Darum gehts
- CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stiftung erhebt Vorwürfe gegen die Familie Blocher
- Deutsche Denkfabrik wirft Blochers vor, gezielt Ängste zu schüren, und unterstellt wirtschaftliche Eigeninteressen
- Christoph Blocher weist Kritikpunkte zurück
Es sind harte Worte aus deutscher Feder. Sie zielen auf eine der schillerndsten Familien der Schweiz: Die Konrad-Adenauer-Stiftung schreibt in einem Papier, dass Christoph Blocher (85) und seine Angehörigen gezielt Ängste in der Schweizer Bevölkerung schüren! Der SVP-Übervater selbst sieht sich mit Ego-Vorwürfen konfrontiert. Und überhaupt stellt das Papier eine Grundsatzfrage: Ist die viel beschworene Eigenständigkeit der Schweiz nicht längst eine Illusion?
Die konservativ geprägte Politikstiftung – sie steht der CDU nahe – zählt zu den grossen Denkfabriken Europas. Sie unterhält mehr als 100 Auslandsbüros und wird von Ex-Parteichefin Annegret Kramp-Karrenbauer (64) geleitet. Kürzlich hat die Stiftung das Schweizer «Ringen mit der eigenen Identität» analysiert. Ihre «Genfer Depesche», verfasst von der örtlichen Büroleiterin, erschien zu einem interessanten Zeitpunkt: nach der Ablehnung der Neutralitäts-Initiative und noch vor einem wegweisenden Entscheid zum neuen EU-Deal.
Handeln Blochers aus Eigeninteressen?
Öffentlich fand das Papier vorerst jedoch kaum Beachtung. Dabei hat es der Inhalt in sich. Dass die Stiftung das Nein zur Neutralitäts-Initiative vom 27. September als Absage an eine starre Auslegung der Neutralität wertet? Geschenkt.
Wenig zimperlich zeigt sich die Analyse hingegen bei Christoph Blocher. Sie verweist auf dessen Grossspenden für die Initiative und die Produktionsstandorte der Ems-Chemie in Russland. Blocher, so heisst es, sei deshalb «bereits aus eigenem Interesse nicht an Schweizer Sanktionen gegen Putin interessiert».
«Ängste und Unsicherheiten schüren»
Zugleich blickt die Analyse auf das Ringen um den EU-Deal. Dabei nimmt sie neben einschlägigen Organisationen ausdrücklich wieder Blochers ins Visier. Wörtlich heisst es: «Akteure wie Pro Schweiz und die Familie Blocher werden weiterhin mit Gleichgesinnten versuchen, eine Eigenständigkeit der Schweiz zu verteidigen, die es in der heutigen globalisierten und interdependenten Welt schon seit Jahrzehnten nicht mehr gibt.»
Dann folgt die Einschätzung: «Sie werden hierzu Ängste und Unsicherheiten in der Bevölkerung schüren, wie dies auch bereits bei der 10-Millionen-Initiative im Juni 2026 der Fall gewesen ist.» Schon diese Initiative fiel an der Urne durch – die Analyse bewertet dies als Zeichen der Widerstandsfähigkeit des Stimmvolks. Man setzt auf «eine gesunde Resilienz der Schweizer Bevölkerung und ein aufgeklärtes Verständnis für die komplexen Herausforderungen des Landes».
Für das EU-Vertragspaket erwartet die Analyse jedoch einen schwierigen Abstimmungskampf. Als zusätzliche Hürde drohe das Ständemehr. In der Zwischenzeit ist denn auch klar: Die kleine Kammer will die EU-Verträge nicht nur dem Volk, sondern auch den Ständen vorlegen.
Was sagt Blocher dazu?
Christoph Blocher will das Papier der Konrad-Adenauer-Stiftung zwar nicht näher kommentieren, wie er auf Blick-Anfrage erklärt. Aber so viel: Konkrete Vorwürfe seien bereits öffentlich richtiggestellt worden. Blocher sieht darin zudem den Vorwurf, dass «eigenständige Staaten wie die Schweiz keine Rechtfertigung mehr haben». Für ihn schlicht eine «politisch untragbare Bemerkung».
Tatsächlich hatte der SVP-Doyen die Behauptung, er bekämpfe mit der Neutralitäts-Initiative die Russland-Sanktionen aus eigenen wirtschaftlichen Interessen, wiederholt dementiert. Fakt ist auch: Blocher selbst ist seit 2003 nicht mehr an der Ems-Chemie beteiligt. Nach seiner Wahl in den Bundesrat übertrug er die Mehrheitsbeteiligung an seine Kinder, Konzernchefin ist Tochter Magdalena Martullo-Blocher (57).
Die EMS-Chemie wiederum wies Berichte über Geschäfte mit sanktionierten russischen Rüstungsunternehmen bereits im Abstimmungskampf vehement zurück. Das Russland-Geschäft mache weniger als ein Prozent des Gesamtumsatzes aus. Die Initiative sei für das Unternehmen geschäftlich nicht relevant. Und ohnehin sei man nicht im Rüstungsgeschäft tätig.