Einmal die Schönste sein, um die Welt reisen, spannende Menschen kennenlernen und viel Geld verdienen. So stellen sich viele vor, was eine Miss alles erleben wird. Von heute auf morgen ein Star, Scheinwerferlicht, schöne Kleider und Champagner à gogo.
Doch so läuft es nicht. Immer wieder packen frustrierte Kandidatinnen über Missstände im Zusammenhang mit der Wahl zur Miss Universe Switzerland aus. Das geht von wenig Schlaf, stundenlangem Warten, miesem Essen bis zu versprochenen Designerkleidern, die doch nur vom chinesischen Onlineshop stammen würden.
Neu in der Branche
Bei der Gala-Nacht vom 26. September im Kursaal Bern war Vorjahressiegerin Naima Acosta (21) nicht eingeladen, um ihre Nachfolgerin, das Genfer Model Itiya Dube (27), zu krönen. Deren nächste Station lautet Puerto Rico, dort wird sie um den Miss-Universe-Titel kämpfen.
Wie sie ihr Amtsjahr erleben wird, steht in den Sternen. Naima Acosta beschreibt ihre Erlebnisse gegenüber Blick. «Ich war neu in der Branche und habe mit einer gewissen Begleitung gerechnet.» Doch da sei ihrer Meinung nach viel zu wenig passiert.
Um Sponsoren und Events habe sie sich – zu ihrer Überraschung – selbst kümmern müssen, sie habe nie ein Gehalt erhalten, wovon sie ausgegangen sei. Zudem wisse sie nicht, weshalb sie zum Finale nicht eingeladen worden sei.
«Ich denke, jedes Mädchen, das gewinnt, hofft auf eine finanzielle Unterstützung für all die Kosten, die während des Jahres entstanden sind. Ich finde, es sollte von Anfang an klar kommuniziert werden, dass man auch nach dem Sieg kein Geld erhält.»
2950 Franken Gebühr
Schon im Vorfeld seien Kosten angefallen. Die Kandidatinnen für die Wahl zur Miss Universe Switzerland 2025 mussten nebst der vertraglich festgesetzten Antrittsgebühr von 2950 Franken je zwölf Final-Tickets aus der eigenen Tasche bezahlen; sechs davon mit Verpflegung. Eine Finalistin bezifferte die zusätzlichen Ausgaben auf über 2000 Franken.
Ein komplett anderes Bild von der Zusammenarbeit mit Naima Acosta zeichnet Lina Poffet (52), die Präsidentin von Miss Universe Switzerland. «Ich rief sie viele Male an. Bei einem dieser Anrufe antwortete sie mir, dass sie mit ihrem Grossvater arbeiten müsse, also keine Zeit für ihr Amt habe. Nach diesem Telefonat hörte ich nichts mehr von ihr.»
Leider hätten viele Kandidatinnen den Eindruck, dass «sobald sie den nationalen Titel gewonnen und die Möglichkeit erhalten haben, am internationalen Wettbewerb teilzunehmen, automatisch das Geld zu fliessen beginnt, sie zu Topmodels werden und nichts dafür tun müssen», so Poffet.
Sie kommt aus Kolumbien, einem Land, das eine der grössten Schönheitswettbewerbs-Industrien der Welt hat. Jede Frau, die dort teilnehme, wisse, dass auch sie selbst sehr viel beitragen müsse. «Eine Miss zu werden und eine Miss zu sein, bedeutet viel Arbeit und Engagement.»
Ab nach Bangkok
Naima Acosta, die im Tessin eine Schule für Hotellerie und Hotelmanagement besucht, bereitet sich auf jeden Fall auf die nächste Miss-Wahl vor.
«Ich nehme an der Miss Grand International All Stars teil, die im November in Bangkok stattfinden wird. Dieses Mal habe ich ein fantastisches Team, das mich unterstützt und mir auf eine Weise hilft, wie ich es während meiner Zeit bei Miss Universe nie erlebt habe.» Sie freue sich, die mexikanische Seite ihrer Herkunft zu vertreten. «Auch zu Ehren meines Vaters.»
Eine, die den Schweizer Titel seit kurzem trägt, ist Sarah-Louisa Rohrer (27), auch sie kämpfte letztes Jahr an Naima Acostas Seite. Vor kurzem wurde die ausgebildete Musicaldarstellerin zur Miss Grand Switzerland gewählt. Vor einer physischen Jury ist sie dabei nie gestanden.
Gegenüber Blick erklärt sie: «In der Schweiz gab es für dieses Jahr leider kein öffentliches Casting, bei dem man sich anmelden konnte, was ich sehr schade finde. Deshalb hat sich die Organisation für eine interne Auswahl entschieden.» Die Entscheidung, dass Rohrer zur Siegerin gekürt wird, sei von Miss Grand International getroffen worden, sagt sie.
Wer steckt dahinter?
Doch wer steckt hinter der Organisation? Eine eigene Website von Miss Grand Switzerland ist aktuell nicht auffindbar, ebenso wenig eine öffentlich ausgewiesene Schweizer Telefonnummer oder ein klarer aktueller Ansprechpartner. Vieles bleibt unklar.
Auch, was die Teilnahme kostet, bleibt ein Geheimnis. Gemäss Rohrer hat es keine versteckten Gebühren oder astronomischen Summen gegeben. Für sie sei alles fair und transparent gestaltet gewesen. Was genau sie damit meint, will sie nicht weiter ausführen. Es ist nicht die einzige Miss-Wahl, die sie dieses Jahr gewonnen hat. Die Ostschweizerin ist auch Trägerin des Titels Queen of Switzerland.
Für den internationalen Schönheitswettbewerb Queen of the World kann man sich noch bewerben, das internationale Programm ist für Dezember angesetzt. Gleichzeitig verlangt die Organisation von den Kandidatinnen, grundsätzlich finanziell in der Lage zu sein oder einen Sponsor zu haben, um ihre Kosten zu decken. Eine Höhe wird dabei nicht genannt.
Der Tochter abraten
Lizenznehmer in der Schweiz sind generell nicht vorhanden oder schwer auszumachen, Kandidatinnen schweigen zu Bedingungen, doch sie lassen sich nicht davon abhalten, nach der Krone zu greifen. Eine, die es in der Schweizer Tradition der klassischen Miss Schweiz seit 2018 nicht mehr gibt.
Ursula Knecht ist Inhaberin der Zürcher Modelagentur Option und verantwortet seit 35 Jahren den Elite Model Look Schweiz. Sie schaut kritisch auf den Missen-Wahl-Boom. «Bei all den neuen Contests, die wie Pilze aus dem Boden schiessen, wird mir ganz schwindlig. Wenn man dann noch Anmeldegebühren bezahlen muss, geht das für mich sehr in den unseriösen Bereich.»
Dass Mädchen und junge Frauen von einer Model- oder Missenkarriere träumen, hat gemäss ihr sicher auch mit dem Social-Media-Beauty-Boom zu tun. «Daher finden Wahlen neu auch nur noch im Internet statt mit vielen Versprechungen und Titeln, von denen ich noch nie gehört habe. Meiner Tochter würde ich auf jeden Fall abraten, da mitzumachen.»