Darum gehts
- Bianca Sissing, Miss Schweiz 2003, beeindruckt bei «GNTM» mit 47 Jahren
- Heidi Klum lobt: «Sie läuft besser als die Jüngeren»
- Sissing erreichte die Top Ten als einzige Schweizerin und Bestagerin
Wer «Germany’s Next Topmodel» schaut, dürfte diese Staffel gestutzt haben. Da steht ein bekanntes Gesicht: Bianca Sissing, Miss Schweiz 2003, heute 47 Jahre alt. Als einzige Schweizerin und letzte Bestagerin (so nennt man Models über 35) der Castingshow von Heidi Klum schaffte es die Luzernerin unter die Top Ten. Juroren wie Mitstreiterinnen schwärmten von Sissing. Heidi Klum lobte: «Sie läuft viel stärker als die Jüngeren.» Der italienische Designer Giuliano Calza staunte: «Sie ist 46, aber sieht aus wie 36.» Victoria’s-Secret-Model Brooks Nader legte sich fest: Sissing sei ihre Favoritin.
Umso härter trifft Bianca Sissing das Aus kurz vor dem Ziel. «Ich bin stolz auf das, was ich erreicht habe, aber die Enttäuschung war gross.» Der Entscheid sei für sie unverständlich, meint sie Wochen später in ihrem Yogastudio in Luzern: «Es hiess, ich hätte zu wenig Elan und wirke altmodisch. Dabei wurde ich immer gelobt. Wieso muss ich gehen, während andere trotz mehrfacher Kritik weitergekommen sind?» Dennoch überwiegt für sie das Positive: «Ich nehme so viel mit. Freundschaften, Erfahrungen, einmalige Fotoshootings.»
Ein Funke reicht
Das Abenteuer beginnt dank einer spontanen Idee: Sissings Partner, Juan Carlos Russo (48) arbeitete letztes Jahr auf Mallorca. Sie will in seiner Nähe sein, sieht ein Casting für eine Modeschau. Ohne Portfolio bewirbt sie sich und ergattert prompt den Job. Als sie über den Laufsteg geht, wird ihr klar: Sie hat es vermisst. Sehr sogar. «Ich habe es unglaublich genossen. Es hat so viel Spass gemacht und etwas in mir ausgelöst.» Russo erinnert sich an den Moment, als er seine Partnerin zum ersten Mal modeln sah: «Es war unglaublich. So habe ich Bianca noch nie gesehen. Sie hat sich komplett verwandelt, wie ein anderes Wesen, so viel Kraft, so viel Energie.»
Ihr zweiter Anfang
Vor 23 Jahren wurde Bianca Sissing zur Miss Schweiz gekürt. Sie modelte, reiste um die Welt. Dann rückte ein anderer Traum in den Mittelpunkt: Sie möchte Kinder. Jahrelang wartet sie, weil ihr damaliger Partner sie ständig vertröstet. Irgendwann merkt sie: Die Zeit läuft. Mit 40 zieht sie die Konsequenzen und trennt sich. Sie pausierte mit dem Modeln, richtete alles auf diesen einen Wunsch aus. Doch da war es längst schwieriger geworden als gehofft. «Wenn der grosse Kinderwunsch nicht in Erfüllung geht, musst du irgendwann entscheiden: Was willst du sonst im Leben? Welche andere Ziele hast du?»
Ihre Antwort ist eindeutig: eine internationale Modelkarriere. Als «Germany’s Next Topmodel» die Anmeldung öffnet, zögert Sissing nicht. «Warum nicht? Ich probiere es.» Sie weiss, wie genau ein Comeback beobachtet wird: «Klar habe ich gedacht: Was werden die Leute sagen? Werden sie fragen, warum ich das nochmals mache, oder behaupten, ich sei zu alt?» Doch sie lässt sich nicht bremsen. «Ich bin zu alt und genug selbstsicher, um mich darum zu kümmern, was andere denken. Ich mache das für mich.»
Dieser Artikel wurde erstmals in der «Schweizer Illustrierten» publiziert. Näher dran – an Stars, Royals und Menschen mit Geschichten. Hier gehts zum Abo!
Dieser Artikel wurde erstmals in der «Schweizer Illustrierten» publiziert. Näher dran – an Stars, Royals und Menschen mit Geschichten. Hier gehts zum Abo!
Grosse Schwester
Die Dreharbeiten in Los Angeles fordern Bianca Sissing: Wochenlang getrennt von ihren Liebsten, nur zehn Minuten Telefonzeit pro Woche. Auch für die Beziehung eine Probe. «Wir wussten, dass es schwer wird», so Russo. «Aber wir unterstützen uns. Für mich war klar: Bianca muss das machen.» Die Tage sind dicht, die Gefühle intensiv. «Ich war überrascht, wie viel ich geweint habe. Doch ohne Nähe zu den Liebsten und mit all dem Neuen zerrt das an einem.»
Die meisten Kandidatinnen sind halb so alt wie sie. «Ich könnte ihre Mutter sein! Aber sie haben mich nie so behandelt», sagt sie. «Eher wie eine grosse Schwester.» Schnell wird sie zur Bezugsperson – und lernt selbst dazu. «Ich hörte Wörter wie ‹slay›», erzählt sie und lacht. «Ich hatte keine Ahnung, was das bedeutet, bis die Mädels erklären, dass es heisst: Du hast komplett abgeliefert.»
Ihr grösster Fan
Juan Carlos Russo schaute die Sendungen und fieberte mit. «Einmal wurde ich richtig sauer!», ruft er. «Ich habe gesehen, wie Heidi Bianca angeschaut hat. Kein positiver Blick!» Und nicht nur das: «Dann kriegt Bianca das wüsteste Kleid. Da frage ich mich schon, ob das Absicht ist.» Sissing lächelt, als ihr Liebster das erzählt. So ist er eben: leidenschaftlich, beschützend. Einer, der genau hinschaut und fest an sie glaubt. Ein Paar sind sie seit 2020. In Sissings Yoga-Studio LIV lab arbeiten sie zusammen – sie als Inhaberin und Lehrerin, er als Gastlehrer.
In ihr gemeinsames Leben bringt Russo seinen neunjährigen Sohn mit. Für Sissing bedeutet das, in eine Rolle hineinzuwachsen, die sie lange vermisst hat. «Ich geniesse das wirklich.» Ihre Beziehung lebt von Gegensätzen. Russo ist impulsiv, temperamentvoll, geprägt von seiner venezolanischen Herkunft und der lateinamerikanischen Kultur. Sissing dagegen ruhiger, reflektierter. Sie wuchs als Tochter eines Schweizer Vaters und einer südafrikanischen Mutter in Kanada auf. Am Anfang sorgt das auch für Reibung. Etwa wenn er andere Frauen ganz selbstverständlich «meine Liebe» oder «meine Königin» nennt. «Das war für mich ungewohnt», gibt sie zu. Heute kennt sie seine Art und weiss, wie es gemeint ist. Auch weil er sie bestärkt. «Er sieht mich oft stärker, als ich mich selbst sehe.»
Schluss mit dem Druck
Womit Bianca Sissing am meisten haderte, war ihre Hüfte. Schon mit 14 hiess es, ihre Hüften seien zu breit. «Aber Juan liebt meine Kurven!», sagt sie. «Wenn jemand die Dinge an dir liebt, die du selbst kritisch siehst, verändert das etwas.» Nicht nur ihr Blick auf sich selbst hat sich gewandelt – auch die Modelbranche. Früher sei der Druck konstant gewesen. «Es hiess stets: Ich muss dünner sein, ich darf das nicht essen, ich muss trainieren.» Jetzt gebe es mehr Platz für Vielfalt. «Es ist entspannter geworden. Und dadurch macht es mehr Spass.»
Ganz ohne Disziplin geht es trotzdem nicht. Sissing schaut ihrem Körper gut. Sie achtet auf die Ernährung, nimmt Vitamine und Nahrungsergänzungsmittel. Yoga bleibt ihr Fundament, nicht nur als Sportart, sondern als Haltung. «Es geht darum, den Geist ruhig zu halten», findet sie. «Innere Schönheit strahlt nach aussen» – egal, in welchem Alter.
Genau dort setzt sie nun an: Sie will bleiben. Als Model und als Stimme für mehr Diversität. Mit mehreren Modelagenturen ist sie bereits im Gespräch, erste Jobs hat sie in der Tasche. «Ich will einen positiven Einfluss auf die Branche haben.» Und vor allem eines beweisen: «Dass es nie zu spät ist, nochmals loszulegen.»