Ist dieses Millionenprojekt zum Scheitern verurteilt?
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In Winterthur:Ist dieses Millionenprojekt zum Scheitern verurteilt?

71 Millionen in den Sand gesetzt?
Rösti bremst Winterthurer Zukunftspläne aus

Winterthur baut für 71 Millionen Franken eine neue Brücke. Dumm nur: Die dazu geplante S-Bahn-Haltestelle könnte nie kommen. Verkehrsminister Albert Rösti sieht null Priorität. Kritiker in Winterthur sprechen von einer Fehlplanung. Die Stadt ist dennoch optimistisch.
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Die Leonie-Moser-Brücke in Winterthur: Für 71 Millionen Franken wurde sie gebaut, ...
Foto: Patrick Gerber

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Winterthur eröffnet im Dezember eine 400-Meter-Brücke für Busse und Velos
  • Projektkosten: 71 Millionen Franken, Kritiker sprechen von Fehlplanung
  • Dazugehörige neue S-Bahn-Haltestelle kommt vielleicht nie, Bund sieht keine Priorität
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Patrick GerberRedaktor Politik

Man kann sie schon sehen: Fast 400 Meter weit spannt sich die neue Leonie-Moser-Brücke über die Bahngleise in Winterthur. Dutzende Millionen Franken kostet das Bauvorhaben. Ab Dezember sollen Velos und Busse über die Brücke fahren.

Noch aber fehlt die Krönung des Projekts. Gleich neben der Bücke sollte es nämlich dereinst die neue S-Bahn-Haltestelle Grüze Nord geben, zusätzlich zum bisherigen Bahnhof. Dank Viertelstundentakt nach Zürich und Frauenfeld soll hier in den späten 2030er-Jahren ein neues Quartier entstehen. So zumindest die Vorstellungen der Planer. 

Dumm nur: Verkehrsminister Albert Rösti hat den Winterthurern einen Strich durch die Rechnung gemacht. Weil dem Bund Geld fehlt, liess er letztes Jahr alle geplanten Verkehrsprojekte auf Herz und Nieren prüfen. Der Bericht «Verkehr 2045» zeigt, welche Grossprojekte rasch gebaut werden sollen und welche warten müssen. 

«Ein Schildbürgerstreich»

Das Ergebnis ist für Winterthur ein Paukenschlag: In Röstis Gutachten wurde der Bau des Bahnhofs Grüze Nord auf die niedrigste Prioritätsstufe 6 abgestuft. Der ETH-Bericht sieht den Bau als nicht mehr relevant an. Das heisst: «Generell tiefe Priorität auf absehbare Zeit.» Die Leonie-Moser-Brücke wird nun voraussichtlich über Jahre – wenn nicht Jahrzehnte — nicht voll ausgelastet werden können. 

Kritiker wie der Winterthurer SVP-Vizepräsident Manuel Zanoni sprechen von einer Fehlplanung. «Der Bau der Leonie-Moser-Brücke ist für mich ein Schildbürgerstreich», sagt er auf Blick-Anfrage. Die Winterthurer SVP spricht von einem «71 Millionen Franken teures Beton-Ungetüm». Aufgrund des Gutachtens werde der Bau von Grüze Nord wohl erst nach 2045 möglich sein, kritisiert Zanoni. Dies sei «eine schallende Ohrfeige für den Winterthurer Stadtrat». 

Lobbying soll es richten

Der Winterthurer Stadtrat betont auf seiner Homepage, ihm sei «völlig unverständlich, dass der ETH-Bericht die hohe Zweckmässigkeit des Bahnhofs Grüze Nord nicht bestätigt, sondern diesem die tiefste Prioritätsstufe 6 attestiert». 

Auf Blick-Anfrage gibt sich die Stadt Winterthur inzwischen jedoch zuversichtlich. Der ETH-Bericht sei noch kein definitiver Entscheid, Lobbying könnte helfen. «Der Bahnhof Grüze Nord hat ein so gutes Kosten-Nutzen-Verhältnis, dass im Rahmen der Vernehmlassung, beziehungsweise Parlamentsberatung, das Projekt wieder hineinkommen wird», zeigt sich die Stadt überzeugt. 

Verbindung zu neuem Stadtteil

Die Stadt Winterthur betont zudem den Nutzen der Brücke – auch ohne die S-Bahn-Haltestelle. Denn rundherum haben die Stadt und die SBB grosse Pläne. Unmittelbar neben der Leonie-Moser-Brücke soll ein neues Sekundarschulhaus entstehen – ebenfalls benannt nach der bekannten Zürcher Röntgenschwester Leonie Moser. Zudem sollen auf dem Areal einer ehemaligen Gelatine-Fabrik rund 160 neue Wohnungen entstehen. Winterthur spricht von einem zweiten Stadtzentrum, das entstehen soll – ein Mix aus Fabrik und Neubauten, ein «urbaner Stadtteil mit dichter und hoher Bebauung». Die Brücke sei Voraussetzung, dass dies geschehen könne. 

Bereits ab Dezember soll auch die Buslinie 7 die Brücke mit acht Fahrten pro Stunde und Richtung befahren. Das Industriegebiet Sulzerallee mit Tausenden Arbeitsplätzen erhalte erstmals eine Busverbindung ins Stadtzentrum, so die Stadt.

«Kein Ort, an dem man sich gerne aufhält»

Weniger optimistisch ist SVP-Politiker Zanoni. «Eine bessere Erschliessung der Grüze Nord und von Neuhegi finde ich grundsätzlich sinnvoll», erklärt er. «Doch die Leonie-Moser-Brücke scheint mir völlig überproportioniert und das Konzept dahinter kaum zu Ende gedacht.» Er habe Zweifel, ob dort tatsächlich ein zweites Stadtzentrum entstehen könne. «Es ist schlicht kein Ort, an dem man sich gerne aufhält.»

Aus seiner Sicht ist es zudem ein Fehler, dass die Brücke nur von Bussen und Velos genutzt werden darf. «Es ist kaum nachhaltig, wenn seine solch riesige Betonbrücke nur ein paar Mal pro Stunde von Bussen befahren wird.» Gerade für Velofahrer seien die Rampen der Brücke steil geraten. Sein Fazit: «Für mich ist die Geisterbrücke schon jetzt ein Mahnmal für eine verfehlte Planung.»

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