Chef der wirtschaftlichen Landesversorgung beruhigt
«Unsere Öl-Lager reichen für viereinhalb Monate»

Der Iran-Krieg treibt die Spritpreise in die Höhe. Trotzdem bleibt der Bund hart – und will die Notlager nicht anzapfen. Warum, erklärt Roland Pfister, Delegierter für wirtschaftliche Landesversorgung.
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Roland Pfister ist beim Bund für die Pflichtlager zuständig.
Foto: Siggi Bucher

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Iran-Krieg erhöht Benzinpreise, Schweiz sieht keine Mangellage oder Massnahmen nötig
  • Pflichtlager decken Mineralölbedarf für viereinhalb Monate, Flugpetrol für drei
  • 17 Verstösse bei Pflichtlagern in drei Jahren, 300 Lager existieren
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Raphael RauchBundeshausredaktor

Herr Pfister, der Iran-Krieg treibt die Benzinpreise in die Höhe. Was tun Sie dagegen?
Roland Pfister: Die Versorgung der Schweiz mit Mineralölprodukten ist aktuell gesichert, und wir planen keine Massnahmen. Wäre die Versorgung nicht gesichert, könnten wir Pflichtlager freigeben. Aber das ist nicht nötig – es gibt ausreichend Mineralölprodukte in der Schweiz.

Mehrere Länder, darunter Deutschland und Österreich, haben Ölreserven freigegeben, um die gestiegenen Spritpreise zu dämpfen. Werden Sie nachziehen?
Nein, das ist aktuell nicht geplant. Die Pflichtlager sind gesetzlich vorgesehen für den Fall, dass wir keinen Nachschub bekommen – und nicht für den Fall, dass die Preise steigen. Pflichtlager sind für Mangellagen da und nicht, um in den Markt einzugreifen und Preise zu stabilisieren.

Rechnen Sie mit einer Mangellage?
Nicht beim Erdöl. Zwar gibt es Auswirkungen beim Preis, aber das Öl fliesst nach wie vor. Unsere Mineralöl-Pflichtlager sind gut gefüllt und würden für viereinhalb Monate reichen, beim Flugpetrol für drei.

Welche Lieferkette macht Ihnen am meisten Sorgen?
Alles, was über die Strasse von Hormus transportiert wird, bereitet uns Sorgen. Ich denke an Düngermittel. Wir haben hier noch keine Mangellage, beobachten aber Preissteigerungen.

Wie stehts um Mikrochips und seltene Erden?
Aus der Politik kommt immer wieder die Forderung, wir sollten unseren Auftrag um Mikrochips und seltene Erden ergänzen. Wir sehen das anders: Die Schweiz verarbeitet kaum seltene Erden und produziert nur wenige Mikrochips, sondern importiert Geräte und Mikrochips. Das ist ein wichtiger Unterschied. Hinzu kommt: Mikrochips sind heiss begehrt und sehr vielfältig. Es wäre sehr anspruchsvoll, diese sinnvoll zu lagern.

Das heisst: Sie wollen nichts ändern?
Wir überprüfen ständig, ob unsere Liste aktuell ist. Ein Thema ist AdBlue, also die Flüssigkeit, die wichtig ist, um die Stickoxide in den Abgasen von Diesel-Fahrzeugen zu senken. Wir sind am Prüfen, ob es künftig auch Pflichtlager für AdBlue braucht.

Warum hat die Schweiz überhaupt Pflichtlager?
Die Schweiz ist nicht autark, und wir haben in zwei Weltkriegen die Erfahrung gemacht, dass wir nicht immer alles importieren können. Deshalb verpflichten wir die Firmen dazu, dass sie bestimmte Güter lagern, um auf Engpässe vorbereitet zu sein. Dazu zählen Medikamente, Mineralöl und Düngemittel sowie Lebensmittel wie Weizen, Kaffee und Zucker. Und reiner Alkohol, den wir unter anderem zum Desinfizieren in einer Pandemie brauchen.

Die Roche hat kürzlich angekündigt, die letzte Antibiotika-Fabrik in der Schweiz zu schliessen. Rechnen Sie künftig mit noch mehr Antibiotika-Engpässen?
Auch für Antibiotika gibt es Pflichtlager. Insgesamt beobachten wir eine Entspannung. Wir konnten eine Verordnung über die Freigabe der Pflichtlager im Bereich der Antibiotika per 1. März ausser Kraft setzen, weil genügend Antibiotika vorhanden sind.

Was passiert, wenn Unternehmen sich nicht an Ihre Pflichtlager-Weisungen halten?
Wir führen unangekündigt Kontrollen durch und überprüfen, ob sich die lagerpflichtigen Firmen an das Gesetz halten. In den vergangenen drei Jahren wurden Pflichtlagerhalter 17-mal mit Konventionalstrafen gebüsst. Unter den rund 300 Pflichtlagern in der Schweiz gibt es jährlich im Schnitt sechs Verstösse – das hält sich also im Rahmen.

Sie empfehlen, zu Hause Notvorräte zu halten. Ist das nicht Panikmache?
Nein, es ist das Gegenteil von Panikmache: Es ist eine bewusste Vorbereitung auf den Ernstfall. Nehmen wir an, wir erleben ein schweres Unwetter oder einen längeren Stromausfall. Es wäre zu spät, sich erst dann einen Notvorrat zuzulegen, weil dann die Lieferketten unterbrochen sind. Jeder Haushalt in der Schweiz sollte sieben Tage lang auskommen können, ohne einkaufen gehen zu müssen.

Sind Sie der Prepper der Bundesverwaltung?
Ein Notvorrat hat mit Preppern nichts zu tun. Preppern geht es um ein Endzeitszenario mit einer autarken, völlig unabhängigen Versorgung. Prepper legen sich Dieselgeneratoren zu und schotten sich ab. Darum geht es uns nicht. Uns geht es darum, einen Engpass zu überbrücken.

Wie sieht zu Hause Ihr Notvorrat aus?
Meine Katze fängt noch Mäuse, sicherheitshalber haben wir aber etwas Trockenfutter (lacht). Für meine Frau, mich und unsere zwei Kinder haben wir Reis, Nudeln, Konserven mit Mais und Thunfisch hinterlegt. Hinzu kommt Wasser in PET-Flaschen. Eigentlich trinken wir Leitungswasser, aber für den Fall, dass dieses in einer Extrem-Situation nicht trinkbar sein sollte, halten wir abgepacktes Wasser bereit. Dann haben wir einen Fondue-Rechaud. Das hat den Vorteil, dass es auch bei einem Stromausfall funktioniert. Wir halten Bargeld bereit für den Fall, dass wegen eines Stromausfalls oder einer IT-Störung Kartenzahlungen nicht möglich sein sollten. Und wir haben eine Notfallapotheke.

«Notvorräte tragen zur Stabilität bei»
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Chef der Landesversorgung:«Notvorräte tragen zur Stabilität bei»

Wie sollte man einen Notvorrat zusammenstellen?
Auf der Website des Bundesamts für wirtschaftliche Landesversorgung finden Sie einen Notvorratsrechner, mit dem Sie je nach Haushaltsgrösse den entsprechenden Bedarf ausrechnen können. Sie können auch angeben, wie viele Menschen in Ihrem Haushalt vegetarisch essen.

In Berlin kam es Anfang des Jahres zu einem längeren Stromausfall. Seitdem haben Berliner verstärkt Notstromaggregate gekauft. Sollten wir das auch tun?
Nein, dafür sehe ich keinen Grund. Wichtig ist, im Notvorrat auch Produkte zu haben, für die man keinen Herd braucht, also Thunfisch oder Gemüse aus der Dose oder Trockenfrüchte. Ein Gartengrill kann ebenfalls sehr hilfreich sein.

Ganz ehrlich: Ich habe keine Lust, mir einen Notvorrat zuzulegen. Am Ende verdirbt die Ware noch.
Genau deshalb sollten Sie den Notvorrat in Ihren Alltag integrieren. Sie sollten es sich antrainieren, die Produkte regelmässig zu verbrauchen und auszutauschen. So verdirbt keine Ware, und Sie sind trotzdem gut vorbereitet.

Sie sind seit Oktober im Amt. Ihr Vorgänger ist nach einer externen Untersuchung zurückgetreten, die ihm schwere Mängel attestiert hatte. Wie schlecht ist die Stimmung in Ihrem Bundesamt?
Nach fünf Monaten im Amt kann ich sagen: Ich habe ein sehr motiviertes Team, und wir arbeiten gemeinsam an Lösungen. Mir macht der neue Job richtig Spass, und ich empfinde die Stimmung als gut.

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