Darum gehts
- Simone Felber, Luzerner Musikerin, prägt Schweizer Volksmusik und erhielt Musikpreis
- Mit feministischem Jodelchor «Echo vom Eierstock» fordert sie patriarchale Strukturen heraus
- 2026: Komposition der Ländlersinfonie zur «Stubete am See» mit Freundschaft als Thema
Sie wurde 2024 mit dem Schweizer Musikpreis ausgezeichnet, jodelte 2025 bei der Eröffnungsnummer vom Eurovision Song Contest in Basel vor einem Millionenpublikum und sorgt als Dirigentin des feministischen Jodelchors «Echo vom Eierstock» für Wirbel innerhalb der Volksmusikszene. Die Luzerner Musikerin Simone Felber (33) erkämpfte sich ihren Platz in der Jodelwelt über Jahre. Im Interview spricht sie über den Grat zwischen Tradition und Moderne sowie über die Ehre, an der Jubiläumsausgabe der Stubete am See in der Tonhalle Zürich die Auftragskomposition fürs Ländlerorchester zu erschaffen.
Blick: Wieso ist es Ihnen so wichtig, die Grenzen der Volksmusik und des Jodelns aufzubrechen?
Simone Felber: Ich glaube, dass Volksmusik weiterlebt, indem neue Elemente dazukommen. Tradition ist nicht etwas mit fixen Strukturen, sondern etwas, was schon immer gelebt hat und sich weiterentwickelt. Mir selbst ist es wichtig, dass ich mich in meiner Musik wiederfinden kann und mich nicht verstellen muss. Und das überschreitet dann manchmal eine Grenze der Tradition.
Sie bekommen Hass-Nachrichten wegen Ihrer Tätigkeit beim feministischen Jodelchor «Echo vom Eierstock». Gibt es auch Abneigungen in linken Kreisen gegenüber dem Jodeln?
Ja, das war einer der Hauptgründe, wieso ich Dirigentin vom «Echo vom Eierstock» wurde. Ich erlebte Unverständnis, weil ich traditionelle Jodelchöre geleitet habe. Oder Menschen haben mir, sobald ich eine Tracht getragen habe, direkt unterstellt, ich wähle SVP. Dabei gehört die Tracht doch allen. Irgendwann habe ich mich dann entschieden, meine politische und aktivistische Haltung nach aussen zu tragen.
Wieso dieser Schritt?
Um diverse Klischees aufzubrechen und aufzuklären. Es nervt mich beispielsweise, wenn Leute denken, der Jodlerverband sei ein konservativer Haufen, und es gebe einen Graben zwischen ihnen und mir als linker, woker Jodlerin.
Ihnen wird vorgeworfen, Sie nutzen den Jodel, um zu politisieren.
Man kann nicht nicht politisch sein. Irgendwie ist man es immer. Und die Politik hat auch in der Jodlerszene schon längst Einzug gehalten, gerade rechte und konservative Parteien arbeiten schon länger mit volkstümlichen Elementen wie Trachten.
Wie reagieren die Menschen an Jodlerfesten auf Sie?
Wenn ich an ein Jodlerfest gehe, gehe ich nicht mit der Einstellung: «Hey ich muss jetzt etwas von mir singen, denn ich muss jetzt denen zeigen, wie ich denke.» Ich gehe dorthin in einer Tracht und singe auch gerne etwas Traditionelles. Mit dem «Echo vom Eierstock» gehen wir auch nicht an Jodlerfeste. Wir wollen nicht aktiv provozieren. Wir wollen mit unserer Existenz aufzeigen, welche Bandbreite es gibt.
Die Luzernerin Simone Felber war schon in ihrer Kindheit Teil von verschiedenen Chören und schloss ab 2018 ihr Studium an der Hochschule Luzern mit dem Titel Master of Arts in Vokalpädagogik ab. 2022 gründete sie mit dem «Echo vom Eierstock» den ersten feministischen Jodelchor und erhielt so mediale Aufmerksamkeit. Im selben Jahr wurde ihr Werk «Totätanz» von der Fondation Suisa ausgezeichnet, 2024 erhielt sie den Musikpreis vom Bundesamt für Kultur. Felber lebt in einer Beziehung mit dem Schwyzerörgeli-Spieler Adrian Würsch.
Die Luzernerin Simone Felber war schon in ihrer Kindheit Teil von verschiedenen Chören und schloss ab 2018 ihr Studium an der Hochschule Luzern mit dem Titel Master of Arts in Vokalpädagogik ab. 2022 gründete sie mit dem «Echo vom Eierstock» den ersten feministischen Jodelchor und erhielt so mediale Aufmerksamkeit. Im selben Jahr wurde ihr Werk «Totätanz» von der Fondation Suisa ausgezeichnet, 2024 erhielt sie den Musikpreis vom Bundesamt für Kultur. Felber lebt in einer Beziehung mit dem Schwyzerörgeli-Spieler Adrian Würsch.
Wie gehen Sie mit Hassnachrichten um?
Mir hilft zu wissen, dass ich nicht alleine bin. Und die vielen positiven Reaktionen bestärken mich. Was ich mega schön finde: Sobald es um die Musik geht, ist die Politik kein Problem mehr. Ich habe mal mit einem Schuppel (Gruppe von Silvesterchläusen, Anm. der Red.) im Appenzellerland gesungen, der war skeptisch mir gegenüber. Und am Ende hatten wir eine mega tolle Zeit. «Ah, die singt ja voll easy!», meinte er. Ich finde es wichtig, Brücken zu bauen und sich zuzuhören. Gerade in Zeiten, in denen die Fronten so verhärtet sind.
Wie sind Sie überhaupt in die Jodelwelt geraten?
Durch die Liebe. Mein Partner, mit dem ich zehn Jahre zusammen bin, ist in der Volksmusikszene gross geworden und spielt bis heute Schwyzerörgeli mit seinem Vater. Er hat mich dort hineingezogen. Aber die Faszination für die Volksmusik war schon vorher da, ich habe zuvor schon gejodelt. Aber nie nur traditionell.
Welchen Stellenwert hat die Frau heute in der Volksmusik?
Grundsätzlich leben wir in patriarchal geprägten Strukturen, und wir Frauen müssen weiterhin dafür kämpfen, einen Platz in der Szene zu haben, und aufzeigen, dass nicht alles männlich geprägt ist. Mein Hauptanliegen ist es, die Diversität zu fördern. Auch die Arbeit vom schwulen Männerchor Männertreu finde ich toll. Aktuell arbeite ich zudem an einem Stück, das sich mit queerem Leben beschäftigt.
Für die Stubete am See, die nächste Woche in der Tonhalle Zürich stattfindet, durften Sie die Auftragskomposition erschaffen. In «Aalähne» geht es um Freundschaften. Wieso?
Nicht nur im Jodel, allgemein in der Musik wird zuhauf die romantische Liebe besungen. Und ich habe mich in den letzten Jahren oft mit Freundschaften beschäftigt und dabei gemerkt, dass die fast wichtiger als romantische Beziehungen sind. Nichts gegen die Liebe, aber ein Netz rundherum, das einen trägt, finde ich super wichtig. Inspiriert hat mich auch das Jodellied «Kamerade» von Mathias Zogg. «Kamerade wei mer sy, immer zämehäbe, nid nur bi me Glesli Wy, nei ou süsch im Läbe. Wenn's der einisch nid rächt geit. Bruchsch e Fründ wo zue der schteit», heisst es da. Wunderschön. Das sollte mehr besungen werden als die ewig gleichen Geschichten wie der Bub, der beim Meiteli ans Fenster klöpfelt, und dann das Meiteli entweder aufmacht oder nicht und sie am Ende tanzen.
In Ihrem Stück für die Stubete am See besingen Sie sogar Burger King.
Genau (lacht). Die Komposition startet mit einem dystopischen Szenario, in dem all unsere Lieder und Bräuche unter Trümmern begraben liegen. Und dort drauf brennt noch das Burger-King-Logo.
Was ist Ihr Wunsch für die Volksmusik?
Dass die Vielfalt noch mehr gelebt wird, nicht nur musikalisch, sondern auch von den Menschen, die sie praktizieren. Und dass sie einen grösseren Stellenwert in der Gesellschaft bekommt. Oft erlebe ich hierzulande eine Abwehrhaltung, in anderen Ländern ist man viel stolzer auf das eigene Kulturgut. Die Volksmusik muss bunter, breiter und vielfältiger werden, damit sich mehr Menschen damit identifizieren können.
Die Stubete am See findet vom 21. bis 23. August 2026 in der Tonhalle Zürich statt. Felber tritt am Samstag und Sonntag auf. Mehr Infos: www.stubeteamsee.ch.