Frist wollt ihr die SRG in ein Chaos stürzen.
Dettling: So ein Chabis!

Zur Versöhnung noch etwas Nostalgie. Bei welchem SRG-Format schlug Ihr Herz als Kind höher?
Dettling:
Bei der Sitcom «Fascht e Familie» am Freitagabend. Die war super.
Galladé: Bei mir ist das nicht so lange her (schmunzelt). Ich hatte immer viel Freude an «1 gegen 100». Und mit meinem Grossmami habe ich immer um halb acht die «Tagesschau» geschaut.

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