Darum gehts
- Rassismus im Gesundheitswesen: Manche Patienten lehnen dunkelhäutiges Personal ab
- Spitäler und Heime haben Leitlinien zur Förderung von Toleranz entwickelt
- 46 Fälle von Rassismus im Gesundheitswesen im Jahr 2024, deutliche Zunahme gegenüber 2023
Es gebe in den Gesundheitsinstitutionen in Zürich Patientinnen und Patienten, die nicht von dunkelhäutigem Personal betreut werden wollten. Dies sagte der städtische Integrationsbeauftragte Christof Meier (62) kürzlich in einem Interview mit der «NZZ». Rassismus komme etwa in Spitälern regelmässig vor, gibt Meier auf Nachfrage an. Betroffen seien Angestellte ebenso wie Betreute.
Vorfälle mit Diskriminierungen und Rassismus sind in letzter Zeit aus mehreren Polizeikorps bekanntgeworden. Das nationale Rassismusmonitoring und Statistiken von Ombudsstellen zeigen, dass aus Berufen mit vielen zwischenmenschlichen Kontakten – bei der Polizei, im Verkauf oder im Gesundheitswesen – am meisten Fälle gemeldet werden.
Starke Zunahme
Aus dem Gesundheitswesen waren es 46 im Jahr 2024, das entspricht gegenüber 2023 einer deutlichen Zunahme. Der Anstieg von Meldungen sei allgemein feststellbar, auch aus anderen Sparten, sagt Giulia Reimann von der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus. Das liege an einer «stärkeren gesellschaftlichen Polarisierung», aber auch an einer erhöhten Sensibilität, sodass Betroffene Vorfälle vermehrt mitteilten. Nach wie vor gehe sie allerdings von einer beträchtlichen Dunkelziffer aus, betont Reimann.
In Spitälern und Pflegeinstitutionen sei diese wohl besonders hoch, «weil Gesundheitsfragen stark die Privatsphäre von Menschen tangieren und zwischenmenschliche Kontakte besonders wichtig sind». Reimann sagt: Beide Seiten, Personal und Betreute, seien betroffen. Schwarze und muslimische Personen seien im Gesundheitswesen immer wieder tangiert.
Erfundener Schmerz
In einer Grundlagenstudie zu strukturellem Rassismus hatte die nationale Fachstelle für Rassismusbekämpfung festgestellt, dass medizinisches Personal bei Patientinnen und Patienten vorschnell eine Übertreibung des Schmerzes oder gar Simulation diagnostiziere, wenn diese die lokale Sprache mangelhaft beherrschten. Diese diskriminierende «Pseudodiagnose» werde bei Migrantinnen und Migranten überdurchschnittlich oft gestellt.
Dass die Sprache eine wesentliche Rolle spielt, wenn es zu diskriminierenden Vorfällen kommt, bestätigt der Schweizer Berufsverband der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner (SBK). Das Gesundheitswesen sei auf viele ausländische Fachkräfte angewiesen, was im Umgang mit Patientinnen und Patienten «kulturelles Konfliktpotenzial» berge, heisst es beim SBK. «Es gibt Patientinnen und Patienten, die sich nicht damit abfinden können, von Pflegefachpersonen gepflegt zu werden, die keinen Dialekt sprechen oder verstehen.» Andere Betreute störten sich daran, wenn Personal in ihren Augen nicht schweizerisch genug aussehe, gibt der SBK an. Rassistisches Verhalten richte sich meist gegen Angestellte, die «gerade anwesend sind und die als fremd wahrgenommen werden».
Vorfälle in Teams
Rassistische Vorurteile gegenüber dunkelhäutigen Ärztinnen und Ärzte sowie Pflegefachpersonen stellen auch deren Kompetenz in Frage, wie Erhebungen zeigen. Fachliche Diskriminierungen erfahren sie nicht nur durch Patientinnen und Patienten, sondern auch innerhalb von Teams.
Die meisten Spitäler und Heime haben Leitlinien erarbeitet, um Toleranz und Integration zu fördern und Rassismus zu verhindern. Das Lausanner Universitätsspital schuf sogar eine Anlaufstelle für Angestellte, das Universitätsspital Genf hat eine Hotline für Fälle von Belästigungen und Diskriminierungen.
Das Stadtspital Zürich mit mehreren Standorten animiere die Mitarbeitenden, Belästigung und Aggressionen jeder Art zu melden, sagt Sprecherin Maria Rodriguez. Unabhängig davon, ob jemand direkt betroffen sei oder einen rassistischen Fall beobachtet habe. Die meisten Vorkommnisse beträfen Patientinnen und Patienten, die sich gegenüber Angestellten ungebührlich verhielten. Rodriguez betont: «Im Stadtspital Zürich gilt diesbezüglich Nulltoleranz.»
Schwierige Konstellation
Ist Kranken und Pflegebedürftigen Personal nicht genehm, stellt dies Institutionen vor Probleme, auch wenn sie Diskriminierungen konsequent bekämpfen. Der Abzug von Angestellten wirbelt Arbeitsabläufe durcheinander, und Mitarbeitende auf rassistisch eingestellte Personen treffen zu lassen, ist ebenso unpraktikabel und für das betroffene Personal entwürdigend.
Komme es zu Diskriminierungen, seien die Institutionen und deren Führungskräfte gefordert, sagt der Stadtzürcher Integrationsbeauftragte Christof Meier. In den letzten Jahren hätten die Spitäler und Alterszentren Strukturen zur Prävention und Bekämpfung von Rassismus aufgebaut. Es gebe Anlaufstellen und Meldeplattformen, und die Institutionen schulten und unterstützten Teams im Umgang mit Vorfällen. Meier sagt: «Es ist schon einmal hilfreich, wenn die grosse Vielfalt in unserer Gesellschaft weitherum als normal wahrgenommen wird.»