Darum gehts
- Lars Eidinger spricht über seine Rollen als Vampir und Therapeut
- Er wollte lieber den Vampir in «Blutgräfin» statt den Therapeuten spielen
- Im post-apokalyptischen Film «City of Blood» herrschen konstant 41 Grad
Blick: Herr Eidinger – Ihr Herbst ist geprägt von Vampirfilmen. In «Die Blutgräfin» spielen Sie den Therapeuten eines zwanghaften Blutsaugers, in «City of Blood» spielen Sie selbst einen. Was hat Ihnen besser gefallen?
Lars Eidinger: Es war auf jeden Fall lustvoller, in die Abgründe zu gehen. Ich war jetzt nicht so ein Fan von dieser Figur des Therapeuten, ich war sogar ein bisschen enttäuscht, ehrlich gesagt.
Warum?
Ich habe mittlerweile das grosse Glück, dass, wenn ich Drehbücher zugeschickt bekomme und sie lese, oft die Figur, die mich am meisten interessiert, auch die Rolle ist, für die ich vorgesehen bin. Bei der «Blutgräfin» war es überhaupt nicht so. Ich wollte lieber einen Vampir spielen. Thomas Schubert spielt den vegetarischen Vampir super, aber den hätte ich eigentlich gerne gespielt. So musste ich den Therapeuten spielen. Insofern war ich dann froh, jetzt tatsächlich einen Vampir spielen zu dürfen.
Wir fürchten uns vor Vampiren. Warum?
Weil sie uns zu Untoten machen können. Weil wir wissen, dass der Biss dazu führt, dass wir untot werden, dass wir verdammt sind, ewig zu leben. Obwohl man aber ... (überlegt). Ich bin da genauso drüber gestolpert wie Sie jetzt vielleicht. Weil man denken könnte: Aber das ist doch das Schönste, was es auf der Welt gibt!
Darin liegt tatsächlich ein merkwürdiger Widerspruch.
Genau an diesem Widerspruch arbeiten sich ja alle Vampirfilme ab. Wenn man jetzt «Twilight» nimmt: Der Moment, wo er und sie nebeneinandersitzen und er Lust hat, sie zu beissen, und sie auch von ihm gebissen werden will, aber beide wissen, dass es eigentlich ihr Ende bedeutet oder der Anfang davon, dass auch sie ein Vampir wird. Das finde ich nicht uninteressant.
Finden Sie auch, dass bei einer so zeitlosen Existenz irgendwann das Mitgefühl auf der Strecke bleibt?
Interessant, ja! Vielleicht. Es ist halt die Frage: Was macht es mit einer Figur oder mit einer Persönlichkeit, wenn sie unsterblich ist? Das finde ich schon einen interessanten Gedanken, weil davon auch eine gewisse Gefahr ausgeht, wenn man nicht mehr ums eigene Leben fürchten muss. Mich hat auch immer fasziniert, dass Vampire eher Figuren sind, die so eine Melancholie und Traurigkeit umgibt, wo man ja gemeinhin davon ausgehen müsste, jemand, der unsterblich ist, ist der glücklichste Mensch überhaupt.
Aber ...?
... was einen dahin führt, dass man vielleicht auf den Gedanken kommen könnte, dass der Reiz des Lebens in seiner Endlichkeit besteht und dass das Leben halt eigentlich nur durch den Tod seine Schönheit erfährt. Es ist sehr schwer, sich damit anzufreunden, weil es ein sehr philosophischer Gedanke ist. Aber im Grunde sind das schon Themen, mit denen man sich beschäftigt, wenn man einen Vampir spielt.
Womit wir direkt bei Ihrer Rolle wären – einem Blutsauger im postapokalyptischen Berlin, in dem im Sommer ständig 41 Grad herrschen und die Elite unter einer Glaskuppel lebt. Ist Ihre Figur ein Produkt des gesellschaftlichen Niedergangs?
Meine Figur ist noch mal ein bisschen speziell – finde ich –, weil sie gar nicht so relevant ist für den politischen Aspekt, sondern sie sich vielmehr an der Beziehung zu ihrer Mutter abarbeitet. Das war eigentlich auch das, was mich am meisten interessiert hat: eine Figur, die sich dadurch charakterisiert, dass sie von ihrer Mutter nicht die Liebe erfährt, die sie sich verspricht oder nach der sie eine Sehnsucht hat.
Was löst dieser Mangel bei Ihrer Figur aus?
Das fand ich ein interessantes Motiv, weil ich behaupten würde, dass diese unerwiderte Liebe – so nenne ich das jetzt mal – auch ein Grund dafür ist, warum man sich am Ende selbst nicht lieben kann und im schlechtesten Fall auch zu einer Form von Selbsthass führt, die, so würde ich es jetzt mal pauschal nennen, der Grund vielen Übels ist, dem wir so tagtäglich begegnen.
Da sind wir wieder bei der Psychotherapie.
Wenn Sie so wollen.
Lars Eidinger (50) gilt als einer der prägendsten deutschen Charakterdarsteller. Nach seiner Ausbildung an der Hochschule Ernst Busch wurde er an der Berliner Schaubühne zum Theaterstar («Hamlet, Jedermann»). Neben Erfolgen wie Babylon Berlin und Sterben fasste er Fuss im internationalen Kino – bis hin zu Hollywood-Rollen als DC-Schurke Brainiac in «Superman: Man of Tomorrow». Eidinger ist passionierter DJ, verheiratet und Vater einer Tochter.
Lars Eidinger (50) gilt als einer der prägendsten deutschen Charakterdarsteller. Nach seiner Ausbildung an der Hochschule Ernst Busch wurde er an der Berliner Schaubühne zum Theaterstar («Hamlet, Jedermann»). Neben Erfolgen wie Babylon Berlin und Sterben fasste er Fuss im internationalen Kino – bis hin zu Hollywood-Rollen als DC-Schurke Brainiac in «Superman: Man of Tomorrow». Eidinger ist passionierter DJ, verheiratet und Vater einer Tochter.
Wie haben Sie verhindert, mit Ihrer Rolle gängige Schurkenklischees zu bedienen? Dafür sind Sie immerhin weltbekannt.
Ich habe zum Beispiel einen abgebrochenen Zahn als Vampir.
Stand das im Drehbuch?
Nein, der stand nicht im Drehbuch, sondern ich habe gefragt, ob nicht einer meiner Vampirzähne abgebrochen sein kann. Das fand ich ein interessantes Bild für jemanden, der unsterblich ist, der aber den abgebrochenen Zahn hat, den er dann ewig mit rumträgt. Eine Marotte – ich weiss nicht, ob man das schon verraten darf, ich mache es jetzt einfach mal –, die Figur nimmt irgendwann ein Blutbad. Das fand ich schon ein sehr imposantes Bild. Das habe ich mir nicht ausgedacht.
Ein Blutbad? Das ist schon ziemlich grotesk. Und ziemlich schurkenhaft.
Das ist ja das Interessante, wenn Sie sagen, Sie interessieren sich jetzt für Schurken. Klar, stimmt. Aber was mich immer interessiert, sind eher gebrochene Charaktere, die eine Widersprüchlichkeit haben. Oder zu untersuchen: Woher rührt denn diese Boshaftigkeit oder das Zerstörerische, oder hat die Figur nicht auch was Gutes oder etwas, womit man sich identifizieren kann?
Um sich solchen Figuren gegenüber zu öffnen, muss man sich verletzlich machen. Sie betonen oft, dass Schauspiel das Überwinden von Scham bedeutet. Wie erleben Sie Scham bei dieser Rolle?
Ja, aber ich weiss gar nicht, ob ich Scham nur so auf das Schauspielen anwenden würde. Ich muss mich schon überwinden, wenn ich jetzt mit Ihnen das Interview führe. Da schäme ich mich ja auch schon.
Oh, das tut mir leid. Warum?
Weil Scham ein Gefühl ist, das einen tagtäglich begleitet. Ich schäme mich ja schon, wenn ich morgens aus der Tür trete. Ich glaube, dass das ein Gefühl ist, das den Menschen ausmacht. Dann gibt es unterschiedliche Möglichkeiten, wie man dem Gefühl begegnet. Man kann sich mit dem Gefühl auch versöhnen, aber das ist, glaube ich, schon etwas, was einen antreibt. Das tritt jetzt nicht nur auf, wenn ich schauspiele.
Hilft Ihnen Schauspielerei dabei, die Scham zu überwinden – oder überdecken Sie sie nur?
Ich habe nur gemerkt, in der Schauspielerei ist es interessanterweise fast schwerer, an das Gefühl der Scham ranzukommen, weil man so viel Aufwand betreibt, es zu kompensieren. Schauspieler wirken ja genau deswegen so selbstbewusst und manchmal im schlechtesten Fall auch arrogant, weil sie alles andere sind – weil sie eigentlich eher mit einem Minderwertigkeitskomplex antreten und dagegen anspielen. So ist es bei mir auch.
«City of Blood» ist auf Disney+ zu sehen.