Angst vor Sanierungslawine
Bund kapituliert bei der Schadstoff-Sanierung

Viele PFAS-belastete Standorte müssen in den nächsten Jahren saniert werden. Weil die Anzahl solcher Standorte den Rahmen des Machbaren zu sprengen droht, greift der Bund zur Notbremse.
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In der Schweiz sind viel mehr Standorte mit den Industriechemikalien PFAS verunreinigt als erwartet.

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • PFAS-Industriechemikalien belasten die Schweiz
  • Das Bafu lockerte 2025 Grundwassergrenzwert wegen hoher Belastung
  • Schweiz: 330 PFAS-Bewilligungen, Sanierungskosten im Wallis bis 2045 bis 1 Milliarden Franken
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Tina Berg
Beobachter

Bei den Industriechemikalien PFAS hat man so ziemlich alles unterschätzt. Wie gefährlich sie sind, wo sie überall drinstecken, wie weit sie schon verbreitet sind. Auch die Zahl der Standorte, die saniert werden müssen, damit sich die schwer abbaubaren Stoffe nicht im Wasser und im Boden ausbreiten.

Viele Kantone versuchen jetzt, überhaupt einmal abzuschätzen, welche Standorte betroffen sind. Bern und Zürich haben zum Beispiel 2024/2025 eine Umfrage bei allen Gemeinden zu Brand- und Löschübungsplätzen durchgeführt. Gebiete, die mit grosser Wahrscheinlichkeit belastet sind, werden momentan in den Kataster der belasteten Standorte eingetragen, sagt die Zürcher Baudirektion gegenüber dem Beobachter.

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Eigentlich strengerer Wert geplant

Nur: Es fehlt noch immer der rechtliche Rahmen für die Sanierungsarbeiten. Es gibt keine verbindlichen Grenzwerte für PFAS, auf die sich Kantone stützen könnten, um zu entscheiden, ob ein Standort saniert werden muss.

Mitte-Ständerätin Marianne Maret hat zwar 2022 mit einer Motion zur Festlegung von PFAS-spezifischen Grenzwerten offene Türen eingerannt. Doch die Änderung der Altlastenverordnung lässt auf sich warten. Demnächst soll die Vernehmlassung starten, heisst es beim Bundesamt für Umwelt (Bafu) auf Anfrage.

Eine Recherche des Beobachters zeigt jetzt: Ursprünglich wollte das Amt einen strengeren Wert einführen als denjenigen in der Vernehmlassungsvorlage.

Grundwasser: Grenzwert vor einem Jahr gelockert

Noch bevor die neuen Grenzwerte gelten, werden nämlich bereits Standorte abgeklärt und saniert. Die Werte müssen aber in jedem Einzelfall hergeleitet und vom Bafu einzeln bewilligt werden.

Das Bafu verlangt bei Standorten, bei denen das Grundwasser geschützt werden muss, ab einem sogenannten toxizitätsgewichteten Konzentrationswert von 50 ng TEQ/L die Sanierung. Vor einem Jahr hat das Bafu diesen Wert markant gelockert. Seit August 2025 liegt die Schwelle bei 200 ng TEQ/L. Zwar ist der Wert jetzt auch deshalb höher, weil man damit neu einen Mix von mehr PFAS-Stoffen beurteilt als zuvor. Aber der eigentliche Grund ist viel brisanter: Die generelle Belastung mit PFAS war überall schon so hoch, dass man mit dem 50-ng-Wert schlicht zu viele Standorte hätte sanieren müssen.

Das bestätigt auch Karl Stransky, Fachspezialist Altlasten beim Kanton Bern. Er sagt: «Wir haben festgestellt, dass PFAS im Boden und im Grundwasser weit verbreitet vorkommen und dass das Ausmass der Problematik grösser ist als ursprünglich angenommen.» Der Wert von 50 ng TEQ/L sei zwar toxikologisch nachvollziehbar hergeleitet. «Die bisherigen PFAS-Untersuchungen im Kanton Bern zeigen jedoch, dass ein sinnvoller Vollzug der Sanierungen von belasteten Standorten nur schwierig umsetzbar wäre, weil man gar nicht weiss, wo man so viel PFAS-belastetes Material deponieren könnte.»

Beim Bafu heisst es auf Anfrage des Beobachters, dass es verschiedene Gründe für die Anpassung gebe. «Die Anzahl der Standorte, die schätzungsweise sanierungsbedürftig würden, war einer davon.» Der Wert müsse aus toxikologischen Gründen vertretbar sein. Aber viele weitere Faktoren seien bei der Bestimmung des Werts wichtig – etwa ob ein Wert vollzugstauglich, wirtschaftlich und verhältnismässig sei. Deshalb habe das Bafu den Wert auf 200 ng TEQ/L angehoben.

Für Marion Junghans, Gruppenleiterin Risikobewertung beim Oekotoxzentrum, dem Schweizer Zentrum für angewandte Ökotoxikologie, zeigt diese Entwicklung, wie dramatisch die Situation ist. Sie sagt: «Es ist bei den PFAS wie beim Klimaproblem: Wir haben zu lange zu wenig gemacht, und jetzt schaffen wir es nicht mehr, zu dem Zustand zu kommen, den wir normalerweise anstreben würden. Wir können nur noch Schadensbegrenzung betreiben.»

330 Einzelbewilligungen vom Bafu

Bis heute hat das Bafu PFAS-Beurteilungswerte für 330 Standorte in der Schweiz einzeln bewilligt. Das heisse aber noch nicht, dass dort überall auch tatsächlich PFAS in relevanten Mengen aufträten, sagt die Medienstelle. Es könne auch ein Wert zur Abklärung bewilligt werden, wenn ein Bauprojekt anstehe.

Die ganze Sanierungssache tönt technisch – die Diskussion um den richtigen Wert dürfte jedoch kontrovers werden. Denn es geht um viel Geld: Das Wallis schätzt die Kosten bis 2045 für alle im Kanton ausstehenden Sanierungsmassnahmen inklusive PFAS auf bis zu eine Milliarde Franken. Der Kanton Bern machte in der Jahresrechnung 2025 eine Rückstellung für PFAS-Sanierungen von 390 Millionen Franken, wie das Onlinemedium «Hauptstadt» berichtete. Dies, weil rund 550 neue Orte in den Kataster der belasteten Standorte eingetragen werden müssen. Obwohl Zürich ebenfalls neue belastete Standorte erfasst, wurden dort noch keine Rückstellungen gemacht, weil es dafür keine rechtliche Grundlage gebe, so die Baudirektion auf Anfrage des Beobachters.

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