10-Millionen-Schweiz
Schweigen statt Predigen

Die reformierte wie die katholische Kirche verzichten auf eine Abstimmungsparole zur SVP-Initiative – obwohl Migration eines ihrer Kernthemen ist.
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Die Schweizer Bischofskonferenz (SBK) und die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz (EKS) verzichten auf eine Abstimmungsparole zur SVP-Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz!».
Foto: keystone-sda.ch

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Schweizer Kirchen äussern sich nicht zur SVP-Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz!»
  • Kirchen betonen ethisch-moralische Orientierung, jedoch keine parteipolitische Positionierung
  • Frauenbund Schweiz und NGOs lehnen Initiative als fremdenfeindlich und diskriminierend ab
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Sara BelgeriRedaktorin

Wie politisch darf die Landeskirche sein? Wenn es nach dem reformierten Theologen und ehemaligen Grossmünster-Pfarrer Christoph Sigrist (63) geht, kann die Kirche gar nicht unpolitisch sein. Gott ergreife schliesslich Partei für die Schwächsten.

Dennoch enthalten sich sowohl die Schweizer Bischofskonferenz (SBK) als auch die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz (EKS) einer Abstimmungsparole zur Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz!». Mit der will die SVP die Bevölkerung auf eine maximale Kopfzahl begrenzen, notfalls das Personenfreizügigkeitsabkommen mit der EU kündigen sowie Massnahmen im Asylbereich und beim Familiennachzug ergreifen.

Migration: «Keine neue Fragestellung»

Die SBK begründet ihre Zurückhaltung auf Anfrage damit, dass sie sich nur dann mit einer Parole äussere, wenn ein «klar umrissenes Anliegen» unmittelbar grundlegende Werte berühre, zu denen die Kirche einen spezifischen Beitrag leisten könne. Bei der Initiative stünden jedoch «komplexe gesellschafts-, wirtschafts- und migrationspolitische Abwägungen» im Vordergrund. Eine Parole würde diese notwendige Debatte verkürzen.

Ähnlich argumentiert die EKS. Eine Abstimmungsparole sei «nicht der Normalfall», heisst es. Man äussere sich lediglich, wo eindeutig kirchlicher oder sozialethischer Klärungsbedarf bestehe. 

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Dass Migration ein Kernthema der Kirche ist, bestreiten weder katholische noch reformierte Funktionsträger. Laut SBK wolle man gerade deshalb die Diskussion nicht auf ein Ja oder Nein verkürzen. Auch die EKS verweist darauf, dass sie sich wiederholt zu Flucht, Migration und Menschenrechten geäussert habe. Bei der Initiative indes liege «keine grundsätzlich neue Fragestellung» vor. Deshalb habe der Rat der Evangelisch-Reformierten entschieden, keine Empfehlung abzugeben.

In der Vergangenheit Position bezogen

In der Vergangenheit äusserten sich die Landeskirchen durchaus zu eidgenössischen Abstimmungen, zuletzt gegen die Halbierungs-Initiative oder besonders dezidiert für die Konzernverantwortungs-Initiative. Kirchtürme im ganzen Land hatten Fahnen mit der Ja-Parole gehisst – was für eine hitzige Debatte darüber sorgte, ob die Kirche sich überhaupt politisch äussern darf. Kritiker warfen den Klerikern vor, ihre politische Neutralität zu verletzen; Jungfreisinnige reichten gar Beschwerde vor Bundesgericht ein. Die höchste irdische Instanz der Schweiz ging jedoch nicht darauf ein.

Zwar betonen beide Kirchen, dass sie nicht wegen politischen Drucks auf eine Parole verzichteten. Vonseiten der SBK heisst es: «Die Kirche will in politischen Debatten nicht parteipolitisch auftreten, sondern ethische und moralische Orientierung geben.» Die EKS wiederum betont, man habe keine Angst vor Widerspruch, greife jedoch nur dann direkt in den Abstimmungskampf ein, wenn besonderer Klärungsbedarf bestehe. Dies sei im Fall der Konzernverantwortungs-Initiative und der SRG-Halbierungs-Initiative der Fall gewesen.

Kritik seit Konzernverantwortungs-Initiative

Auffällig ist allerdings, dass beide Kirchen auch bei der Konzernverantwortungs-Initiative 2.0 Zurückhaltung üben. Die EKS wies 2025 darauf hin, sie verzichte bewusst auf eine Empfehlung, um die Meinungsvielfalt innerhalb der Kirche zu respektieren, aber auch, um Raum für offene Diskussionen zu lassen. Aus katholischen Kreisen wiederum ist zu hören, dass der politische Druck seit der ersten Konzernverantwortungs-Initiative spürbar zugenommen habe.

Leisere Töne von der Kanzel hat auch Sarah Paciarelli registriert, Sprecherin der katholischen Organisation Frauenbund Schweiz: «Wir beobachten seit einiger Zeit eine gewisse Zurückhaltung kirchlicher Player in Bezug auf politische Initiativen und Kampagnen.»

Während sich die grossen Glaubensinstitutionen zurückhalten, lehnt der Frauenbund die Initiative ab. Er kritisiert, dass Menschen aufgrund ihrer Herkunft «pauschal als Belastung für Umwelt und Gesellschaft» dargestellt werden. Dies würde dem christlichen Auftrag zur Nächstenliebe, Achtung der Menschenwürde und zur besonderen Sorge für Schutzsuchende widersprechen. Auch christliche Organisationen wie das Heks und Caritas Schweiz haben die Nein-Parole gefasst.

Kirchliche Verantwortliche sollten Position ergreifen

Christoph Sigrist findet ebenfalls deutliche Worte. Als Präsident der Gesellschaft Minderheiten in der Schweiz (GMS) sieht er sich gemeinsam mit der Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus (GRA) in der Pflicht, «gegen fremdenfeindliche Denkmuster einzustehen».

Sigrist erkennt in Wortmeldungen rund um die Initiative eine Ähnlichkeit mit historisch belasteten Parolen wie «Das Boot ist voll». Die Ja-Kampagne erinnere an das Narrativ, mit dem die politische Schweiz im Zweiten Weltkrieg ihre Flüchtlingspolitik rechtfertigte. Auch damals hätten viele kirchliche Stimmen gegen diese Haltung protestiert.

Diese Tradition sieht Sigrist bis heute als Verpflichtung. Für ihn ist klar: «Wenn Minderheiten diskriminiert oder Schutzsuchenden der Zugang verwehrt wird, müssen nicht nur GMS und GRA, sondern auch kirchliche Verantwortungsträger Position ergreifen.»

Die Kirche müsse als «prophetische Wächterin» wirken, die Missstände benennt. Parolen, so Sigrist weiter, gehörten nicht auf die Kanzel, theologische Stimmen jedoch sehr wohl in die gesellschaftliche Debatte.

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