Darum gehts
- Evelyne Binsack bezwang 1998 als erste Schweizerin den Mount Everest
- Millionen Tonnen Eis gefährdeten ihr Leben, sie überlebte unverletzt
- Massentourismus am Everest: 14 Sherpas starben 1999 an derselben Stelle
Am Mount Everest blickte sie dem Tod ins Auge. «Die Leichen vergisst du nie», sagt Evelyne Binsack (59). Die Berner Oberländerin bezwang die höchsten Gipfel der Welt, bewältigte die Strecke bis zum Südpol – nur mit Schlitten und Ski ausgerüstet – und wanderte aus eigener Muskelkraft von der Schweiz zum Nordpol: Binsack ist die Urgewalt des Schweizer Alpinismus. Nun feiert sie ein grosses Jubiläum. Vor 25 Jahren stand sie als erste Schweizerin auf dem Dach der Welt. Blick führt mit ihr ein Gespräch über den nackten Überlebenskampf, unheimliche Begegnungen in der Todeszone. Und den verkommenen Massenzirkus am Berg.
Sie schwebten in Lebensgefahr. Wie fühlt sich der Gedanke an den letzten Atemzug an?
Evelyne Binsack: Nackte Panik. Du versuchst, mit bewusstem Atmen die Kontrolle zu behalten, um nicht das Bewusstsein zu verlieren. In extremer Erschöpfung verändert sich das Gehirn. Es gibt das Phänomen des «Third Man Factor»: Menschen in Lebensgefahr erzählen von einer unsichtbaren Begleitung. Ich habe das selbst erlebt, als eine konkrete, tiefe Präsenz. Wie ein schützender Engel, der dich zwingt, weiterzugehen.
Sie wurden am Everest von einer Lawine überrascht.
Auf 7000 Metern brach plötzlich ein riesiger Eisblock ab. Millionen Tonnen Eismassen donnerten ins Tal. Ich war im Aufstieg und konnte mich in eine Gletscherspalte retten, während die Lawine über mich hinwegrauschte. In solchen Momenten funktionierst du nur noch wie ein Tier. Ich blieb unverletzt. Das Perverse: Dieser Abschnitt ist ein fixer Teil der Route, es gibt keinen Ausweg. Ein Jahr später starben genau dort 14 Sherpas.
Ist Todesangst laut oder leise?
Sie ist totenstill. Kein Drama. Es ist ein intimer Moment von brutaler Klarheit, in dem alles andere verblasst. Danach wirken die Alltagssorgen lächerlich klein. Man wird unendlich dankbar für einfache Dinge: eine warme Stube, ein Gespräch. Da oben kannst du die Verantwortung für dein Leben an niemanden abgeben.
Was passiert mit der Psyche in dieser extremen Einsamkeit?
Der Kopf wird wunderbar ruhig. Dein ganzes Universum schrumpft zusammen auf den nächsten Schritt, den nächsten Atemzug. Das ist von einer brutalen Ehrlichkeit. Trotzdem gibt es Momente, in denen man nur noch nach Hause will. Der abrupte Übergang von der Zivilisation in die Wildnis ist mental der härteste Brocken.
Kann man danach noch normal leben?
Im ersten Moment fühlt sich der Alltag surreal an. Man muss sich erst mühsam zurück akklimatisieren. Wer extreme Erfahrungen sucht, braucht danach radikale Ruhe und feste Strukturen. Sonst fliegt dir das innere Gleichgewicht um die Ohren.
Der Everest von heute dominiert die Schlagzeilen mit Müllbergen und Staus.
Es tut mir im Herzen weh. Das Dach der Welt ist zu einem absurden Massentourismus-Zirkus verkommen. Viele Leute sind katastrophal vorbereitet, der Berg wird noch viele Todesopfer fordern. Ich hatte das Privileg, den Mount Everest noch in einer Zeit zu erleben, als kaum Menschen dort waren. Das war echtes, ursprüngliches Bergsteigen. Heute wird der Berg oft nur noch für das eigene, gigantische Ego bestiegen.
Was stört Sie daran am meisten?
Dass jeglicher Respekt verloren gegangen ist. Vor der Natur und den Mitmenschen. Im klassischen Alpinismus gilt: Wenn jemand in Not ist, hilft man bedingungslos. Heute geht diese Menschlichkeit verloren. Und dieser Abfalltourismus ist eine Katastrophe! Alles wird liegengelassen. Früher machte man die Bergtouren fürs persönliche Abenteuer – heute machen es viele nur noch für den schnellen Klick auf Social Media.
Hatten Sie je das Gefühl, die Natur wolle Sie dort oben nicht haben?
Absolut. Ich spürte ganz tief in mir: Wenn ich jetzt weitergehe, sterbe ich. Da habe ich eine Expedition nach zwei Jahren harter Vorbereitung von einer Sekunde auf die andere abgebrochen.
Was schmerzt mehr: der Körper oder die mentalen Kämpfe?
Beides ist brutal. Viel schlimmer als körperliche Pein sind für mich aber Situationen, in denen Vertrauen missbraucht wird. Das habe ich allerdings eher privat in Beziehungen erlebt. Wohl auch ein Grund, warum ich heute sehr gerne bewusst allein lebe.
Welche Bilder vom Everest haben sich eingebrannt?
Die stummen Begegnungen mit den Toten am Wegrand, die du nie vergisst. Da ist der berühmte «Greenboots Man» mit seinen neongrünen Schuhen. Oder der «Waving Man», der im Eis erstarrt ist. Und die «Sleeping Beauty», eine verstorbene Bergsteigerin, die da liegt, als würde sie friedlich schlafen. Diese Bilder zeigen unmissverständlich, wie gnadenlos dieser Berg ist.
Was hat es Ihnen gebracht, als erste Schweizerin oben gewesen zu sein?
Es hat mir ein klares Alleinstellungsmerkmal verpasst und eine tiefe Befriedigung geschenkt. Vor allem aber hat es mir eine unbezahlbare Erkenntnis eingeimpft: wie verschwindend klein, verletzlich und oft auch masslos überheblich wir Menschen eigentlich sind. Mehr Demut gegenüber der Natur würde uns allen guttun.
Warum suchen Sie heute diese Extreme nicht mehr?
Extreme holen dich zurück in eine pure Form des Daseins. Ich habe genug davon erlebt und brauche das heute nicht mehr. Deshalb werde ich auch nie wieder auf den Everest steigen. Die Geschichte zwischen mir und diesem Berg ist wunderschön, intensiv – und fertig erzählt.
Was läuft in den Schweizer Bergen schief?
Das zu stark betriebene Heliskiing und der ungebremste Overtourism, wie wir ihn beim Jungfraujoch mit Millionen von Besuchern sehen. Das hat mit klassischem Bergtourismus nichts mehr zu tun. Das ist reine, kommerzielle Massenbewegung auf Kosten der Natur.