Abzocker-Ärzte ziehen Patienten über den Tisch
Politik will das Gesundheitssystem heilen

Ein neues Tarifsystem sorgt für Wirbel: Schwarze Schafe unter den Ärzten und Spitälern kassieren ab, während Patienten und Prämienzahler dafür bluten. Das Parlament fordert nun klare Regeln, um Fehlanreize zu stoppen.
Kommentieren
1/5
Das neue Tarifsystem im Gesundheitswesen enthält Fehlanreize. Schwarze Schafe kassieren ab – zulasten von Patientinnen und Prämienzahlern.
Foto: keystone-sda.ch

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Neues Tarifsystem seit Januar: Ärzte erhalten Pauschalen für ambulante Behandlungen
  • Studie: Wechsel bei MS-Medikamenten könnte jährlich 16 Millionen CHF sparen
  • Bundesrat soll Heimtherapien prüfen, das könnte helfen, die Sparziele zu erreichen
War diese Zusammenfassung hilfreich?
Externe Inhalte
Möchtest du diesen ergänzenden Inhalt (Tweet, Instagram etc.) sehen? Falls du damit einverstanden bist, dass Cookies gesetzt und dadurch Daten an externe Anbieter übermittelt werden, kannst du alle Cookies zulassen und externe Inhalte direkt anzeigen lassen.
RMS_Portrait_AUTOR_398.JPG
Daniel BallmerRedaktor Politik

Patientenvertreter David Haerry spricht von «klaren Fehlanreizen im Gesundheitssystem». Seit Anfang Jahr gilt ein neues Tarifsystem. Jede ambulante ärztliche Behandlung wird mit einer Tagespauschale vergütet.

Das aber kann Ärzte und Spitäler dazu verleiten abzukassieren – zulasten von Patienten und Prämienzahlerinnen. Auch unter den Göttern in Weiss gibt es schwarze Schafe.

Profit vor Patientenwohl?

Für Aufsehen sorgte etwa eine neue Studie: Würde nur jeder zweite Patient mit Multipler Sklerose auf ein anderes Medikament umsteigen, wären sofort 16 Millionen Franken einzusparen – pro Jahr. Angesichts stetig steigender Gesundheitskosten kein Pappenstiel.

Und: Auch viele Patienten hätten Interesse an dem neuen Medikament. Sie können es sich mit einem Injektions-Pen zu Hause selber verabreichen. Das ist einfacher und zeitsparend. «Die meisten Patienten wollen so unabhängig sein wie möglich», stellt Haerry klar.

Dennoch: In der Schweiz erhalten die meisten MS-Patienten ihr Medikament weiter über eine Spritze oder Infusion beim Arzt oder im Spital. Dabei spielt auch eine Rolle: Wer einen Pen verschreibt, verdient selber nichts an der Abgabe und vorhandene Infusionsgeräte bleiben ungenutzt.

In manchen Fällen scheint das wichtiger zu sein als das Patientenwohl.

Bundesrat soll genau hinsehen

Das Beispiel ist nur die Spitze des Eisbergs. Nun will es das Parlament genau wissen. SVP-Nationalrätin Vroni Thalmann (56) und ihre Mitstreiter fordern den Bundesrat auf, das Potenzial von Heimtherapien gegenüber der Behandlung im Spital oder beim Arzt zu prüfen – und eine entsprechende Gesetzesänderung vorzubereiten.

Systemische Fehlanreize sollen vermindert und Patientenbedürfnisse stärker berücksichtigt werden, betont Gesundheitspolitikerin Thalmann. Der Bundesrat solle sich dabei auf teure Bereiche wie Onkologie, Neurologie, Rheumatologie oder Immunologie konzentrieren.

Der Bundesrat habe schon anerkannt, dass in Einzelfällen hohes Einsparpotenzial bestehe. Gleichzeitig suche Gesundheitsministerin Elisabeth Baume-Schneider (62) Möglichkeiten, um im Gesundheitswesen jährlich rund 300 Millionen Franken einsparen zu können.

«Heimtherapien könnten diese Bestrebungen unterstützen und gleichzeitig den Bedürfnissen der Patienten besser Rechnung tragen», zeigt sich Thalmann überzeugt.

«Das ist nicht im Sinne des Erfinders»

Und es gibt weitere Beispiele. So wurden Fälle bekannt, bei denen Krebspatienten an zwei unterschiedlichen Tagen für Untersuchungen einbestellt wurden, die bisher an einem Tag vorgenommen wurden. «So wird dann auch zweimal abkassiert», erklärt SP-Nationalrätin Sarah Wyss (37). «Das ist nicht im Sinne des Erfinders.»

Ein anderes Beispiel: Werden beim Gynäkologen Gebärmutter-Polypen entfernt, ist das mit einem Schaber möglich. Das ist günstig, kann aber Gewebe zerstören und sogar zur Unfruchtbarkeit führen. Neuere Methoden sind weit schonender, aber teurer.

«Die neuere Methode wäre im Sinn der Patientin», so Wyss. «Und doch wird teilweise die veraltete angewandt, weil sie günstiger ist und so mehr von der Pauschale übrigbleibt.»

Bundesrat verlässt sich auf ethische Haltung der Ärzte

Auch Gesundheitsministerin Baume-Schneider ist bewusst, dass mit den neuen Pauschalen für Ärzte immer ein Anreiz besteht, an einem anderen Tag zusätzliche Leistungen zu verrechnen. Sie seien aber verpflichtet, ihre Leistungen auf das Mass zu beschränken, das im Interesse der Versicherten liegt und für den Behandlungszweck nötig ist, betonte die SP-Bundesrätin diese Woche im Nationalrat.

«Für Leistungen, die über dieses Mass hinausgehen, kann die Vergütung verweigert oder zurückgefordert werden», so Baume-Schneider. Die Tarifpartner könnten zudem jährlich Fehler im Tarifsystem korrigieren. Wegen Doppelaufgeboten von Patienten hätten Versicherer denn auch damit begonnen, Listen zu führen und Ärzte zu sensibilisieren.

Die Gesundheitsministerin musste im Parlament aber auch einräumen, dass es äusserst schwierig sei, Ärzte, die sich nicht an die Richtlinien halten, zu identifizieren: «Tatsächlich verlässt man sich auf die ethische Haltung der Ärzte.» Sollte das nicht funktionieren, könnten die Pauschalen angepasst werden.

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser

«Anscheinend greift der Aufruf an die Ethik nicht bei allen», meint Gesundheitspolitikerin Wyss und fordert sofortige Anpassungen zwischen den Tarifpartnern. Die Krankenkassen sind in der Pflicht die Leistungserbringenden zu kontrollieren, erklärten aber hinter vorgehaltener Hand, dass sich das bei kleinen Beträgen gar nicht lohne. 

«Ich erwarte von den Krankenkassen, dass sie diesen strukturellen Fehlern nachgehen, das ist ihr Job», betont Wyss. «Sonst wird dieses unethische und schädliche Verhalten auch noch belohnt.» Machten die Kassen ihren Job nicht, müsse eben das Bundesamt für Gesundheit intervenieren. «Das Gesundheitswesen steht im Dienste von Patientinnen und Patienten – und nicht des Profits.»

Was sagst du dazu?
Heiss diskutiert
    Meistgelesen