«Zuhause ist dort, wo der Koffer steht»
So beschwerlich lebt es sich als SRF-Auslandskorrespondent

Sie sind in der BRD, den USA, Osteuropa oder im Nahen Osten stationiert. Die SRF-Auslandskorrespondenten berichten über das Weltgeschehen – und geben Menschen eine Stimme. Dafür verzichten sie auf einiges, wie sie erzählen.
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Anita Bünter zum Beispiel ist für die Berichterstattung aus Nahost zuständig.
Foto: SRF/Oscar Alessio

Darum gehts

  • SRF-Korrespondent:innen berichten über ihr Leben als «moderne Nomaden».
  • Herausforderungen: Fernbeziehungen, kulturelle Unterschiede, und Arbeit im Ausland.
  • David Nauer lebt seit über 20 Jahren ausserhalb der Schweiz.
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.
Regula Elsener
Tele

«Wir sind moderne Nomaden», so beschreibt die SRF-Deutschland-Korrespondententin Alexandra Gubser ihr Leben. Und damit ein Stück weit auch jenes ihrer Kolleginnen und Kollegen in den verschiedensten Ecken der Welt. Über die Festtage zieht es alle für ein paar Tage zurück in die Schweiz. Man trifft sich im Leutschenbach, tauscht sich aus, verbringt Zeit mit Familie und Freunden. TELE hat die Gelegenheit genutzt und sich mit Alexandra Gubser, Anita Bünter (Naher Osten), Roger Aebli (USA/New York) und David Nauer (Osteuropa) unterhalten.

Wie sehen Arbeit und Alltag in der Ferne aus? Und wenn man so selten in der Schweiz ist, wo ist man dann eigentlich zu Hause? Die vier schauen sich an, überlegen einen Moment und schon sind wir mitten im Gespräch.

David Nauer: Ich habe die Schweiz vor über zwanzig Jahren verlassen, verspüre aber nach wie vor einen engen Bezug. Gerade weil ich mich derzeit in zwei Welten bewege: Meine Familie lebt in Wien, beruflich bin ich oft in der Ukraine. Daher ist die Schweiz für mich ein wichtiger Anker. Ein Stück Heimat.

Alexandra Gubser: Ich fühle mich hier inzwischen eher wie eine Besucherin. Zu Hause ist für mich jener Ort, an dem ich meine Basis habe – das war vorher Genf und Paris genauso wie jetzt Berlin.

Roger Aebli: Da kann ich nur bedingt mitreden. Im Gegensatz zu den anderen drei lebe ich ja erst seit einem halben Jahr im Ausland. Inzwischen komme ich ganz gut zurecht in der Grossstadt. Doch vollständig angekommen bin ich in New York noch nicht.

Ein Artikel aus «Tele»

Das ist ein Beitrag aus «Tele». Das Fernsehmagazin der Schweiz taucht für dich nach den TV- und Streamingperlen.

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Anita Bünter: Besuche in der Schweiz lösen bei mir immer ein vertrautes Gefühl aus. Besonders wenn ich zwischendurch bei meinen Eltern übernachte – in meinem alten Kinderzimmer …

Gubser: Ich hab hier halt nur noch eine Klappmatratze (alle lachen).

Aebli: Zum Glück hat eine gute Freundin meine Wohnung übernommen. So konnte ich die letzten Tage gewissermassen in meine frühere Umgebung zurück. Einen Moment lang fühlte es sich an, als ob ich gar nie weg gewesen wäre.

Nauer: Für mich ist inzwischen auch Wien zur Heimat geworden. Durch die Kinder bin ich viel stärker ins gesellschaftliche Leben eingebunden als zuvor in Berlin oder Moskau. Das waren mehr vorübergehende Stationen gewesen.

Bünter: So geht es mir im Moment. Da Jonas (i. e. ihr Ehemann Jonas Bischoff; siehe Box unten) und ich über verschiedene Länder im Nahen Osten berichten, reisen wir oft herum und haben an vielen Orten Freunde. Auch sie können dir das Gefühl geben, daheim zu sein.

Nauer: Passiert es euch manchmal auch, dass ihr nach einem Dreh zum Team sagt: «So, Schluss für heute, lasst uns heimgehen!» Dabei fahren wir ja nur ins Hotel.

Gubser: Sehr oft. Zu Hause ist eben dort, wo der Koffer steht, wo man die Tür hinter sich schliesst …

Bünter: … und in Ruhe arbeiten kann. Das ist in unserem Job nun mal häufig ein Hotelzimmer.

Aebli: Hier in der Schweiz fällt mir vor allem die Ruhe auf. Meine Wohnung in Manhattan liegt zwar sehr weit oben, dennoch höre ich die ganze Nacht die Sirenen von Polizei und Ambulanzen. Und hier in Zürich hat man nicht ständig den Geruch von Hotdogs in der Nase.

Bünter: Bei mir ist es jener von Falafel (alle lachen). Und ja, es ist tatsächlich sehr ruhig. Aber ich komme ja auch aus dem Gewusel der Millionenmetropole Amman.

Nauer: Ich empfinde es genau andersrum: Im Vergleich zum eher gemächlichen Wien erscheint mir die Schweiz – zumindest Zürich – sehr geschäftig. Man spürt, dass der Wirtschaftsmotor stark rattert.

Bünter: Und alles funktioniert so gut! Wir kämpfen ja oft damit, dass wir in jedem Land mit anderen Kommunikationsmitteln arbeiten müssen. Und auch auf die ist nicht immer Verlass. Als etwa in den syrischen Schulen die Abschlussprüfungen stattfanden, wurde im ganzen Land das Internet ausgeschaltet. Ohne Vorwarnung!

Gubser: Solche Probleme habe ich nicht. Auch auf die politische Bürokratie ist in Deutschland mehr oder weniger Verlass. Zack, zack! – und du hast zumindest jemanden gefunden, der sich um dein Anliegen kümmert (alle lachen). In Frankreich ist das anders. Da wartest du gerade bei Ministerien oft tagelang auf eine Auskunft und bekommst auch die nur dann, wenn du jemanden kennst, der jemanden kennt, der dort arbeitet …

Nauer: In der Ukraine empfängt man uns Medienvertreter/-innen natürlich mit offenen Armen. Die Menschen sind dankbar, wenn über das Land berichtet wird. Es ist schon vorgekommen, dass wir im Schützengraben von Soldaten zum Wurstgulasch eingeladen wurden. In Russland hingegen spürten wir schon vor dem Krieg mehr Feindseligkeiten. Das hat sich massiv verstärkt. Wobei ich da nicht von der Bevölkerung spreche: Die Leute waren immer sehr freundlich.

Bünter: Ein wichtiger Punkt! Ich war beispielsweise in den letzten Monaten dreimal in Syrien. Dieses Land ist so viel- schichtig: Hier leben Kurden, Sunniten und andere Bevölkerungsgruppen, die alle einen eigenen Blick auf die Ereignisse haben. Ich finde, es ist unser Job, ja sogar unsere Pflicht, genau diesen Menschen eine Stimme zu geben!

Gubser: Wenn sie denn zulassen würden, dass man ihnen eine Stimme gibt! In Deutschland schlägt Medienvertretern leider oft viel Feindseligkeit, ja regelrechter Hass entgegen. Es ist schwieriger geworden, mit den Menschen überhaupt ins Gespräch zu kommen.

Aebli: Dabei wäre das enorm wichtig. In den USA konzentriert sich fast alles auf Washington. Dort ist der Siedepunkt, dort ist es laut. Aber das ist nicht Amerika. Ein ehemaliger US-Botschafter in Bern sagte kurz nach meinem Umzug nach New York zu mir: «Schau, dass du so oft wie möglich rauskommst. Nur so wirst du dieses Land wirklich verstehen.»

Gubser: Das empfinde ich ähnlich. Im Deutschen Bundestag läuft so viel, dass sich meine tägliche Arbeit fast immer um Berlin und die dortige Politblase dreht. Was Menschen im Saarland, in Rheinland-Pfalz oder in Baden-Württemberg beschäftigt, kommt da zu kurz.

Aebli: Ich war kürzlich in einem der konservativsten Wahlbezirke des Bundesstaates Georgia. Die Gespräche dort waren hochspannend und aufschlussreich. Manche Menschen in den USA sind sehr viel gemässigter unterwegs, als wir hier in Europa wahrnehmen – oder vielleicht auch wahrnehmen wollen. Dieses Bild versuche ich im Endeffekt dann auch zu vermitteln.

Nauer: Leider können wir all den Menschen, die uns so offen begegnen, häufig nicht gerecht werden. Bei mir erzählen sie manchmal zwei Stunden von ihren traumatischen Erfahrungen – und ich weiss, dass ich nur einen Bruchteil davon wiedergeben kann.

Gubser: Wie schaffst du es, solche Geschichten nicht zu stark an dich heranzulassen?

Nauer: Ich schalte ganz bewusst Pausen ein. Mir hilft es, einfach mal bei der Familie zu sein, die Kinder vom Kindergarten abzuholen, Normalität zu erleben. Danach bin ich wieder 24/7 in der Ukraine. Hinzu kommt: Vor Ort arbeite ich immer mit dem gleichen lokalen Team zusammen. Man muss sich aufeinander verlassen können.

Bünter: Das machen wir genauso. Die Leute vor Ort sind längst nicht mehr nur Arbeitskollegen, sondern Freunde. Du erlebst derart intensive, herausfordernde Situationen – das schweisst zusammen!

Nauer: Allerdings! Man wird zu einer verschworenen Gemeinschaft. Bei unseren Drehs gibt es aber durchaus auch unbeschwerte und lustige Momente. Klar, oft ist es Galgenhumor. Aber auch der ist ab und zu wichtig.

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