Darum geht es bei der Halbierungs-Initiative
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Sparmassnahmen für die SRG:Darum geht es bei der Halbierungs-Initiative

Duell Private gegen SRG – Blick macht den Glotz-Test
Von Sexarbeit bis Shiva-TV – und ein unerwarteter Kitsch-Alarm

Bei der Halbierungsinitiative steht das SRG-Programm im permanenten Vergleich mit den privaten Angeboten. Was wird uns da eigentlich serviert? Blick hat von morgens bis abends TV geschaut. Die Bilanz.
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Blick-Redaktor Joschka Schaffner und Blick-Redaktorin Céline Zahno machen den Vergleich – und schauen einen Tag lang dauerfern.
Foto: zVg

Darum gehts

  • Blick analysiert SRF und private Sender in einem 12-Stunden-TV-Test
  • Privatsender bieten tagsüber meist Teleshopping, SRF punktet mit Eigenproduktionen
  • 3+ als meistgesehener Privatsender erreicht weniger als 2 Prozent Marktanteil
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.

Was das SRF leistet, könnten die Privaten auch – so lautet das Argument der Gegnerinnen und Gegner der Halbierungs-Initiative. Ob das stimmt, ist schwer zu beurteilen: In der Schweiz ist der öffentliche Rundfunk klarer Platzhirsch.

Trotzdem werden öffentlich und privat im Abstimmungskampf regelmässig gegeneinander ausgespielt. Wie schlagen sich 3+, Puls Acht oder Swiss 1 im Duell mit dem Koloss aus Leutschenbach? Blick machte den Selbstversuch – und zwar einen ganzen Tag lang. Das Protokoll von zwölf Stunden Dauerglotzen.

10 Uhr: Morgenstund’ hat Gold im Mund

Ein schlechter Start: Beim SRF wird das Programm jäh über den Haufen geworfen. Die Abfahrt in Crans-Montana wird nach einer Sturzorgie abrupt abgebrochen. «Uns fehlen die Worte», sagt das Moderationsteam.

Uns auch, denken wir, als wir zu den Privaten wechseln: Die meisten nationalen und regionalen Privatsender zeigen Tele-Shopping. Und zwar über Stunden. In Küchlein-Form gepresste Mini-Mahlzeiten, Kollagen-Shots, Billig-Uhrwerke – es ist harter Tobak, den frühmorgendliche TV-Geniesserinnen und -Geniesser hier aufgetischt bekommen.

Einen Lichtblick bieten die Kleinstsender aus Schaffhausen und der Zentralschweiz: Sie senden immerhin News-Wiederholungen vom Vortag aus. Der CH-Media-Ableger Tele 1 besuchte etwa ein lokales Ruderteam, das den Ozean überquerte – oder das Theater Arth, wo sich ein «ehemaliger Laien-Schauspieler» auf seine Bühnenjahre zurückbesinnen darf. Nur die Schnittfehler – die hätte es nicht gebraucht.

Mittag: Ein unverhoffter Leckerbissen

Ein Highlight kurz vor der Mittagspause: Auf dem CH-Media-Sender TV24 läuft nach gefühlt endlosem Mediashop endlich etwas mit Aktualitätsbezug! In der Sendung ShivaspiritTV zeigt sich Astrologin Cornelia als grosse Brückenbauerin. «Dann krachts halt einfach, wenn Mars ein Quadrat macht mit Uranus», erklärt sie ausschweifend. Und schlägt den Bogen von Merkur zu Mercosur: Das Handelsabkommen sei gar nicht gestoppt, nur noch nicht ratifiziert worden. Auch für die Überschwemmungen in Sizilien hat Cornelia eine Erklärung. «Neptun steht für Nebel, Gas und Überschwemmung.» Hä?

Jeder solle sich mit Haltung gegen die Medien stellen, meint Cornelia, «und den Mist, den sie uns reinspülen». Wir nehmen es uns zu Herzen.

Bei den Privaten ist der kleine Kanal 9 aus dem Wallis die grosse Überraschung: Hochwertige Regio-News und ein spannender Talk mit dem CEO der Zermatter Bergbahnen. Da verzeiht man dem ambitionierten Nischensender auch ein wenig, dass das Gespräch bereits vor einem Jahr aufgezeichnet wurde.

Auf SRF 1 läuft währenddessen eine deutsche Schnulzen-Serie – direkt aus der ARD-Fabrik. Danach folgt ein SRF-Dok zu Strassenprostitution und Sexarbeit. Auf dem Zwei zeigt der Gebührensender den Halbfinal des Australian Open – SRF Info eine informative Einstein-Folge über KI-erstellte Videos und Bilder.

Nachmittag: Das Zermürbnis

Bereits über vier Stunden haben wir uns durch die Schweizer Fernsehlandschaft gezappt. Das Crescendo aus Live-Shopping, deutschen Restposten-Realitysoaps und den gelegentlichen Regionalnews war alles andere als eine Massage für unsere grauen Zellen.

Das bisherige Programm zeigt klar: Das SRF spielt in einer anderen Liga. Sport, Themensendungen, Dokumentarfilme – es ist durchaus sichtbar, wo Gebührengelder landen.

Doch dann: Kitsch-Alarm! Nach einer Wiederholung von «SRF bi de Lüt» läuft auf dem Eins «Rosamunde Pilcher» – auf dem Zwei das 509. Kapitel von «Wege zum Glück». Der öffentliche Rundfunk serviert am Freitagnachmittag ein regelrechtes Festmahl für Schnulzen-Fans.

Der Grossteil des CH-Media-Portfolios frönt weiterhin dem guten alten Mediashop. Immerhin auf 3+ und 4+ besteht das Programm stattdessen aus Realityshows und Krimiserien.

Ins Auge fällt der Regionalsender Telebasel. Die Sendung «Wirtschaft zum Anfassen» berichtet über eine Basler 3D-Druckerei. Und in der Werbepause wird für Medientrainings in den eigenen Fernsehstudios geworben. Durchaus logisch, nach einem Regio-Wirtschaftsmagazin direkt das Zielpublikum – wohl vornehmlich Basler Kleingewerbler – abzuholen. 

Abend: Die Privaten erwachen

20.15 Uhr, die Sternstunde des linearen Fernsehens. Endlich zeigen auch die Privaten, was sie können. Auf 3+ und TV24 läuft die Eishockey National League, es spielt der HC Davos gegen den SC Bern. Ansonsten gibt es hauptsächlich Unterhaltung aus dem Ausland. S1 zeigt etwa die amerikanische Komödie «Leg dich nicht mit Zohan an», Swiss 1 den französischen Publikumsklassiker «Taxi».

Die Regionalsender punkten währenddessen mit lokalen News, Wirtschaftssendungen und Talkshows. Auf Teletop läuft etwa «Lässer». Just heute gibt Moderatorin Claudia Lässer (49) dem grossen Konkurrenten eine Plattform: SRF-Aushängeschild Nik Hartmann erzählt von seiner neuen Aufgabe als «Happy Day»-Gastgeber. 

Auch SRF setzt abends auf die Publikumsschlager wie «SRF bi de Lüt» und «Auf und davon». Nach der Nachrichtensendung «10 vor 10» folgt schliesslich eine eher laue Ausgabe der Arena. Junge Politiker und Politikerinnen diskutieren mit Bundespräsident Guy Parmelin (66) über diverse Themen wie Crans Montana und die US-Zölle. 

Auf Zwei läuft der neue Mafia-Krimi «Das Carvaggio-Komplott». Eine Schweizer Produktion, in Zusammenarbeit mit RSI, SRG und ARTE. Damit heben sie sich von den Privaten ab – ansonsten zeigt an diesem Abend niemand einen Schweizer Film. 

Fazit

Ist das Fernsehen bereits tot? Durch den Tag hindurch geben die Privaten jedenfalls nur sporadisch Lebenszeichen. Vor allem abends zeigen sie dann, dass sie Information, Unterhaltung und Sport ebenfalls können. SRF kann das Programm durch den Tag hindurch besser halten. 

Wirklich überraschend ist das nicht: Das CH-Media-Flaggschiff 3+ – der meistgeschaute Schweizer Privatsender – hat einen Marktanteil von unter zwei Prozent. Und selbst die Regionalsender knacken in ihren eigenen Versorgungsgebieten kaum die Prozentmarke. Selbst die deutschen Privatsender übertrumpfen die hiesigen um das Mehrfache. Das lässt nur einen Schluss zu: Der Schweizer Markt ist für konstante Qualität schlicht zu teuer – und es liegt nicht nur an der SRG. 

Wo die regionalen Mini-Sender aber auftrumpfen: Lokalpossen, Dorfthemen, Kleingewerbe. So berichtet etwa das Zentralschweizer Tele 1 über eine neue Hundesitting-App – inklusive Stimmen glücklicher Hundehalter. Der Erfinder der besagten App? Ausgerechnet ein SRF-Moderator.

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