Darum gehts
- Die SRG investiert bis und mit 2027 jährlich 34 Millionen Franken ins heimische Filmschaffen
- Bei einer Annahme der Halbierungs-Initiative wäre die Vereinbarung «Pacte de l’audiovisuel» gefährdet
- Nebst Produzenten sind auch Bundesrätin Baume-Schneider und die SRG-Direktorin Wille besorgt
Seit letztem Mittwoch laufen wieder die Solothurner Filmtage. Klares Thema Nummer 1 unter den Schweizer Filmschaffenden ist dieses Jahr die Abstimmung über die Halbierungs-Initiative vom 8. März. In der Branche ist starke Besorgnis spürbar. Denn die finanzielle Unterstützung seitens der SRG ist ernsthaft gefährdet.
Mit ihren Geldern ermöglicht sie seit Jahrzehnten eine eigenständige Film- und Serienproduktion, die sich über den kleinen heimischen Markt so nicht finanzieren liesse. Diese Zusammenarbeit wird seit 1996 im «Pacte de l’audiovisuel» geregelt.
Aktuell beträgt das Budget 34 Millionen Franken pro Jahr. Bei einer Annahme der Initiative müssten Parlament und Bundesrat die gesetzlichen Grundlagen an den deutlich tieferen Finanzrahmen anpassen. Und mit halbiertem Budget könnten Qualität, Umfang und Vielfalt dieses Angebotes nicht aufrechterhalten werden.
Auf Anfrage von Blick macht die SRG-Pressestelle deutlich: «Die SRG könnte die Vereinbarung sicher nicht verlängern. Es gäbe generell mehr eingekaufte Serien statt deutlich teurere Eigen- und Koproduktionen. ‹Neumatt›, ‹Maloney›, ‹L’ultim Rumantsch› oder ‹Winter Palace› wären in der heutigen Form nicht mehr finanzierbar.» Der aktuelle «Pacte» läuft noch bis Ende 2027. Bis dann würde die SRG ihre Verpflichtungen aber in jedem Fall erfüllen.
«Bax müsste Englisch lernen»
Sophie Toth (47) von der Produktionsfirma Shining Nice sagt gegenüber Blick: «Ohne die SRG wären Produktionen wie «Tschugger» nie entstanden. Gerade im Serienbereich ist die SRG entscheidend, denn Serien sind produktionell aufwendig und brauchen eine starke Plattform, um ein breites Publikum zu erreichen. Wird die SRG weiter geschwächt, verschwinden Filme, Serien, Arbeitsplätze und Sichtbarkeit. Schweizer Filme und Serien würden seltener gezeigt und somit Dialekte und regionale Geschichten verdrängt. Am Ende verlieren wir Inhalte, kulturelle Vielfalt, Identität – und ein Stück gesellschaftlichen Zusammenhalt.»
Würde die Vereinbarung aufgelöst, wären gemäss Toth auch laufende Projekte ihrer Firma gefährdet. «Manche Stoffe, die sich jetzt in Entwicklung befinden, haben ohne den ‹Pacte› kaum Chancen auf eine Realisierung, und müssten für den internationalen Markt umgeschrieben werden. Bax müsste wohl oder übel Englisch lernen», meint sie im Bezug auf die «Tschugger»-Hauptfigur.
Auch für den Produzenten Peter Reichenbach (71) von C-Films ist klar: «Ein Grossteil der Schweizer Produktionen wäre in Zukunft nicht mehr möglich. Dabei geht es auch um Sichtbarkeit. Neue Klassiker wie ‹Schellen-Ursli›, ‹Heidi› oder ‹Grounding› laufen seit Jahren immer wieder am TV und erreichen dadurch stets neue und vor allem auch jüngere Kreise. Unser aktueller Film ‹Hallo Betty› wird nebst den Kinos auch in den Maschinen der Swiss, Lufthansa, Oman und der Royal Jordanian gezeigt. Davon profitiert unser Aussenbild. Deshalb erschüttert mich das Engagement der SVP für diese Initiative auch so; jener Partei, die sonst immer für die Verbreitung und Hochhaltung von Tradition und heimischen Geschichten einsteht.»
Hohe Wertschöpfung
Was gemäss Reichenbach gerne auch vergessen wird: «Bei einer Annahme der Initiative wird es das Publikum sehr viel teurer kommen, eine ähnliche Leistung zu erhalten. Internationale Anbieter schauen schon jetzt genau, was sie in der Schweiz aus dem einzelnen Nutzer rausquetschen können.»
Es sei in vielen Fällen nachgewiesen, wie hoch die Wertschöpfung von Film- und Serienproduktionen sei. «Für ‹Schellen-Ursli› zum Beispiel haben wir 2015 zwei Millionen vor Ort im Unterengadin ausgegeben. Darin enthalten waren Logierübernachtungen oder Aufträge an Handwerker. Ganz zu schweigen von nachhaltigen Effekten wie dem Umstand, dass Fans später die Drehplätze besichtigen.»
Produzent Michael Steiger (61) von Turnus Film sagt zu den Konsequenzen einer Annahme: «Konkret für uns würde dies den Wegfall von TV-Aufträgen wie ‹Tatort› oder Serien bedeuten. Arbeitsplätze würden unnötig vernichtet. Die Gesellschaft würde so zwar Konzessionsgebühren sparen, trüge aber gleichzeitig die dadurch höheren Kosten der Arbeitslosigkeit.»
Auch Baume-Schneider und Wille beziehen Stellung
Die Folgen einer Annahme treiben auch Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider (62) um. In ihrer Eröffnungsrede am Mittwoch weist sie zuerst auf die Zunahme des Marktanteils von Schweizer Filmen am insgesamt rückläufigen Kino-Gesamtmarkt hin. Dann wird sie deutlich: «Wer die Initiative annimmt, riskiert einen Filmriss. Und einen Riss zwischen den Regionen. Die SRG ist ‹too important to fail›. Sie ist entscheidend für das hiesige Filmschaffen. Deshalb empfiehlt der Bundesrat, die Initiative abzulehnen.»
Angesprochen auf die Besorgnis der Filmschaffenden sagt sie gegenüber Blick: «Es geht nicht darum, ob ich diese Ängste verstehe oder nicht. Sondern es ist eine Realität: Wenn die Initiative angenommen würde, würde die Filmförderung der SRG in Zukunft ganz anders aussehen.» Gemäss der Kulturministerin sei es wichtig, deutlich zu erklären, warum der Bundesrat ein «Nein» empfehle: «Nicht nur, um die Filmförderung zu schützen, sondern auch für den Zusammenhalt in unserem Land.»
Besonders stark zu spüren ist die Verunsicherung in der Branche am Freitagnachmittag im übervollen Stadttheater, wo im Branchenprogramm auch SRG-Direktorin Susanne Wille (51) einen Auftritt hat. «Eine Annahme hätte gravierende Auswirkungen auf die Schweizer Filmbranche», sagt sie, «das aktuelle Engagement der SRG wäre akut gefährdet.» Sie könne gemäss ihres Amtes nur Falschaussagen korrigieren, jedoch keine Kampagne führen. «Aber Sie können es mithilfe ihrer Kreativität», sagt sie an die Filmschaffenden gerichtet.