Darum gehts
- Delegierte entscheiden in Genf über künstliche Geräusche für Elektroautos
- Grünen-Nationalrat Töngi fordert Antworten zu möglichen Lärmfolgen
- 2021: Bundesrat gegen Geräusche über 20 km/h bei Elektroautos
Wenn es schön und heiss ist, sperrt die Solothurner Stadtpolizei den Aarequai. Denn sonst fahren dort Poser mit getunten Schlitten vor. Sie geben Gas und gehen mit ihren Auspuffgeräuschen den Anwohnerinnen und Anwohnern auf die Nerven.
Schweizweit sind Autoposer in den letzten Jahren in den Fokus geraten. Die Polizei sperrt Strassen, misst Dezibel, verteilt Bussen. Eine wohltuende Ausnahme in den Ohren der Lärmgeplagten: Elektroautos. Knallende Auspuffe gibt es nicht. Abroll- und Windgeräusche sind die einzig mögliche Lärmquelle. Bisher.
E-Autos sollen «authentisch» tönen
Denn das könnte sich jetzt ändern. Es ist gut möglich, dass auf Schweizer Strassen bald Elektroautos fahren, die die knallenden Lärmgeräusche der Verbrenner nachahmen. Das berichtet das deutsche Nachrichtenmagazin «Spiegel». In den nächsten Tagen werden in Genf die Delegierten des «Weltforums für die Harmonisierung von Fahrzeugvorschriften» tagen. Laut dem Magazin dürfte das Gremium künstliche Geräusche bei Elektroautos künftig zulassen. Mit Folgen: Denn viele Länder übernehmen die in Genf beschlossenen Vorschriften.
Laut dem «Spiegel» trieb die Autobranche das Vorhaben voran. Ferraris oder Porsches sollen «authentisch» tönen. Der «Spiegel» schreibt, Länder «wie Frankreich, die Niederlande oder die Schweiz» hätten sich früher noch gegen diese Regeln gewehrt. Ein Wildwuchs an Soundsystemen solle nun aber mit einheitlichen Regeln verhindert werden.
Bundesrat war bisher dagegen
Tatsächlich hatte der Bundesrat auf einen Grünen-Vorstoss im Parlament hin noch 2021 versprochen, die Schweiz werde sich dafür einsetzen, dass nur bis 20 km/h akustische Warnsysteme eingesetzt werden sollen. Diese sind aus Sicherheitsgründen nötig, damit Elektroautos bei sehr tiefen Geschwindigkeiten überhaupt gehört werden.
Bei höheren Fahrzeuggeschwindigkeiten brauche es «keine künstlich erzeugten Geräusche», schrieb der Bundesrat damals, als SP-Frau Simonetta Sommaruga (66) an der Spitze des Verkehrsdepartements stand. Auch die EU hatte sich gegen Aussengeräusche gewehrt, die nicht die Sicherheit betreffen.
Grünen-Nationalrat fordert Antworten
Aufgefallen ist der Artikel im deutschen Nachrichtenmagazin auch Grünen-Nationalrat Michael Töngi (59, LU). Er will nun genauere Auskunft von Verkehrsminister Albert Rösti (58, SVP). «Zunehmend locken Hersteller ihre Kundschaft mit Krach, der an hochgezüchtete Verbrenner erinnert», so Töngi. Er will wissen, ob die Schweiz die Normen wirklich übernehmen muss und welche Auswirkungen neue Normen «auf die Lärmbelastung der Bevölkerung» hätten.
Was zum allfälligen Gesinnungswechsel in Bundesbern führte oder ob man einfach aufgrund internationaler Vereinbarungen mitziehen muss, ist nicht bekannt. Röstis Bundesamt für Strassen (Astra) will auf Blick-Anfrage keine Stellung nehmen. Man will sich dann zum Vorstoss von Töngi äussern.