Darum gehts
- Das Musée Artistes Femmes (MAF) in Lausanne widmet sich weiblicher Kunst
- Nur 21 Prozent der Werke in Schweizer Museen stammen von Frauen
- MAF bietet Künstlerinnen Weiterbildung, Netzwerke und Kahlas erste Einzelausstellung 2026
«Kennen Sie Christelle Kahla?», fragt Marie Bagi (37). Das Kopfschütteln erstaunt die Kunsthistorikerin nicht. Die erwähnte Künstlerin aus dem Kanton Waadt stellt seit über zehn Jahren in der Schweiz und im Ausland aus. Ihre Werke waren bereits in mehreren Schweizer Kunstinstitutionen zu sehen. Einem Publikum ausserhalb der Gegenwartskunstszene ist sie jedoch weniger bekannt.
Künstlerinnen mehr Präsenz zu verschaffen, ist eines von Bagis Anliegen. Vor einem halben Jahr hat sie das Musée Artistes Femmes MAF in Lausanne eröffnet. Es ist das erste Museum für weibliche Kunst in der Schweiz. Im Büro bereitet die Direktorin am Tag des Besuchs der Schweizer Illustrierten gerade Kahlas erste Einzelausstellung in einem Westschweizer Museum vor. Das mit Unterlagen und Computern vollgestellte Zimmer liegt im ersten Stock eines Altbaus. Es ist einer von drei Räumen, die zum Museum gehören. Die anderen beiden sind weiträumiger. Sie dienen als Ausstellungssäle.
Wer das MAF nicht kennt, läuft leicht daran vorbei. Ein repräsentatives Eingangsportal fehlt. Der Ort, der Künstlerinnen mehr Präsenz verschaffen soll, liegt ziemlich gut versteckt hinter einer antiken Tür mit goldenem Schild. Aber was dem Museum an Pomp fehlt, wiegt die Gründerin mit ihrer grossen Vision auf. Das MAF ist mehr als eine Bühne. Es ist eher ein Ökosystem. Hier können sich Frauen vernetzen, weiterbilden, austauschen und gemeinsam wachsen. «Wir wollen nicht nur etablierte Künstlerinnen ausstellen, sondern Talenten zeigen, wie sie dorthin gelangen.» In der MAF Academy stattet Bagi darum interessierte Frauen mit Praxistipps, Insiderwissen und Kontakten zur Kunstwelt aus.
Das Sichtbarkeitsproblem
Bagi selbst wuchs in einem kunstaffinen Umfeld auf. Ihr Vater war langjähriger Präsident der Fondation Jacques-Édouard Berger. Dessen Vater und ehemaliger Direktor des Musée cantonal des Beaux-Arts in Lausanne und seine Frau waren Herzensgrosseltern für Bagi. «Rose-Marie Berger hatte als junge Frau selbst viel gezeichnet und gemalt», erzählt Bagi. «Nach der Heirat und der Geburt ihres Sohnes stellte sie ihr künstlerisches Schaffen jedoch hinter die Familie zurück. So ging es vielen Frauen früherer Generationen.» Über Jahrhunderte hätten Frauen aufgrund ihrer gesellschaftlichen Rolle kaum Raum erhalten, um Teil künstlerischer Bewegungen zu werden. «Ihre Werke wurden übergangen, vergessen oder einfach Männern zugeschrieben.» Die Folgen wirken bis heute nach: «Nur 21 Prozent der gesammelten Werke in Schweizer Museen stammen aus weiblicher Hand.» Rose-Marie Berger stehe beispielhaft für all das verlorene weibliche Talent. Ihr hat Marie Bagi das MAF gewidmet.
Dass weibliche Kunst ein Sichtbarkeitsproblem hat, fiel Bagi schon während ihres Studiums in Rom auf. Ihre Suche nach Frauen in der Kunstgeschichte förderte vor allem Lücken zutage. «Fast in jeder kunsthistorischen Epoche stechen nur ein oder zwei weibliche Namen hervor, obwohl es in Wirklichkeit viel mehr Künstlerinnen gab.» Diese Erkenntnis liess Bagi nicht mehr los. 2020 gründete sie den Verein Espace Artistes Femmes, später das Museum, das sie als Direktorin aktuell im Team mit Kommunikationsspezialistin Amina Gudzevic und Konservatorin Lucie Pfeiffer Cotting führt.
Dieser Artikel wurde erstmals in der «Schweizer Illustrierten» publiziert. Näher dran – an Stars, Royals und Menschen mit Geschichten. Hier gehts zum Abo!
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Keine Kampfansage
Ein einfacher Weg war das nicht: «Wir stiessen definitiv auf mehr Hürden als Unterstützung. Vor allem die Finanzierung war schwierig», sagt Bagi. Denn ein Museum, das ausschliesslich für Künstlerinnen konzipiert ist, wirkt auf manche wie eine Kampfansage an die Männerwelt. Gegen das Bild der militanten Feministin wehrt sie sich mit Taten statt Worten: Im MAF sollen künftig auch Kooperationen mit Männern und Künstlerpaaren zu sehen sein. «Es geht nicht darum, dass Frauen Männer überholen, sondern darum, auf Augenhöhe zu kommen. Das Geschlecht sollte keine Rolle spielen bei der Frage, wer ausgestellt, gesammelt oder überhaupt wahrgenommen wird.» Im besten Fall macht sich das MAF also irgendwann selbst überflüssig? «Stimmt!», sagt Bagi.