Darum gehts
- SRF-Korrespondenten berichten über stressige, gefährliche Einsätze und psychische Belastungen
- Roger Aebli erlitt Migräne-bedingtes Blackout nach intensiver Venezuela-Berichterstattung
- SRF bietet Notfallpsychologie und HEST-Trainings für Krisenbewältigung und Sicherheit
Sie müssen auf Knopfdruck detaillierte Analysen liefern: die Korrespondentinnen und Korrespondenten von SRF. Trotz Dauerstress und wenig Schlaf, unter den oft kritischen Augen des TV-Publikums. Meistens live.
In Tele Nr. 3 erzählten Anita Bünter, Roger Aebli, David Nauer und Alexandra Gubser bei einem Treffen in der Schweiz vom oft ruhelosen und kräftezehrenden Alltag, aber auch darüber, wie sehr sie ihren Job gleichwohl lieben.
«Ein solches Blackout ist menschlich»
Zurück in New York, ereilte Aebli der Supergau: Er musste kurz nacheinander zwei Liveschaltungen abbrechen. Wegen der Ereignisse in Venezuela war der 42-Jährige pausenlos im Einsatz, hatte vor seiner geplanten Analyse im News-Special nicht geschlafen.
Courant normal eigentlich für einen Korrespondenten – auch für den sonst so souveränen Aebli. Wenn nicht eine heftige Migräne dazugekommen wäre.
«Für Roger selber war dies verständlicherweise sehr unangenehm», sagt sein Vorgesetzter Stefan Reinhart (54) im Gespräch mit Tele. Intern stand der weitere Einsatz von Aebli aber zu keinem Zeitpunkt zur Diskussion. «Er macht seit einem halben Jahr einen hervorragenden Job. Ein solches Blackout ist menschlich, das kann einfach jedem passieren.»
Reinhart spricht als Korrespondenten-Chef aus Erfahrung
Reinhart weiss, wovon er spricht: Der heutige Chef vom Dienst im Newsroom und Leiter der TV-Auslandskorrespondenten berichtete schon in den 90er-Jahren als junger Journalist für die «Schweizer Illustrierte» über den Genozid in Ruanda.
Nach seinem Wechsel zu SRF war er 2006 Sonderkorrespondent im Libanon und 2008 während des Bürgerkriegs in Kenia im Einsatz. Ein Jahr später wurde er Korrespondent in Berlin (2009–2014).
«In diesem Job muss man seine Kräfte gut einteilen», sagt Reinhart. Es liege zwar in der Natur von Korrespondenten/-innen, «sich stets voll und ganz reinzuknien», eine solche Dauerbelastung stehe man längerfristig aber nicht durch.
Wichtig seien regelmässige Pausen, die er als Chef manchmal fast anordnen müsse. «In solchen Momenten springen dann auch mal die Kollegen von Radio SRF oder andere Fachleute für die Analysen ein.»
Psychische Belastung ist hoch
Neben dem Stress könne auch etwas anderes zur Belastung werden, schildert Stefan Reinhart aus eigener Erfahrung: «Was das Publikum am Bildschirm sieht, ist nur ein Bruchteil dessen, was man als Berichterstatter vor Ort erlebt.»
Er spricht damit sowohl Kriegsgebiete als auch Katastrophen wie jene von Crans-Montana VS an. Was man lange nicht aus dem Kopf bringe, seien aber nicht zwingend der Lärm von Kampfjets oder die Detonation eines Sprengkörpers, «sondern die Begegnungen mit Menschen, die fern von jeglicher Normalität und Hoffnung unter Extrembedingungen leben müssen».
Reinhart erinnert sich an den Besuch in einer Klinik für kriegstraumatisierte Frauen in Ruanda. «Die Blicke dieser Frauen – so etwas vergisst du nie.»
Hier trage auch SRF als Arbeitgeber eine grosse Verantwortung. «Wir arbeiten mit einem notfallpsychologischen Dienst zusammen, der den Mitarbeitenden jederzeit Unterstützung bietet. Allen!»
Denn auch im Newsroom werden die Journalisten tagtäglich mit Bildern konfrontiert, die internationale Nachrichtenagenturen ungefiltert übermitteln. Bilder, die so schrecklich sind, dass das TV-Publikum sie nie zu sehen bekommt.
Gefahrentraining ist ein Muss
Wer bei SRF eine Korrespondenten-Stelle in einem Krisengebiet übernimmt, muss zudem ein sog. HEST (Hostile Environment Safety Training) absolvieren. Dabei handelt es sich um ein Angebot der Europäischen Rundfunkgesellschaft EBU: Medienschaffende aus ganz Europa lernen hier unter Anleitung ehemaliger britischer Soldaten, mit Krisen umzugehen.
Wie verhalte ich mich, wenn ich bedroht oder entführt werde? Wenn ich in ein Minenfeld oder unter Beschuss gerate? Diese und ähnliche äussere Umstände werden in den Trainings besprochen und geübt.
Das mag auf den ersten Blick an einen Agententhriller erinnern und übertrieben wirken. Ist es aber nicht. Reinhart erlebte selber eine solche Situation bei einer Checkpoint-Kontrolle in Nairobi. «Als ich eine Waffe am Kopf spürte, war ich froh, dass ich diesen Moment zumindest in der Theorie schon einmal durchgegangen und nicht komplett unvorbereitet war.» Zum Glück hatte er einen besonnenen lokalen Fahrer an seiner Seite, der mithalf, die Lage zu entschärfen.»
Ein Training ist natürlich keine vollständige Absicherung. «Es nimmt dir in einer solchen Situation auch nicht die Angst. Aber du erhältst wertvolle Inputs, die das Risiko reduzieren können.»
So habe er die Nächte im Libanon jeweils in der Badewanne verbracht, da er wusste, wie heikel bei einer Detonation die Glasfront seines Zimmer gewesen wäre. «Schlafen kann man ohnehin kaum.»
Das Leben der Mitarbeitenden steht an erster Stelle
Nicht zuletzt gibt es Gefahren, die man im ersten Moment womöglich unterschätzt: «Denken Sie an die aufgeheizte, aggressive Stimmung, wie wir sie bei Grossdemonstrationen in Frankreich, Deutschland oder auch in den USA und Chile regelmässig erleben.» Es sei wichtig, zu wissen, wie man sich in einer Masse gewaltbereiter Menschen rechtzeitig in Sicherheit bringe, «und dass zudem alle die gängigsten Erste-Hilfe-Griffe und -Methoden beherrschen, falls diese irgendwann gebraucht werden».
Gerade in heiklen Situationen sei man laufend in Kontakt: «Wir müssen wissen, wo unsere Leute sind und wie es ihnen geht.»
Nähert sich etwa Osteuropa-Korrespondent David Nauer in der Ukraine der Front, werden Notwendigkeit und Risiko vorab gemeinsam abgewogen und genaue Zeitpunkte festgelegt, an denen Nauer sich bei Reinhart meldet.
«Keine Geschichte ist ein Leben wert!», lautet die Devise bei SRF. «Wenn der Korrespondent oder die Korrespondentin vor Ort ein ungutes Gefühl hat, diskutieren wir nicht lange. Dann wird abgebrochen.» Egal, ob schon ein Kameramann gebucht, der halbe Weg zurückgelegt oder in Zürich mit einem Beitrag für «Tagesschau» oder «10 vor 10» gerechnet wurde – «die persönliche Sicherheit geht immer vor!».
Lange Arbeitstage, nur wenige Pausen, kaum Schlaf und teilweise sogar Gefahr für Leib und Leben: Einige werden sich beim Lesen nun womöglich gefragt haben: Wieso tut ein Mensch sich das an? «Weil wir es – gerade in Zeiten von Fake News und KI – wichtig finden, Berichte aus erster Hand zu liefern. Und weil es eine einmalige Chance ist, ein Land und seine Menschen kennenzulernen, bewegende Geschichten zu erzählen und unvergessliche Erfahrungen zu machen.» Die meisten sähen darin weit mehr als nur einen Job: «Es ist ein Privileg.»