Oceana Galmarini und Tobias Müller in Blatten VS
«Du fühlst dich so unglaublich klein»

Vor genau einem Jahr wurde das Walliser Dorf verschüttet. Oceana Galmarini und Tobias Müller sind auf Reportage im Lötschental.
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Oceana Galmarini (32) und Tobias Müller (42) Anfang Mai in Blatten.
Foto: SRF

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Blatten VS nach Felssturz 2025 evakuiert, ein Schäfer verstorben
  • Naturkatastrophe zerstört Dorf und landwirtschaftliche Flächen, Wiederaufbau läuft
  • SRF-Team berichtet: Musikgesellschaft Fafleralp-Blatten probte wieder seit Herbst

Ein gewaltiger Felssturz vom Kleinen Nesthorn auf den Birchgletscher lässt diesen nach Tagen des Bangens abbrechen. Eine riesige Eis- und Felslawine donnert am 28. Mai 2025 ins Tal und verschüttet Blatten VS. Das Dorf im Lötschental wurde vorgängig evakuiert, ein Schäfer kommt ums Leben. Die Geröllmassen stauen die Lonza, verschont gebliebene Häuser in der Nähe des Flussbettes werden überflutet. Die Menschen aus Blatten finden in Nachbargemeinden Unterschlupf, die Solidarität mit den Betroffenen ist riesig.

Ein Jahr nach der Naturkatastrophe spannt «DOK» mit «Einstein» zusammen – und hat viele Fragen. Wo steht man mit den Bestrebungen um den Wiederaufbau des Dorfes und der landwirtschaftlichen Nutzflächen? Wie soll das neue Blatten aussehen? Was sind die Wünsche derjenigen, die zurückkehren wollen? Was ist mit dem Schuttkegel? Und welche Gefahren drohen weiterhin vom Hang?

Oceana Galmarini (in ihrem ersten Einsatz für «DOK») und Tobias Müller sind vor Ort, sprechen mit Fachleuten und Betroffenen. Die vormalige «Schweiz aktuell»-Moderatorin hat das Geschehen damals wie so viele in den Medien verfolgt. «Man kennt die Bilder alle», sagt sie, «aber wenn du dann auf der Schutthalde stehst, hat das eine komplett andere Dimension. Du fühlst dich so unglaublich klein.»

«Es hat etwas Apokalyptisches»

Betroffen macht sie auch der Anblick der schlammverkrusteten Häuser im Dorf – der Zugang ist streng geregelt. «Es hat etwas Apokalyptisches, du entdeckst überall Alltagsgegenstände, die irgendwie fehl am Platz sind», erzählt sie. «Und man sieht auch, dass die Leute extrem schnell fliehen mussten.»

Zwischenzeitlich ist der durch den Bergsturz entstandene See massiv verkleinert worden. «Es gibt eine Notstrasse, im Dorf wird gearbeitet, der Heli fliegt.»
Der Wille, Blatten aufzubauen, sei gross. «Es soll wieder aufblühen. Das zu sehen und zu spüren, war sehr eindrücklich.»

Am meisten berührt zeigt sich die Bündnerin von einem Paar, das sie zu seinem Haus begleiten darf. «Es wurde vom Geröll nicht beschädigt, doch dann kam das Wasser.» Sie waren schon ein paarmal dort, doch sei alles noch immer sehr aufwühlend, auch für ihre Kinder. «Blatten ist jeden Tag ein Thema, auf die eine oder andere Art und Weise.»

Wie wird Blatten wieder aufgebaut?

Galmarini spricht von einer emotionalen Reise, in die Trauer und Wut hineinspielen, «aber auch Dankbarkeit, dass sie überlebt haben». Für die Familie und alle anderen sei es ja nicht nur das Materielle, sondern eine ganze Geschichte: «Beziehungen, die sie verloren, eine Gemeinschaft, die auseinandergerissen wurde».

Das zeigt sich auch, als das SRF-Team die Musikgesellschaft Fafleralp-Blatten im talabwärts gelegenen Ferden besucht. «Sie proben seit Herbst wieder, nahmen Mitte Mai am Eidgenössischen Musikfest in Biel teil.» Weiterhin musizieren, sich sehen und austauschen zu können, sei allen sehr wichtig. Generell seien die Vereine ein Anker für die seit der Katastrophe verstreut lebenden Menschen.

Ein Artikel aus «Tele»

Das ist ein Beitrag aus «Tele». Das Fernsehmagazin der Schweiz taucht für dich nach den TV- und Streamingperlen.

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«Heikles Thema», sagt Galmarini, als sie auf die sogenannte Gefahrenkarte zu sprechen kommt, die den Aufbau von Blatten nur in verkleinerter Form erlaubt.
Auch die Rückkehr an sich gibt Anlass zu Diskussionen. Grundsätzlich wollen das viele: die einen unbedingt, andere nur unter den richtigen Rahmenbedingungen.
Was braucht es im neuen Dorf? Was wäre schön zu haben? Was will man gar nicht? Die diesbezüglichen Ansprüche und Wünsche unterscheiden sich. «Es gibt auch solche, die sagen, sie hätten sich nun an einem neuen Ort eingerichtet.»

«Ich bin ein Fan von Mona»

Ein gutes Stichwort. Denn an einem neuen Ort arbeitet auch sie selber: Nach sechs Jahren «Schweiz aktuell» ist Oceana Galmarini neben Mona Vetsch nun das zweite «DOK»-Gesicht. «Ich bin ein Fan von Mona, absolut», sagt sie, betont aber sogleich, sie meine das nicht idealisierend. Sondern? Sie bewundere die Art und Weise, wie die Kollegin arbeite. «Ich finde das extrem stimmig, mich holt das ab.»
Galmarinis Anspruch an sich selbst in der neuen Aufgabe lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Die Menschen sollen sich von ihr gut vertreten fühlen. «Etwas vom Wichtigsten für mich ist, dass die Zuschauerinnen und Zuschauer das Gefühl haben, ich sei eine von ihnen. Eine, mit der man auf Augenhöhe easy reden kann.»

Dazu hat sie nun bei «DOK» mehr Zeit als in tagesaktuellen Beiträgen, zudem ermöglicht das dokumentarische Erzählen die Vertiefung eines Themas. Für die 32-Jährige stimmt dieses neue Arbeiten, die Drehs im Wallis hätten sich richtig angefühlt. «Und wie bei allem journalistischen Arbeiten muss man Menschen mögen, muss offen sein, auf sie eingehen, etwas von sich zeigen.» Ja, die neue Aufgabe sei ein Traumjob, wie die alte bei «Schweiz aktuell» es auch war.

Dass Galmarini den Grund für ihren Abgang beim Nachrichtenmagazin offen nannte, ist bemerkenswert – nicht alle würden das tun. Fakt ist: Seit Anfang 2025 litt sie unter Panikattacken, das Pendeln zwischen Wohnort Chur und Arbeitsort Zürich war zur Qual geworden. «Es gab Phasen», sagt sie, «wo ich mir wünschte, ich hätte ein Bein gebrochen. Um einen gesellschaftlich akzeptierten Grund nennen zu können, warum ich daheim bleiben muss.»

«Sie kannten meine andere Seite nicht»

Anfänglich hat sie sich schwergetan, darüber zu sprechen, «ich hatte das Gefühl, es sei ein Ausdruck von Schwäche». Aber je mehr sie ihre Ängste thematisierte, desto befreiender fühlte es sich an. Dass die Nati-Fussballerin Ramona Bachmann letzten Juni über dasselbe Leiden sprach, hat ihr gutgetan. «Und wenn ich das ebenfalls bei nur einer Person erreichen kann, wäre das schon mega.»

Diejenigen, die sie weniger gut kennen, die sie als stark oder taff wahrnehmen, hätten überrascht reagiert. «Sie kannten meine andere Seite nicht.» Es war ein schwieriges Jahr, sagt sie rückblickend, und die Angst sei nicht einfach weg. «Doch es geht mir besser, auch weil ich ihr nun weniger ausgesetzt bin.» Bei «DOK» arbeitet sie projektbezogen, pendelt selten.

Für ihren neuen Hauptjob hingegen kann sie in Chur bleiben. Seit Anfang Mai ist Galmarini verantwortliche Produzentin für Dokumentationen auf den digitalen Kanälen von RTR. Es ist ein Heimkommen, schliesslich war sie 2013 bis 2020 schon beim rätoromanischen Sender, erst als Redaktorin, später als Moderatorin.
Nun ist sie in einer anderen Funktion zurückgekehrt, einer neuen Disziplin. «Entsprechend habe ich Respekt vor dieser Aufgabe, ich will und muss viel lernen.» Für sie sei das eine Win-win-Situation, «für RTR und SRF hoffentlich auch».

Das ist anzunehmen, schliesslich arbeitet sie beiderorts für «DOK» und kann als Bindeglied zwischen den Sendern Synergien nutzen. Ein Blick in die Zukunft zeigt, dass sich ein Bogen zu Blatten schliesst. Für ihr nächstes SRF-Projekt ist Oceana Galmarini bald wieder in den Bergen, die ihr geographisch und im Herzen so nahe sind: Sie dreht mit Tobias Müller «DOK x Einstein» über den Wolf in der Schweiz.

«Dok x Einstein – Die Katastrophe von Blatten – Das Jahr danach» wird am Donnerstag, 28. Mai um 20.10 Uhr auf SRF 1 ausgestrahlt.  

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