Darum gehts
Wäre da nicht der Belpberg dazwischen, so könnte man bei gutem Wetter von der Terrasse des Bundesamts für Sport (Baspo) in Magglingen bis ans Berufsbildungszentrum IDM in Thun sehen.
Dort beginnt am 1. September 2024 ein neuer Schuldirektor seine Arbeit, der bis dahin in Magglingen gearbeitet hat. Wir nennen ihn aus rechtlichen Gründen Adrian Schmidlin, doch das ist nicht sein richtiger Name. Am 19. Januar – nicht einmal eineinhalb Jahre später – teilt das bernische Mittelschul- und Berufsbildungsamt auf eine Medienanfrage hin mit, man habe sich «im gegenseitigen Einvernehmen» von Schmidlin getrennt.
Das ist ein Beitrag aus dem «Beobachter». Das Magazin berichtet ohne Scheuklappen – und hilft Ihnen, Zeit, Geld und Nerven zu sparen.
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«Das war nicht anders zu erwarten»
Das regionale Onlinemedium «Plattform J» berichtete als Erstes über ein schlechtes Arbeitsklima. Insider erzählen anonym, dass sich mehrere Frauen über Schmidlin beschwert hätten. Es ist die Rede von einem «Problem mit Nähe und Distanz» zu weiblichen Mitarbeitenden. Die «Berner Zeitung» (BZ) schreibt von mehreren Frauen, die darauf geachtet hätten, sich nicht allein mit dem Direktor im selben Raum aufzuhalten.
Die Berichte werden auch in Magglingen gelesen. «Mein erster Gedanke war: Das war nicht anders zu erwarten», sagt eine Mitarbeiterin des Baspo, die anonym bleiben will. «Ein schlechtes Arbeitsklima und Frauen, die sich in Schmidlins Gegenwart unwohl fühlen, das kennen wir bereits.»
«Kultur der Angst»
Denn der abgesetzte IDM-Direktor Adrian Schmidlin war vor seinem Engagement in Thun während neun Jahren Ausbildungschef im Bereich Jugend- und Erwachsenensport am Baspo gewesen. Dort hatte er gemeinsam mit seinem Vorgesetzten Pierre-André Weber, dem Chef der Abteilung Jugend- und Erwachsenensport (JES), Spuren hinterlassen, die einige Personen bis heute beschäftigen.
Der Beobachter hat mit sechs von ihnen gesprochen. Sie alle wollen weder namentlich genannt werden noch erkennbar sein.
«Im Baspo herrschte eine Kultur der Angst», sagt eine ehemalige Mitarbeiterin. «Wenn ihm etwas nicht passte, schrie Schmidlin in den Gängen herum. Und wer aneckte, wurde so lange gemobbt, bis er selbst kündigte.» Mehrere Personen berichten von ähnlichen Erfahrungen.
«Nach der Anstellung von Schmidlin wurden altgediente Mitarbeitende durch Günstlinge von ihm ersetzt», sagt eine weitere Person aus dem Umfeld des Baspo. Und eine andere, die die Verhältnisse in Magglingen von innen kennt: «Adrian Schmidlin hat narzisstische Züge und ein Frauenproblem. Aber er wurde am Baspo von seinen Vorgesetzten immer gedeckt.»
Auch am IDM in Thun erzählt man, dass sich Schmidlin gegenüber Frauen problematisch verhalten habe: «Es gab immer wieder anzügliche Bemerkungen», sagt eine Person, die am Berufsbildungszentrum mit ihm zu tun hatte. Eine andere spricht von «Annäherungsversuchen und zweideutigen Äusserungen» des Schuldirektors.
Gewerkschafterin: «Toxische Führungskultur»
Während Schmidlins Zeit in Magglingen hörte auch der Personalverband des Bundes (PVB) immer wieder von einem schwierigen Arbeitsklima in der Abteilung Jugend- und Erwachsenensport (JES) am Baspo. Bei einem Treffen im Herbst 2022, bei dem die Situation einer Baspo-Mitarbeiterin besprochen werden sollte, eskalierte die Situation: «Pierre-André Weber, der Abteilungsleiter des JES und Vorgesetzter von Schmidlin, beschimpfte unsere Mitarbeitenden und die Baspo-Angestellte und schrie herum», erzählt Barbara Gysi, PVB-Präsidentin und SP-Nationalrätin aus St. Gallen. Sie spricht von einer «toxischen Führungskultur» am Baspo.
Gewerkschafterin Gysi machte Druck bei Matthias Remund, dem damaligen, langjährigen Direktor des Baspo, und verlangte eine externe Untersuchung. Remund willigte ein und beauftragte im November 2023 den Juristen Hans-Ulrich Zürcher von der Res Publica Consulting AG, den Vorwürfen nachzugehen.
Vollständige Anonymität zugesichert
Die Bedingungen: vollständige Anonymität für aktuelle und ehemalige Mitarbeitende, die zu einem Gespräch bereit waren. Jurist Zürcher bekräftigte mit einer schriftlichen Vertraulichkeitserklärung, dass das Baspo nicht erfahren würde, wer mit ihm gesprochen hat.
Auf Vermittlung des PVB liessen sich schliesslich elf Personen von ihm befragen – und sie wurden enttäuscht. Im Bericht, den Zürcher im Oktober 2024 vorlegte, finden sich über ihre Vorwürfe gegen Schmidlin und Weber bloss ein paar allgemein gehaltene Abschnitte. Von ihren Schilderungen über die Missstände am Baspo blieben am Schluss nur wenige Sätze. Für Mobbing und Bossing – zwei ebenfalls geäusserte Vorwürfe – fand Zürcher aufgrund der geführten Gespräche «keine Anhaltspunkte».
«Ein Gefälligkeitsgutachten»
Als «Empfehlungen und mögliche Massnahmen» schlug er lediglich eine «regelmässige Sensibilisierung und Schulung der Führungskräfte bezüglich ihres Auftritts und ihrer Wirkung auf die Mitarbeitenden» vor. «Das war nach all den erlittenen Erniedrigungen ein weiterer Tiefschlag», sagt eine der Betroffenen. Ein Kollege von ihr spricht von einem «Gefälligkeitsgutachten für das Baspo».
Tatsächlich stellt Gutachter Hans-Ulrich Zürcher die Vorwürfe der Betroffenen in einen Zusammenhang mit einer rund zehn Jahre zurückliegenden Reorganisation im Bereich Jugend- und Erwachsenensport. Manche der Interviewten hätten «die damit verbundenen Enttäuschungen bis heute nicht vollständig verarbeitet», schreibt er. Zürcher stützt seine Einschätzung auf Personalbefragungen am Baspo. Dort erhielt die Abteilung JES durchgehend guten Noten.
«Die von einigen wenigen Befragten geäusserten negativen Befindlichkeiten sind somit im Kontext der generellen Beurteilung durch JES-Mitarbeitende zu würdigen und in Wahrung der Relationen deutlich zu relativieren», schreibt Zürcher. Es gebe deshalb «keine Hinweise für einen Handlungsbedarf, wie er von einigen wenigen Personen propagiert wird».
Zürcher schreibt weiter, mehrere Personen hätten sich vor der Befragung «offensichtlich eingehend abgesprochen» und seien dabei vom PVB unterstützt worden – was PVB-Präsidentin Barbara Gysi vehement bestreitet. Das Fazit eines Betroffenen, der von Zürcher befragt wurde: «Er hat uns schlicht nicht geglaubt.»
«Ich erlaube mir, nicht alles unbesehen zu glauben, sondern manche Aussagen kritisch zu hinterfragen», sagt Gutachter Hans-Ulrich Zürcher dazu. Und gewisse Angaben habe er halt im Bericht nicht erwähnen können, weil die Betroffenen sonst identifizierbar gewesen wären.
Personen waren erkennbar
Trotzdem waren in Zürchers Bericht einige der Auskunftspersonen sehr einfach zu erkennen. Etwa eine Baspo-Mitarbeiterin, die – gemäss ihrer Wahrnehmung – in einer Winternacht von Adrian Schmidlin mit dem Auto von der Strasse gedrängt wurde, als sie zu Fuss unterwegs war.
Bei einem anschliessenden Aufeinandertreffen auf dem Baspo-Gelände habe sich Schmidlin gegenüber der Frau «zunehmend in einer bedrängenden und gar bedrohenden Weise verhalten», heisst es im Bericht. Gutachter Zürcher sieht in der expliziten Schilderung keinen Konflikt mit der Vertraulichkeitserklärung, die er abgegeben hat: «Diese Geschichte kennt in Magglingen eh fast jeder.»
Verschiedene Personen bestätigen zudem unabhängig voneinander, dass Pierre-André Weber noch während der Untersuchung auf Leute zugegangen sei, von denen er vermutete, dass sie Zürcher Auskunft gegeben hatten. Er habe sie nach den Gründen gefragt und wissen wollen, was sie gegen ihn persönlich haben.
Was bleibt?
Der Personalverband des Bundes lehnt den Bericht von Gutachter Hans-Ulrich Zürcher rundherum ab und bezeichnet ihn als «äusserst tendenziös geschrieben» und «nicht aussagekräftig».
Matthias Remund, der Direktor des Baspo, unter dessen Führung all die geschilderten Vorfälle stattfanden, hat das Amt Ende Oktober 2024 verlassen. Er hat zu den Fragen des Beobachters ausführlich Stellung genommen, will aber nicht zitiert werden. In einer E-Mail an Adrian Schmidlin schrieb er an seinem letzten Arbeitstag beim Baspo, bei den Vorwürfen handle es sich «um eine konzertierte Aktion einiger weniger mit dem Ziel, den Verantwortungsträgern zu schaden». Er danke Schmidlin «für die wertvolle und geschätzte Führungsarbeit».
Pierre-André Weber ist nach wie vor Bereichsleiter im Jugend- und Erwachsenensport am Baspo. Er sagt: «Ich kann die gemachten Vorwürfe nicht nachvollziehen. Auch in schwierigen Entscheiden habe ich grossen Wert auf einen respektvollen Umgang gelegt. Der Untersuchungsbericht hat mich denn auch vollständig entlastet.» Bei den Personalbefragungen lägen die Werte seiner Abteilung «auf dem höchsten Niveau aller Abteilungen». Auch habe er nie nach Leuten gesucht, die für den Bericht gegenüber Zürcher ausgesagt hätten.
«Ein Albtraum»
Nachdem sich auch am IDM in Thun die Klagen über Schuldirektor Adrian Schmidlin gehäuft hatten, gab das bernische Mittelschul- und Berufsbildungsamt im Herbst 2025 eine externe Untersuchung in Auftrag. Schmidlin verliess darauf seinen Posten «im gegenseitigen Einvernehmen». Er sagt über sich: «Ich bin kein Narzisst und schreie nicht herum. Als Führungsperson muss ich damit leben, dass meine Entscheidungen nicht von allen goutiert werden. Das war sowohl beim Baspo als auch beim IDM der Fall.»
Das Baspo schreibt auf Anfrage, seit dem Abschluss der Untersuchung seien keine weiteren Vorwürfe mehr erhoben worden.
Verschiedene Betroffene haben das Baspo unterdessen verlassen. «Die Arbeit in Magglingen war mein absoluter Traumjob», sagt eine von ihnen. «Aber sie ist zu einem Albtraum geworden.»
- «Plattform J»: Knall an grösster Berufsschule im Oberland – Direktor muss gehen
- «Berner Zeitung»: Der Direktor ist weg – Mitarbeiterinnen erheben schwere Vorwürfe
- Gespräche
- Schriftliche Stellungnahme der Bildungs- und Kulturdirektion des Kantons Bern
- Verfügung des Mittelschul- und Berufsbildungsamts zum Akteneinsichtsgesuch
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