Darum gehts
- Patrick Fischer kaufte gefälschtes Impfzertifikat
- Schweiz kaufte 61 Mio. Impfdosen, 17 Mio. wurden verimpft.
- BAG erlitt Schlappe vor Gericht
Frau Lévy, der ehemalige Eishockey-Nationaltrainer Patrick Fischer hat ein Impfzertifikat gekauft und sich verteidigt: «Meine persönliche Ideologie ist: nicht impfen.»
Anne Lévy: Ob man sich impfen lassen will oder nicht, ist ein persönlicher Entscheid. Impfungen tragen aber dazu bei, sich vor schweren Infektionskrankheiten zu schützen, und sind sinnvoll.
Während der Corona-Pandemie haben Sie bedeutend energischer fürs Impfen geworben. Patrick Fischer hat eine Vorbildfunktion. Weshalb kritisieren Sie ihn nicht schärfer?
Warum Herr Fischer so gehandelt hat, muss er selbst erklären. In jedem Fall sind Regeln einzuhalten. Er hätte ja auch ohne Impfung an den Olympischen Spielen in China teilnehmen können – das wäre mit Quarantäne gegangen. Andere Sportler haben das gemacht.
Patrick Fischer sagt selbst, es gehe in diesen Fragen um «Ideologie». Kann man Impfgegner überzeugen, obwohl rationale Argumente nicht verfangen?
Impfungen helfen, schwere Verläufe und Leid zu verhindern. Meine Mutter hatte in ihrer Klasse noch eine Mitschülerin mit Kinderlähmung – solche Fälle gibt es bei uns heute dank der Impfung zum Glück nicht mehr. Die Bevölkerung setzt mehrheitlich auf Impfungen: In der Corona-Pandemie haben sich knapp 70 Prozent impfen lassen, bei Menschen über 65 Jahren waren es sogar über 90 Prozent. Die meisten Eltern schätzen zudem die Basisimpfungen, wie sie für Kinder empfohlen werden: Diphtherie, Polio, Masern, Mumps, Röteln oder Keuchhusten. Die Durchimpfung liegt hier bei 95 Prozent.
Ihr Ex-Mitarbeiter Daniel Koch zeigt Verständnis für Patrick Fischer. Ist das nicht unverantwortlich vom ehemaligen «Mr. Corona»?
Das müssen Sie mit Daniel Koch besprechen.
Am Donnerstag veröffentlichten Sie bislang geschwärzte Impfverträge vollständig, weil das Bundesverwaltungsgericht Sie dazu gezwungen hat. Wie gut können Sie mit Niederlagen umgehen?
Es geht nicht um Sieg oder Niederlage. Wir begrüssen die gerichtliche Klärung – und haben rasch beschlossen, dass wir auf Weiterzug verzichten. Wir hatten die Papiere geschwärzt, weil Beschaffungsverträge auf internationaler Ebene vertraulich sind. Eine Offenlegung hätte das Risiko mit sich gebracht, dass sich der Bundesrat künftig in einer schlechten Verhandlungsposition befindet.
Ihr Chefjurist verwies auf Druck aus Frankreich und Schweden – den es so wohl gar nicht gegeben hat, wie Blick vor zwei Jahren enthüllte.
In Europa sind die Verträge von der EU-Kommission nach wie vor geschwärzt, in der EU laufen diesbezüglich noch Gerichtsverfahren. Für die Impfstoffbeschaffungen war die Zusammenarbeit mit den Partnerländern und der EU extrem wichtig.
Die EU erhielt die Impfdosen günstiger als die Schweiz. Haben Sie schlecht verhandelt?
Die dortigen Preise wurden bislang nicht offengelegt, man kennt sie daher noch nicht. Es gab zu Beginn der Pandemie einen harten Wettbewerb um die Verfügbarkeit. Es war nicht klar, welche Firma die besten Impfstoffe hat. Stellen Sie sich vor, wir hätten auf den falschen gesetzt oder zu wenig bestellt! Die Verhandlungen liefen weltweit vertraulich. Sonst wäre auch die Schweiz nicht zum Zug gekommen.
Nutzten die Pharmakonzerne die hohe Zahlungsbereitschaft der Schweiz aus?
Die Vertragskonditionen hängen von verschiedenen Faktoren ab. Zum Beispiel: Wie schnell können wir einen Vertrag abschliessen, wie rasch und verbindlich kann der Impfstoff geliefert werden, wie gross ist der Markt? Kleine Länder wie die Schweiz sind da nicht im Vorteil. Dem Bund ist es trotz allem gelungen, früh gute Impfstoffe zu beschaffen – von verschiedenen Herstellern in den nötigen Mengen. Dadurch bekamen wir die Pandemie in den Griff.
Wie viele Impfdosen wurden überhaupt genutzt?
Insgesamt haben wir 61 Millionen Dosen gekauft. 17 Millionen wurden in der Schweiz verimpft, 8 Millionen an andere Länder gespendet. Der Rest wurde teils vernichtet, teils auch nicht bezogen, aber bezahlt.
Das heisst: Mehr als 70 Prozent der bezahlten Impfdosen wurden in der Schweiz gar nicht genutzt – das ist doch ein Beschaffungs- und Impfversagen!
Die Schweiz hat eine auf Sicherheit ausgerichtete Strategie verfolgt. Sowohl in Bezug auf Impfstoffe als auch auf deren Mengen. Diese waren so ausgelegt, dass jederzeit die ganze Bevölkerung mehrmals geimpft werden konnte. Dieses Vorgehen hat sich bewährt.
Sie kannten doch die Zahlen von 2009, gemäss denen sich nur 80 Prozent der Schweizer impfen lassen?
Die Oberaufsicht des Parlaments hat im Prüfbericht festgestellt, dass wir richtig gehandelt haben. In einer Pandemie gilt: Lieber zu viel bestellen als zu wenig. Dank der Impfungen konnten schwere Krankheitsverläufe, Hospitalisierungen und Todesfälle reduziert werden. Auch gesellschaftliche und wirtschaftliche Auswirkungen haben wir gelindert. Die Schweiz konnte strenge Massnahmen rascher aufheben als andere Länder.
Sprechen wir über Impfschäden: Welche Entschädigungssummen mussten Sie bislang auszahlen?
Bis Anfang 2026 hat der Bund 408 Gesuche um Zahlungen nach Impfschäden erhalten. Davon wurden bisher 300 nach einer ersten formellen Prüfung zurückgewiesen. Bisher gab es vier Entscheide: Zwei Gesuche wurden gutgeheissen und zwei wurden abgelehnt. Die anderen sind noch hängig.
Was hat das Bundesamt für Gesundheit aus der Pandemie gelernt?
Wir müssen neben medizinischen Aspekten auch die sozialen und gesellschaftlichen Überlegungen von Anfang an stärker einbeziehen – damit alte Menschen nicht einsam im Pflegeheim sterben müssen. Doch die Heime sind in einem Dilemma: Manche möchten möglichst geschützt sein, andere leiden unter dem Wegfall sozialer Kontakte. Gesundheit ist wichtig, Geborgenheit aber auch. Es wäre gut, wenn jedes Heim einen Bewohnerrat hätte, der hierzu konsultiert wird.
Zu den Nachwehen von Corona zählt die Revision des Epidemiengesetzes, über die das Parlament gegenwärtig diskutiert.
Wir brauchen eine Stärkung der Frühwarnsysteme für übertragbare Krankheiten. Dazu gehören systematische Analysen im Abwasser – hier finden sich Spuren von Viren. So können wir künftig schneller reagieren. Und es geht auch um neue Gefahren wie Antibiotikaresistenzen. Wir wollen die Forschung und Entwicklung neuer Antibiotika stärken und mit finanziellen Anreizen die Bereitstellung fördern.
Schon jetzt sind Antibiotika knapp.
Engpässe gibt es auch bei anderen wichtigen Medikamenten, und darum braucht es auch eine internationale Zusammenarbeit. Kurzfristig will der Bundesrat die heutigen Beipackzettel in den drei grossen Landessprachen durch einen QR-Code ersetzen, das senkt die Importhürden.
Weshalb fordern Sie zusätzliche Kompetenzen?
Um dort handeln zu können, wo es die häufigsten Engpässe gibt: bei den günstigen alltäglichen Medikamenten. Ausgerechnet hier sind uns heute die Hände gebunden, dafür braucht der Bund mehr Kompetenzen in der Verfassung. Dies soll sich mit dem Gegenentwurf zur Volksinitiative «Ja zur medizinischen Versorgungssicherheit» verbessern.