Bayerns Regierungschef provoziert Deutsche
«Die Schweizer arbeiten viel länger»

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder stichelt gegen die deutsche Arbeitsmoral. Sein Vergleich mit der Schweiz entfacht eine hitzige Debatte im grossen Nachbarland. Was steckt dahinter?
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In Deutschland wird seit Wochen über Produktivität und Arbeitsmoral gestritten.
Foto: Imago

Darum gehts

  • Markus Söder fordert längere Arbeitszeiten in Deutschland, vergleicht mit der Schweiz
  • Ministerpräsident Söder löste mit seiner Aussage eine Debatte aus
  • Schweizer arbeiten 42 Stunden pro Woche, Deutsche durchschnittlich nur 40,2 Stunden
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.
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Sven AltermattCo-Ressortleiter Politik

Er zählt zu den prominentesten Politikern Deutschlands – und zu den streitbarsten. Mit einem Satz hat Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (59, CSU) im noch jungen Jahr mal wieder eine Debatte losgetreten. «Schweizer arbeiten zum Beispiel viel länger», sagte Söder in einem Interview mit der «Bild». Der Vergleich mit dem kleinen Nachbarland dient ihm als Provokation.

Söders Argumentation: Deutschland altert, die Zahl der Rentner steigt, jene der Erwerbstätigen sinkt. «Wenn wir immer mehr ältere und immer weniger jüngere Menschen haben, kann man das nur ausgleichen, indem Deutschland länger arbeitet», sagte er. Und zwar nicht nur am Ende des Erwerbslebens, sondern insgesamt: «Das gilt in der Woche, das gilt im Jahr.» Ziel müsse es sein, Strukturen und Gesetze so anzupassen, «damit wir wieder länger arbeiten».

Deutschland streitet über Reformen

Dabei stellte Söder klar, dass es ihm nicht zwingend um ein höheres Rentenalter gehe. Wer in der Woche mehr arbeite, müsse «nicht ein ganzes Leben länger arbeiten». Denkbar seien Modelle wie Lebensarbeitszeitkonten. Und Söder fügte hinzu: «Die Deutschen sind auch fit wie nie in ihrer Geschichte.» 

Die Aussagen fallen in eine sensible Phase. Auch die deutsche Rentenversicherung – vergleichbar mit der Schweizer AHV – steht unter Druck, die schwarz-rote Bundesregierung hat Ende 2025 die sogenannte Rentenkommission eingesetzt. Sie soll bis Mitte dieses Jahres Vorschläge vorlegen, wie das System angesichts des Renteneintritts der Babyboomer stabilisiert werden kann.

Zum Vergleich: In der Schweiz beträgt die gesetzliche Vollarbeitszeit 42 Stunden pro Woche, in Deutschland 40,2 Stunden. Söders Vorpreschen löste gemischte Reaktionen aus – die Debatte läuft nun schon seit Wochen.

Heftige Kritik von linker Seite

Der Deutsche Gewerkschaftsbund in Bayern hielt Söder in einer Mitteilung dagegen, in Deutschland werde bereits heute viel gearbeitet. Vollzeitbeschäftigte kämen effektiv auf durchschnittlich 41,4 Wochenstunden. Kritik kam auch aus der SPD: Zusätzliche Wirtschaftsleistung entstehe nicht durch pauschale Verlängerungen der Arbeitszeit.

Unterstützung erhielt Söder hingegen von Ökonomen. Ein liberaler Wirtschaftsprofessor rechnete vor, dass die Wirtschaftsleistung um mehr als zwei Prozent zulegen würde, wenn alle Erwerbstätigen ihre Wochenarbeitszeit um eine Stunde erhöhen würden.

Auch Merz machte Schweiz-Vergleich

Vor wenigen Tagen legte Söder nach. «Eine Stunde mehr Arbeit in der Woche ist wirklich nicht zu viel verlangt», bekräftigte er im «Bericht aus Berlin». Der bayerische Ministerpräsident gelte «als Politiker mit feinem Sensorium für die Stimmung im Land», kommentierte daraufhin die «Süddeutsche Zeitung». «Und diese Stimmung richtet sich seit Wochen mit missionarischem Eifer gegen eine alte Zielscheibe: die angeblich faulen Deutschen, die im Job zu wenig reissen.» 

Auch Spott bekam Söder. Der Ministerpräsident wolle die Deutschen zwar zu mehr Leistung antreiben, frotzelte «Der Spiegel». «Blöd nur: Ausgerechnet sein Bundesland liegt beim Arbeitspensum hinten – sogar hinter Berlin.»

Dass die Schweiz als Referenz herangezogen wird, ist übrigens nicht neu. Auch Bundeskanzler Friedrich Merz (70, CDU) ging bereits hart mit der deutschen Arbeitsmoral ins Gericht. In einem Interview forderte er 2025 seine Landsleute auf, sich an der Schweiz zu orientieren.

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