Darum gehts
- Lisa Jost aus Frick AG ist Scherenschnittkünstlerin und Chefarztassistentin
- Ihre filigranen Werke entstehen in bis zu 80 Stunden Arbeit
- Der Verein Scherenschnitt Schweiz zählt 465 Mitglieder seit 40 Jahren
Vor dem weissen Haus steht ein schwarzes Auto. Im Innern des Gebäudes hebt sich ein schwarzer Kachelofen von der weissen Wand ab. Und um die Ecke kommt – klar – eine schwarz-weisse Katze.«Das ist mir bisher gar nicht aufgefallen», sagt Lisa Jost lachend. Schwarzer Pulli, weisse Halskette. Doch ihr Zuhause in Frick AG zeigt, was die 61-Jährige vor zehn Jahren für sich entdeckt hat: Das Leben in Schwarz-Weiss kann so schön sein!
Das Atelier von Lisa Jost ist im ehemaligen Kinderzimmer ihrer Tochter. Katze Chilly springt auf den Arbeitstisch und streift herum. «Manchmal verteilt sie die Schnipsel im ganzen Haus», sagt Jost und zieht eine grosse Lupe zu sich heran. Die braucht sie auch, denn was Jost macht, ist nicht Millimeter-, sondern Mikrometerarbeit.
Inspiration aus der Natur
Lisa Jost ist Scherenschnittkünstlerin. Je feiner, kleiner und zarter, desto besser. Für ihre Motive braucht sie die Klinge eines Cutters, eine Schere wäre viel zu grob. «Wälder faszinieren mich», sagt sie. Bei Spaziergängen durch die Natur im Fricktal fotografiert sie, was ihr gefällt und sie inspiriert. Die Fotos nimmt sie als Vorlage und zeichnet auf schwarzem Papier alle Details nach. Mit dem Cutter holt sie während Stunden Hunderte Zweige, Laubblätter und Vogelschnäbel aus dem Papier heraus.
Für eine «Goldkugel» – das sind runde, meditativ wirkende Geflechte, deren Rand Jost mit Blattgold einfasst – braucht sie bis zu 80 Stunden. Auch diese verwinkelten Kreismotive zeichnet sie vor, doch manchmal «macht es auch einfach» und das Muster entsteht unter ihren Händen wie von allein. Wird es ihr nach dem tausendsten Schnitt nicht langweilig? «Meist arbeite ich an zwei Stücken parallel», sagt Jost, als ob das die Frage beantworten würde. «Ich machs einfach gerne! Es hat mich richtig gepackt.» Drum sei es auch nicht schwer, die Ausdauer aufzubringen. Im Gegenteil: Sie würde gerne noch öfter im Atelier sitzen und in ihre schwarz-weissen Welten eintauchen.
Da Jost Vollzeit als Chefarztassistentin und Teamleiterin im Kantonsspital Aarau arbeitet, schneidet sie meist abends. «Dann geht mir der Tag durch den Kopf und oft finde ich Lösungen für schwierige Situationen. Oder ich schalte komplett ab und denke an nichts anderes als an den Schnitt, den ich gerade mache.»
Dieser Artikel wurde erstmals in der «Schweizer Illustrierten» publiziert. Näher dran – an Stars, Royals und Menschen mit Geschichten. Hier gehts zum Abo!
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Der Weissleim kommt zu Hilfe
Lisa Jost lebt in Frick, dem Dorf, in dem sie aufgewachsen ist. Seit 21 Jahren ist sie verheiratet mit René, der «schon in der Schule in sie verknallt war». René zog nie von hier weg – Lisa machte einen Umweg und lebte mit ihrem ersten Mann einige Jahre in der Innerschweiz. Abzweigungen, Weggabeln, Verästelungen, das kennt Lisa Jost von ihren Scherenschnitten. «Wenn ich falsch schneide, kann ich es meist mit Weissleim kitten», sagt Lisa Jost. «Ein Weltuntergang ist das nicht.»
Ihre Werke stellt sie immer wieder in einer Galerie in Brugg AG aus. Und bei einer Ausstellung im Thurgau kaufte ihr der ehemalige Formel-1-Profi Sebastian Vettel einen Scherenschnitt ab, einen Hirsch. Ob dem Rennfahrer die Ruhe gefällt, die ihre Werke ausstrahlen? In den Details kann man sich verlieren. Manchmal versteckt Jost sogar Figuren im Gebüsch – wie beim «Märchenwald», den sie für eine Jubiläumsausstellung des Scherenschnittvereins kreiert hat. Jost gestaltet Karten für Vereinsjubiläen oder verewigt das Ferienchalet ihres Chefs. «Leider schaffe ich nur etwa zwölf Scherenschnitte pro Jahr.» Was ihr ungefährer Stundenlohn pro Werk wäre, möchte man sich gar nicht ausrechnen. «Um den Verdienst geht es mir nicht. Ich möchte den Besuchern ein Lächeln ins Gesicht zaubern und bin gerne kreativ», sagt Jost.
Schöner Nebeneffekt ist, dass sie damit den Scherenschnitt aus der etwas verstaubten Folklore-Ecke herausholt. Andere tun es ihr gleich: 465 Personen sind Mitglied im Verein Scherenschnitt Schweiz, den es seit 40 Jahren gibt. Längst schneiden sie nicht mehr nur Traditionelles wie Bauernhäuser, Ziegen und Sennen. Die Kunstform beherbergt heute auch «Modernes und Farbiges, Dreidimensionales und Collagen», wie der Verein schreibt. Dunkel und hell, Licht und Schatten: Mit seinem starken Kontrast zieht ein Scherenschnitt Aufmerksamkeit auf sich. Das fasziniert Lisa Jost – es ist eben die Schönheit der Schwarz-Weiss-Welt. Und auch wenn man es vielleicht nicht für möglich hält, ist sie überzeugt: «Was ich kann, kann jeder lernen.»