Während in Bern der Streit um die UBS tobt und die Welt einer Wirtschaftskrise entgegenzittert, nähert sich im Eiltempo eine Volksabstimmung mit nationaler Tragweite. Die Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz!» kommt am 14. Juni an die Urne und hätte das Zeug dazu, die Allgemeinheit in Erregung zu versetzen, ähnlich wie 2014 die Masseneinwanderungs-Initiative.
Doch diesmal bleibt es bemerkenswert ruhig. Was vor allem daran liegt, dass der Hauptakteur SVP auf einmal leise tritt. Früher setzte die Partei mit ihren Kampagnen auf schrille Töne und lotete die Grenzen des guten Geschmacks aus. Doch die Tage, als der politische Grosswildjäger Christoph Blocher mit seinen Fasanentreibern zum Halali gegen die europafreundliche «Classe politique» blies, sind vorbei.
Heute liefern die Parteioberen höchstens mal ein Interview über Dichtestress oder verweisen auf den «Asylnotstand». Ihre Zurückhaltung ist taktischer Natur. Sie wollen die Abstimmung um jeden Preis gewinnen. Die SVP-Strategen vertrauen darauf, dass die alltäglichen Auswirkungen des Bevölkerungswachstums alleine – Verkehrsüberlastung, Wohnungspreise, Lohndruck – genügend Argumente bieten. Darum leuchtet von ihren Plakaten nicht einmal das Parteilogo. Und mit dem Stichwort «Nachhaltigkeits-Initiative» bedienen sich die Rechtskonservativen munter beim Vokabular des Öko-Zeitgeists.
Im Gegenzug haben ihre Kontrahenten den grobschlächtigen Stil der SVP übernommen. Das Nein-Lager schimpft über die «Chaos-Initiative» und warnt dröhnend vor Isolation, Armut und Pflegenotstand: «Beim Herzinfarkt entscheiden Minuten. Fehlt medizinisches Fachpersonal, verlängern sich Wartezeiten», heisst es etwa. Die Nein-Stimme am 14. Juni als kardiologische Präventivmassnahme? Während die SVP bequem durch die Raumzeit gleitet, treibt die Kampagne der Gegenseite allerhand bunte Blüten.
In der Debatte über die 10-Millionen-Schweiz zeigt sich eine verkehrte Welt: laute Gegner, leise SVP. Seltsam.