Exklusiver Flug mit den Landesvermessern
Sie kennen die Schweiz von oben am besten

Seit 100 Jahren dokumentiert der Flugdienst die Schweiz. Stück für Stück, Streifen für Streifen. Chef Michael Heid und seine Besatzung zeigen, wie das geht – und warum schon Männer bei dieser Aufgabe gestorben sind.
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Top-Gun-Moment vor dem Abflug: Michael Heid, Peter Schlatter und Miggel Gehriger (v. l.) – beobachtet von Bordmechaniker Thomas Schmid.
Foto: Kurt Reichenbach

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Ein kanadisches Buschflugzeug fotografiert die Schweiz für präzise Landeskarten
  • Pilot, Geomatiker und Bordmechaniker überwachen 60-Kilo-Kamera bei jedem Flug
  • Ein Pixel der Bilder entspricht 10 Zentimeter am Boden, Flüge dauern drei Jahre.
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Lynn Scheurer
Schweizer Illustrierte

Warum wollen Menschen fliegen? Um möglichst schnell weit weg zu kommen, würde man meinen. Doch auf dem Flugplatz Dübendorf steht eine andere Mission an. Hier wartet ein kanadisches «Buschflugzeug» auf seine Besatzung. Es wird nicht in die Ferne schweifen, sondern über der Schweiz hin und her fliegen – und eine Kamera in seinem Bauch wird Tausende Fotos machen.

Artikel aus der «Schweizer Illustrierten»

Dieser Artikel wurde erstmals in der «Schweizer Illustrierten» publiziert. Näher dran – an Stars, Royals und Menschen mit Geschichten. Hier gehts zum Abo!

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Chef dieser Mission ist Michael «Michi» Heid, 40. Der Thurgauer Geomatiker war früher bei der Luftwaffe und liebt alles, was «motort». Er sitzt hinten im Flugzeug und kontrolliert, dass die 60 Kilogramm schwere Kamera richtig arbeitet. Captain Peter Schlatter, genannt «Schlatti», steuert die 50-jährige Twin Otter. Der 59-Jährige ist hauptsächlich Linienpilot für die Swiss, doch heute muss er wirklich Linien fliegen. Bordmechaniker Miggel Gehriger, 48, unterstützt ihn und schaut, «dass die Windschutzscheibe frei bleibt». Gleitschirmflieger kommen dem kleinen Flugzeug gerne mal in die Quere.

Vor dem Einsatz: Michael Heid und sein Kollege Simon Hagmayer (r.) besprechen, welches Gebiet heute ansteht.
Foto: Kurt Reichenbach

Es geht los: Mit viel Pfupf hebt das Flugzeug ab. Die Fähren auf dem Zürichsee wirken klein wie Lego-Teile, und schon bald sind die Berner Alpen in Sicht. Heute geht es ins Wallis, die Gegend zwischen Sitten und Siders muss abfotografiert werden. Aber warum eigentlich?

Ein Pixel für zehn Zentimeter

Menschen wollen nicht nur fliegen, um weit weg zu kommen. Sondern auch, um die Welt von oben sehen. Sie zu vermessen – und zu verstehen. Genau das ermöglichen die Bilder, die heute geschossen werden. Aus den Aufnahmen entstehen Karten oder Geländemodelle der Schweiz. Sie sind Grundlage für die Geodaten und Landeskarten des Bundesamts für Landestopografie Swisstopo. Und genauer als Satellitenbilder: Ein Pixel des Bildes entspricht zehn Zentimetern am Boden. Behörden, Gemeinden und private Unternehmen nutzen diese Geodaten zum Analysieren und Planen.

Fensterplatz: Das «Bubble Window» ist nach aussen gewölbt. So hält Michael Heid Ausschau nach störenden Wolken.
Foto: Kurt Reichenbach

Vor 100 Jahren hat das Bundesamt für Landestopografie den Flugdienst gegründet. Erste Versuche mit einem Fesselballon (genannt «Bundeswurst») und kleinen Flugzeugen waren holprig. Nicht nur das Fliegen war damals schwierig, auch das Fotografieren. Zu Beginn wurde eine Kamera aus dem Flugzeug gehalten, die Hände in dicke Handschuhe gepackt. Die ersten Missionen des Flugdienstes waren ungemütlich, kalt – und gefährlich. Pilot und Beobachter kommunizierten durch Zurufe und Handzeichen. Hatte eines der damals noch einmotorigen Flugzeuge ein Problem, waren sie ihrem Schicksal überlassen. Vier Piloten und vier Beobachter starben bei Abstürzen und Unfällen.

Ab 1954 wurden die Bilder automatisch ausgelöst. Davor war alles Handarbeit.

Michi Heid nimmt eine Packung Guetsli aus einer Kiste und verteilt sie an seine Crew. «Ein bisschen Zucker tut gut.» – «Leider haben wir immer noch keine Kaffeemaschine an Bord», steuert Captain Schlatter bei. Die Besatzung hat nicht nur Guetsli zur Hand, sondern auch Sauerstoff in der Nase. Der kleine Flieger hat keine Druckkabine, und ab 3500 Metern über Boden wird die Luft dünn. Ein WC gibt es nicht an Bord. Aber länger als drei, vier Stunden dauern die Exkursionen sowieso selten.

Die Kamera steckt in einem Loch im Bauch des Flugzeugs. Michael Heid kontrolliert den Datenspeicher.
Foto: Kurt Reichenbach


Michi Heid streckt seinen Kopf ins «Bubble Window». Das gewölbte Fenster erlaubt ihm, viel Land und viel Himmel zu beobachten. In Italien stauen sich Wolken, doch der Himmel über dem Rhonetal ist frei. «Wir fliegen nur, wenn der Himmel wolkenlos ist», sagt Heid. «Jeder Schattenwurf würde unsere Aufnahme beeinträchtigen, und wir müssten das Stück später nochmals abfliegen.» Der Flugdienst operiert von März bis Oktober immer bei «Badiwetter», wie Heid es nennt. Drei Jahre braucht sein Team, um die Schweiz von West bis Ost abzufotografieren.

«Say Cheese»

«Jetzt dürfen wir das Einfädeln nicht vergeigen», sagt Pilot Schlatter. Er legt die Twin Otter in die Kurve und bringt das Flugzeug auf die erste 7000 Meter lange Gerade. 2500 Meter über Boden nimmt die Kamera jetzt jede Sekunde fünf Bilder aus leicht unterschiedlichen Winkeln auf. 

Jede kleine Abweichung des Flugzeugs vom Kurs würde sofort auffallen. Dann wendet es und fliegt in die andere Richtung die nächste Linie ab. Wer vom Boden aus zuschaut, würde vielleicht den Schriftzug auf dem Bauch des Flugzeugs erkennen: «Say Cheese». Auf seinem Tablet verfolgt Heid, ob Captain «Schlatti» linientreu fliegt. «Sonst kommst du auf unsere interne Rangliste», sagt er schmunzelnd.

Materialkontrolle in der Twin Otter. Der Flieger bewährt sich seit 50 Jahren. Er ist auch bei langsamer Geschwindigkeit sehr wendig.
Foto: Kurt Reichenbach

Nach zwölf Linien und knapp drei Stunden hat die Crew den heutigen Einsatz erledigt und steuert zurück nach Dübendorf. Vorbei an der Eigernordwand. So nah, dass man meint, sie berühren zu können. «Von hier oben sehe ich, wie die Schweiz sich verändert», sagt Michi Heid. «Als ich vor 16 Jahren angefangen habe, waren viele Gletscher deutlich grösser.»

Start beim Greifensee: Die Missionen des Flugdiensts beginnen und enden jeweils in Dübendorf ZH.
Foto: Kurt Reichenbach


Die Bilder des Flugdienstes machen solche Veränderungen messbar. Auch nach Naturkatastrophen wie etwa dem Bergsturz von Blatten liefern Heid und sein Team schnell präzise Bilder. So können die Behörden erkennen, wo eine Strasse verschüttet, wo ein Haus noch in Gefahr ist. «Hier oben entdeckt man wirklich bei jedem Flug wieder etwas Neues», bilanziert Michi Heid. Die Gründe zum Fliegen – sie werden auch in den nächsten 100 Jahren nicht ausgehen.

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