Fedpol-Direktorin Wildi-Cortés
«Es gilt: Kooperieren oder sterben»

Eva Wildi-Cortés ist seit über einem Jahr Direktorin des Bundesamts für Polizei. Ein Gespräch über Gefahren der 10-Millionen-Initiative, ihre Vorgängerin Nicoletta della Valle – und die korsische Mafia.
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Eva Wildi-Cortés ist seit über einem Jahr Fedpol-Direktorin.
Foto: Philippe Rossier

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Fedpol-Direktorin Eva Wildi-Cortés betont die Wichtigkeit internationaler Polizeizusammenarbeit
  • Ein Ausstieg aus Schengen würde die Schweizer Sicherheit massiv gefährden
  • 2025: Fedpol meldete viele Einbrüche durch Jugendliche in Online-Auftragskriminalität
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Ihre Vorgängerin Nicoletta della Valle war umstritten. Viele Assistentinnen und Führungskräfte haben es nicht lange mit ihr ausgehalten. Nach 24 Jahren bei Fedpol: Sind Sie eine Überlebenskünstlerin?
Eva Wildi-Cortés:
Ich habe einen sehr spannenden Job und hatte stets mit spannenden Menschen zu tun. Alle Mitarbeitenden sind sehr engagiert, um einen Beitrag für die Schweizer Sicherheit zu leisten. Das motiviert mich.

Frau della Valle erhielt bei Mitarbeiter-Umfragen schlechte Noten. Was machen Sie, um die Stimmung zu verbessern?
Ich habe gleich nach Amtsantritt kommuniziert, dass mir eine positive Führungskultur und ein vertrauensvoller Umgang wichtig sind. Als Team tragen wir gemeinsam Verantwortung. Ich finde, die Stimmung ist gut.

Die Schweiz diskutiert über die 10-Millionen-Initiative. Sie könnte zur Kündigung von Verträgen mit der EU führen. Was würde das bedeuten?
Verbrecher machen nicht an Landesgrenzen halt, sondern agieren grenzüberschreitend. Für die Sicherheit der Schweiz ist die Zusammenarbeit mit der EU essenziell. Wenn wir keinen Zugriff mehr auf das Schengener Informationssystem hätten, wäre das ein massiver Nachteil und würde unsere Sicherheit gefährden. Wir wüssten nicht mehr, wer in Europa zur Fahndung ausgeschrieben ist, und wären blind für Verbrecher. Auch in der Zusammenarbeit mit Europol profitieren wir als Schengen-assoziierter Staat von Privilegien, die Drittstaaten nicht haben.

Gefährdet die SVP mit der Initiative die Sicherheit der Schweiz?
Als Fedpol-Direktorin mache ich keine Politik, sondern gebe eine fachliche Einschätzung ab. Ein Wegfall der aktuellen Instrumente der Polizeizusammenarbeit würde unsere Arbeit erheblich erschweren und die Schweiz nicht sicherer machen. Im Gegenteil, je intensiver wir mit den internationalen Sicherheitsbehörden kooperieren, desto besser. In Fachkreisen heisst es «cooperate or die» – kooperieren oder sterben. Alles, was Kooperation einschränkt, ist gefährlich.

Die SVP dürfte behaupten, Sie sagen das nur, weil Sie Doppelbürgerin sind und Ihre Eltern aus Andalusien stammen.
Das ist Quatsch. Ich bin in Sursee geboren und aufgewachsen. Meine spanischen Wurzeln haben keinerlei Einfluss auf unsere Einschätzung.

Kurz nach der Tragödie von Crans-Montana sind Sie mit Bundesrat Beat Jans ins Wallis gereist. War das ein PR-Termin?
Nein. Bei so grossen Unglücken ist Fedpol involviert. Wir haben unter anderem den Kontakt zu den ausländischen Behörden hergestellt und bei der Identifizierung der Leichen geholfen.

Dem Betreiberpaar der Inferno-Bar von Crans-Montana werden Kontakte zur korsischen Mafia nachgesagt. Wie stark ist diese in der Schweiz präsent?
Sie ist schon lange präsent. Es gab beispielsweise 1990 einen Raub auf eine UBS-Filiale, an dem korsische Kriminelle beteiligt waren, 2004 den Raub in Marin im Kanton Neuenburg und 2016 einen Banküberfall in Le Locle im Kanton Neuenburg – in all diesen Fällen spielte die korsische Mafia eine Rolle. Sie ist für uns nichts Neues.

Aus Italien hört man immer wieder, die Schweiz sei im Umgang mit der Mafia naiv.
Wir sind nicht naiv, sondern aktiv. Wir erarbeiten derzeit mit den kantonalen Partnerbehörden einen nationalen Aktionsplan zur Bekämpfung der organisierten Kriminalität in der Schweiz, der Ende Jahr von Bundesrat und Kantonen verabschiedet werden soll, sowie ein Gesetzespaket, das unsere Instrumente im Kampf gegen die Mafia verschärfen und modernisieren soll.

Brauchen wir wirklich schärfere Gesetze?
Ja! Alle müssen besser zusammenarbeiten – Bund, Kantone, Arbeitsinspektorate, Grundbuchämter. Auch für den dafür notwendigen Informationsaustausch und die schlagkräftige Bekämpfung von Geldwäscherei braucht es gesetzliche Anpassungen. Nur so können wir den Verbrechern das Handwerk legen.

Wo ist die Mafia in der Schweiz besonders aktiv?
Die Mafia ist im Drogenhandel sehr präsent: Kokain, Cannabis-Produkte, synthetische Drogen – hier fliesst enorm viel Geld. Sie ist aktiv im Menschenhandel und Waffenhandel. Das Geld wird über alle möglichen Branchen mit fingierten Rechnungen oder Einnahmen und anschliessend über verschachtelte Transaktionen und Investitionen in Luxusgüter, Autos oder Immobilien gewaschen. Unser Fokus liegt darum stark auf der Bekämpfung der Geldwäscherei. «Follow the money», folge der Spur des Geldes, heisst dieser Ansatz der Verbrechensbekämpfung.

SP-Nationalrätin Anna Rosenwasser schreibt, in Zürich sei es leichter, Kokain zu kaufen als einen passenden BH. Versagt der Zoll? Oder versagen Sie?
Der Drogenhandel nimmt weltweit zu. Alle Akteure müssen noch intensiver daran arbeiten, um der organisierten Kriminalität das Handwerk zu legen.

Ihre Vorgängerin sagte einmal, Schweizer Politiker würden mit Mafiosi Mittagessen gehen.
Meine Vorgängerin wollte auf das Risiko der Unterwanderung hinweisen – und dieses Risiko ist real. Mafiastrukturen können versuchen, Politik, Wirtschaft und Verwaltung zu korrumpieren oder zu beeinflussen, etwa um strengere Gesetze zu verhindern oder Rahmenbedingungen zu ihren Gunsten zu verändern. Wenn wir einen Anfangsverdacht haben, können wir Vorermittlungen führen und bei erhärtetem Verdacht Anzeige erstatten. Ob ein Strafverfahren eröffnet wird, entscheidet die Bundesanwaltschaft.

Hat das Fedpol in den letzten Jahren Anzeige erstattet?
Nein, nicht in einem solchen Zusammenhang. Der Anfangsverdacht hat sich nicht erhärtet. Viele Politiker wissen nicht, dass sie mit Mafiosi zu tun haben könnten. Deswegen ist es wichtig, auf das Problem der Unterwanderung hinzuweisen.

Sie warnen davor, dass Jugendliche zu Handlangern der organisierten Kriminalität werden können. Was hat es damit auf sich?
Wir nennen das «Crime as a Service»-Modelle: Jugendliche werden über soziale Medien für Straftaten angeworben. Sie werden mit Geld gelockt, um Aufträge auszuführen: Autodiebstähle, Kurierdienste, gelegentlich auch Einschüchterungsaktionen. Der Auftraggeber bleibt oft im Dunkeln, weil der Kontakt nur online besteht. Wir haben letztes Jahr viele Einbrüche in Garagenbetriebe mit Diebstahl von Luxusfahrzeugen registriert, die auf solche Online-Aufträge zurückgehen.

Was tun Sie gegen Pädokriminalität?
Wir sind auf Bundesebene vor allem für die Koordination und Lageanalyse zuständig. Das heisst: Wir triagieren und leiten Meldungen aus den USA an die zuständigen kantonalen Behörden weiter und verfolgen die Lage des Phänomens. Die Verdachtsmeldungen haben letztes Jahr weiter zugenommen. Es gibt nicht nur mehr Meldungen, sondern auch die Menge nimmt zu. Pädokriminelle nutzen vermehrt künstliche Intelligenz, um kinderpornografische Inhalte zu produzieren. Auch über gemeinsame Operationen mit Europol tragen wir dazu bei, Täterstrukturen aufzudecken.

Und was tun Sie gegen pädokriminellen Sextourismus?
Bei pädokriminellem Sextourismus liegt die Strafverfolgung je nach Fall entweder bei den Kantonen oder bei den ausländischen Behörden, wir unterstützen hier in der internationalen Zusammenarbeit. Wir helfen, wenn aus dem Ausland Hinweise zu Schweizer Staatsangehörigen kommen, und sorgen dafür, dass solche Informationen rasch an die richtigen Stellen in der Schweiz gelangen. Ein Sextourist hat meistens nicht nur Straftaten im Ausland begangen, sondern auch in der Schweiz.

Fedpol hat einen Polizeiattaché in Thailand …
Er ist ein Bindeglied zu den Behörden im Gastland. Er hilft beim Informationsaustausch, zum Beispiel wenn Schweizer Staatsangehörige wegen Kindesmissbrauchs in den Philippinen und in Kambodscha angeklagt sind. So stellen wir sicher, dass schwere Delikte im Ausland nicht losgelöst von möglichen Taten in der Schweiz betrachtet werden, sondern dass wir ein Gesamtbild erhalten. Darf ich ein Anliegen formulieren?

Ja klar!
Schauen Sie sich die Website des Projekts «Trace an Object» von Europol an. Europol betreibt eine öffentliche Hinweisplattform, auf der einzelne Objekte aus Missbrauchsbildern gezeigt werden – etwa ein T‑Shirt, ein Stofftier, ein Möbelstück oder ein Abfalleimer. Wer ein solches Objekt erkennt, kann über ein kurzes Onlineformular anonym melden, wo es verkauft wird oder wo er es gesehen hat. Solche Hinweise können helfen, Tatorte und Täter zu identifizieren und Opfer zu retten. Jeder Hinweis zählt.

Ganz anderes Thema: Ich finde, Sie sind die bestgekleidete Bundesbeamtin. Was bedeutet Ihnen Mode?
Mode ist mir wichtig, aber nicht im Sinne von Eitelkeit, sondern weil ich ein Amt und eine Funktion repräsentiere. Kleidung zeigt Respekt gegenüber dem Amt und den Menschen, mit denen ich zu tun habe. Mir ist es ein Anliegen, Schweizer Mode zu fördern – heute trage ich ausschliesslich Stücke von Schweizer Designerinnen.

Die Polizei ist stark männlich geprägt. Warum haben Sie sich für einen femininen Stil entschieden und tragen keine Angela-Merkel-Blazer?
Das ist kein strategischer Entscheid im Sinne eines Stilkonzepts. Ich ziehe mich so an, wie es mir gefällt. Ich bin sicher, Herr Rauch (schmunzelt): Sie stellen die Kleiderfrage auch Ihren männlichen Interviewpartnern.

Würde ich gerne – aber die meisten verstehen nichts von Mode!

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