Darum gehts
- ESC-Woche in Wien gestartet, Fans und Boykott prägen das Event
- Fünf Länder boykottieren wegen Israels Teilnahme, politische Spannungen nehmen zu
- Mehr als 200'000 Besucher erwartet, Halbfinale startet am 12. Mai
Glitzer, Flaggen und Musik aus aller Welt: Die ESC-Woche in Wien ist glamourös gestartet. Mit den ersten Proben und den anreisenden Fans nimmt der Eurovision Song Contest die Stadt immer mehr in Beschlag.
Die ESC-Zone rund um das Rathaus und die Stadthalle ist bunt, sogar die Velostreifen sind pink und violett eingefärbt. Auf Bannern ist das Motto «United By Music» kaum zu übersehen.
Diskussionen um Israel-Teilnahme
Trotzdem wird das 70. Jubiläum des Musikwettbewerbs von politischen Spannungen begleitet: Island, Niederlande, Irland, Slowenien und Spanien boykottieren den ESC wegen der Teilnahme von Israel. Dies sorgt auch in Wien für Wirbel. Am kommenden Samstag, an dem das ESC-Finale stattfindet, sind einige Demonstrationen angekündigt.
Direkt zum Start der ESC-Woche veröffentlicht die «New York Times» zudem eine brisante Recherche. Eine staatlich unterstützte Kampagne Israels soll das Voting beim Eurovision Song Contest beeinflusst haben.
Die diesjährige ESC-Teilnahme Israels und der Boykott der fünf Länder spaltet auch die Gemüter der ESC-Fans, die am Montagabend in strömendem Regen vor der Wiener Stadthalle warten, um sich die Vorschau des ersten Halbfinals anzusehen. In dieser Show performt der israelische Sänger Noam Bettan (28) seinen Song «Michelle» auf der Bühne.
«Der Song ist wunderschön», sagt Stanislav (20) aus der Ukraine, fügt aber an: «Ich unterstütze weder Israel noch Palästina, dennoch wünschte ich mir, dass Israel disqualifiziert wird, damit die Show normal ablaufen kann.» Seine Begleitung Marina (19) betont, dass sie es grundsätzlich wichtig finde, auch politische Themen am Musikwettbewerb zu thematisieren.
Julian (30) aus Wien ist anderer Meinung und traurig über den ESC-Boykott der fünf Länder: «Der ESC soll unpolitisch bleiben.» Ebenso sehen es Gerald (42) und Esti (13) aus Wien: «Natürlich wäre es schön, wenn alle Länder dabei wären. Die Musik steht im Vordergrund.»
ESC-Fan James (24) ist aus England angereist und hat Verständnis für die Entscheidungen der entsprechenden Länder. «Hoffentlich sind sie nächstes Jahr wieder dabei», sagt er.
«Ich finde es eine legitime Entscheidung, Israel teilnehmen zu lassen», sagt Robert Fröwein (41) aus Wien, Journalist der «Kronen Zeitung». «Genauso legitim finde ich es, wenn sich ein Land deswegen gegen eine Teilnahme entscheidet», fügt er an.
Zurückhaltende ESC-Stimmung im Wiener Zentrum
Während die Fans zwischen Vorfreude und Protest schwanken, versucht die Gastgeberstadt Wien den ESC mit einer Fanzone unter freiem Himmel und vielen Partys zu feiern. Doch das Wetter macht den Organisatoren einen Strich durch die Rechnung. Wegen Unwetter muss das Eurovision Village am Wiener Rathausplatz am Montagabend sogar schliessen.
Etwas abseits der Eurovision-Zone ist am Montag deutlich weniger sichtbar, welcher Event in Wien aktuell über die Bühne geht. Auch die Wiener Hotellerie zeigt sich überrascht, dass der ESC-Buchungsboom offenbar ausgeblieben ist.
Neben Bannern an ÖV-Haltestellen, beschrifteten Abfalleimern und einigen Länderfahnen, die einzelne Restaurants und Cafés zieren, weist nicht viel auf den Musikwettbewerb hin – ausser die Menschenmassen.
«Die Innenstadt ist schon sehr voll mittlerweile», sagen Niklas H. (22) und Daniela D. (21), die seit drei Jahren in Wien studieren. In den letzten zwei Wochen hätten die Touristenmassen deutlich zugenommen. «Es gab auch mehr Demos, wie ich gesehen habe», so Niklas H.
Der Vergleich zum letztjährigen Eurovision Song Contest in Basel zeigt: Die Stadt Wien feiert zwar fleissig mit, doch in Basel war die Party deutlich grösser – und der Protest lauter.
Die Halbfinals des Eurovision Song Contest sind am 12. und 14. Mai um 21 Uhr auf SRF 2 zu sehen, das Finale am 16. Mai um 21 Uhr auf SRF 1. Die Schweizer ESC-Hoffnung Veronica Fusaro (29) tritt im zweiten Halbfinale am 14. Mai auf.