Darum gehts
Ich bin wieder einmal auf dem Weg nach Hamburg zu Udo Lindenberg. Ein paar Tage zuvor kam die telefonische Botschaft: «Geheimrat Rohrman, ich bin bereit für eine Adoption.» Wir lachten beide, und ich versprach ihm die Prüfung vorzubereiten. Neben meiner Tochter noch einen Adoptivsohn wäre sicher spannend. Was erwartet mich diesmal in Hamburg? Klar doch: flexible Betriebe und Rock ’n’ Roll ohne Protokoll.
Meine Geschichte mit Udo Lindenberg begann früh. In den 1970ern machte er mich mit einer fadengeraden Ansage wach. «Egal, was die anderen sagen, mach aus dir selbst einen Job, denn den gibts nur einmal.» Es war genau diese Botschaft, auf die der Jungrocker in Erklärungsnot damals gewartet hatte. Udo war meine Weltverständigungsmunition – neben Hermann Hesse und den Beatles. Kurz, der Treibstoff und Leitstern, den ich dringend brauchte, um selbst mein Ding zu machen.
Ja, dieser Mann war unser Freund. Der kämpfte für uns, sang mit Wortwitz von den ganz grossen Abenteuern. Er kannte sich aus, und ihm konnte man vertrauen. Wer Udos Welt von Frauen, Bars, Vampiren, Detektiven, Amerika, Liebe, Rausch und Elend betrat, war in einer anderen Welt, einer besseren und spannenderen. Unser Credo war, wie er es auf den Punkt brachte: Liebe Eltern, tausend Dank, doch eure Welt, die macht mich krank. Wir fahren durch die leeren Strassen, weit raus auf die Autobahn, wo die zu Ende ist, fängt unser Horizont an! Born to be wild, yeah!
Ja, das Udo-Raumschiff hob ab. Es nahm uns mit, und ich fühlte mich verstanden. Es war die Ermutigung zum Anderssein und um dem Fernweh nachzugehen. Auch für den schlimmsten Schmerz aller Schmerzen, den Herzschmerz, hatte Udo die richtige, tröstende Medizin auf Lager. Der angeschossene Jungfuchs, unerfahren auf diesem Gebiet, fand in seinen Songs Trost, Hoffnung und Zuversicht. Seine Abenteuerlust an der deutschen Sprache katapultierte uns auf ein anderes Level. Wir begriffen, dass das Leben eigentlich grösser gedacht war als das, was uns Eltern und Schule aufzwingen wollten.
Es ging ihm immer ums Ausbrechen, Wegwollen, darum, dieser Riesensehnsucht nach Freiheit nachzugehen. Ohne Angst, denn hinter dem Horizont gehts bei Udo immer weiter, mit Gitarren statt Knarren, mit witzigen Songfiguren wie Rudi Ratlos, Woddy Wodka, Chubby Checker, Jonny Controlletti, Bodo Ballermann und Elli Pyrelli. Riesensongs wie «Cello» und der «Sonderzug nach Pankow», wo er mit dem «Oberindianer» Erich Honecker in der damaligen ausgesperrten DDR etwas zu klären hatte, waren einfach genial. Und das alles in seinem gepflegten Easytum: «Ey, Honey, ich sing für wenig Money (…), wenn ihr mich lasst.» Immer mit einem lockeren Lächeln, ohne den üblichen verbiesterten Trübtassen-Touch. All das kam aus Hamburg, einem Sehnsuchtsort, wo sich die Beatles aufwärmten und wo Udo angeblich in einem Hotel wohnte.
Dieser Artikel wurde erstmals in der «Schweizer Illustrierten» publiziert. Näher dran – an Stars, Royals und Menschen mit Geschichten. Hier gehts zum Abo!
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Udos Blick durch die Sonnenbrille
Ich hätte mir damals nie erträumt, ihn einmal persönlich zu treffen. Aber wie oft half eine Zauberfee, mir diesen Traum zu erfüllen: Das war vor 15 Jahren, und eine Assistentin von Udo stellte mich ihm nach einem Rolling-Stones-Konzert in Hamburg mit den Worten vor: «Hier ist dein grösster Schweizer Verehrer, und der spielt auch in einer sehr geilen Rockband.» Udo schaute mich durch seine Sonnenbrille an und sagte: «Rock aus der Schwiiz? Rumpelstilz?» – «Knapp daneben, Udo», erwiderte ich, und schon waren wir mitten in einem munteren Querfeldein-Geplauder zu USA-Erfahrungen, Schwachmaten-Politiker, Planetenrettung und Dramen mit Damen. Am Schluss sagte er mir, ich solle ihn doch mal im Hotel, am besten über Weihnachten, besuchen kommen. Ich merkte sofort, in seiner bunten No-Panic-Familie sind Streuner, Träumer und verrückte Leidenschaftler erwünscht.
Das wurde dann eine meiner besten Weihnachten. Er begrüsste mich mit breitem Grinsen in einer Sankt-Nikolaus-Mütze. Am grossen Wandbildschirm lief lautlos «Kevin – Allein zu Haus». Udo zündete sich eine E-Zigarre an. «Stell dir vor, genau heute vor 50 Jahren hatte ich als 15-Jähriger meine erste Mucke als Profi-Trommler.» Dieser erste Job war der Anfang seines Weges. Es folgte die Verwandlung zum Sänger, zum Erfinder des Deutschrocks mit seinem Panikorchester. Ein Riesenerfolg. Dann der Absturz, weil Udo Feuerwasser nach der Mengenlehre in sich hineingoss – üble Zeiten! Während dieser fast 20-jährigen Talfahrt – er nennt sie «Schleuderkurs» – hätte niemand mehr eine müde Mark auf ihn gesetzt. Doch Udo zeigte es allen. Er schloss eine Waffenstillstandsvereinbarung mit dem Alkohol und kehrte wie «Phönix aus der Flasche» zurück. Seit 15 Jahren wieder ganz oben, geläutert und voll auf Deck.
Heute sitzen wir einander in seiner gediegenen Hippie-Bude im Hotel Atlantic gegenüber. Ein Hotel, sagt er, sei «ein gut geheizter Bahnhof der Ideen». Freude und Magie liegen in der Luft. Er bestellt mir einen «Luxustee» mit Rührei und Toast. Für sich selbst ein paar Erdinger Alkoholfrei. Udo isst nicht viel. Wir sprechen über die neuen Songs «Wozu sind Kriege da?» und seinen Nummer-eins-Hammerhit «Komet». Unglaublich: Udo ist nun sogar auch einer der bestverkauften Maler in Deutschland. Natürlich ist mittlerweile das Alter auch ein Thema. Udo: «Alter steht für Radikalität und Meisterschaft. So sollte es sein. Kein Hängenlassen und Rückzug in die geistige Hängematte. Nicht kürzertreten, besser längere Schuhe anziehen.»
Das ist Udo. Obwohl 80, gibt er nie auf. Mittlerweile umschwärmt ihn ein Tross von «Panikdoktoren», die nach einer Knie-OP für sein Wohl schauen. Wir benutzen beide Hometrainer-Geräte. Bewegung tut nicht nur gut, sondern ist einfach nötig, um die Gazelle in uns wach zu halten. Wir seien ja schliesslich im «Klub der 100-Jährigen». Klar wissen wir beide um die berühmten, näher kommenden Einschläge und sind uns Streifschüsse gewohnt. Doch es geht immer irgendwie weiter. «Easy, ne?»
Achtung, Rudelbildung
Am nächsten Nachmittag legen wir zu Fuss sechs Kilometer zurück, getarnt als obdachlose Streuner. Ohne Verkleidung hätte ich es mit Udo nicht einmal 100 Meter geschafft. Das Spiel kenne ich ja selbst aus der Schweiz. In Deutschland ist es jedoch noch viel krasser. Wenn mal jemand Udos Maskerade durchschaut und um ein Selfie bittet, sagt der nuschelnde Gross-Charmeur: «Yeah, klaro, muss aber im Gehen geschehen wegen Rudelbildung, ne.»
Er zeigt mir seine speziellen persönlichen Plätzchen und Ecken dieser Stadt. Auch den Platz, wo er als arbeitsloser Drummer ankam mit genau 50 D-Mark und einer Telefonnummer in der Tasche. Seine ganze frühe Geschichte, inklusive WG mit Otto Waalkes, wo man beschloss, gross herauszukommen. All das in seiner ureigenen Sprache erzählt zu bekommen, ist schon extrem cool und bewegend. Und dann natürlich die Reeperbahn, der Kiez, diese geile Meile, die wir, Krokus, von unseren früheren Besuchen im «Star-Club» und im «Chikago» kennen. In der «Alten Liebe», Udos Lieblingslokal, genehmigen wir uns ein Eierlikörchen, um den Magen schön geschmiert auf die kunterbunten Fischlein vorzubereiten.
Ich erlebe drei herrliche Nächte in seiner Vier-Zimmer-Suite im sagenumwobenen Hotel Atlantic. Dieses historische Grandhotel direkt an der Alster beherbergt seit 1909 Reisende aus aller Welt, steht unter Denkmalschutz und kam in einem James-Bond-Film vor. Sein Wahrzeichen ist jedoch seit 30 Jahren Udo. Auf jeder Etage hängen seine Bilder in Grossformat, und die Direktion weiss, was sie an ihrer Galionsfigur hat. Nicht nur wegen der 21'000 Euro Monatsmiete, die er bezahlt. Er ist hier einfach König und Ass. Unzählige Fans pilgern immer wieder ins «Atlantic» in der Hoffnung, ihr Idol mal unten im herrlichen Hotelfoyer oder Restaurant zu treffen.
Udos Herz schlägt für seine Panikfamilie
Udo erhebt sich und führt mich ins anliegende Atelier. Es stapeln sich Bücher und Kunstwerke von Hermann Hesse. Aber auch viele seiner eigenen Bilder. Er schenkt mir drei, eins für mich, eins für meine Lady und eins für meine Tochter. Mit eleganter Hand schreibt er die Widmungen und trällert eine Melodie. Gegen zwei Uhr morgens messen wir noch kurz den Blutdruck und tauschen Freundschaftsringe. Ich durfte ja im Leben ein paar meiner Helden treffen. Oft gabs Enttäuschungen, weil bei den meisten das Werk und der Mensch arg auseinanderdriften. Sie wurden vor allem Sender und haben das Empfangen, das Zuhören oder die Neugier verloren. Anders bei Udo. Er ist und lebt, was er singt: ein witziger, aufmerksamer und herzlicher Rock-und-Roll-Amigo, auf den man sich verlassen kann. Seine Kreativität ist Glanz und Trost zugleich.
Udos grosse Qualität: Man fühlt sich bei ihm immer willkommen, und er verbreitet diese friedliche Energie. Irgendwelche spaltenden Diskussionen lässt er gar nicht erst aufkommen. Als Herzmensch setzt er auf das Prinzip der geschlechterübergreifenden Komplizenschaft. Wer einmal zu dieser crazy Panikfamilie gehört, egal, ob erfolgreich oder gestrauchelt, wird ewig dazugehören.
Udo hinterlässt einfach glückliche Menschen. Sein «Es ist nie zu spät, noch einmal durchzustarten»-Mantra fühlt sich gut an und macht jede Menge Mut. Schriftsteller und Udo-Forscher Benjamin von Stuckrad-Barre sagt es richtig: «Dieser Mann ist allerbeste Werbung für Menschlichkeit.»
Zum Abschluss meint der Meister in seinem ureigenen Humor. «Love you, Guys, und ja: Ich bin bereit für die Adoption Rohrman.» Klar doch, Udolito. Einer wie du fehlt uns noch in der Schweiz.