Die Zeiten ändern sich und mit ihr die Etikette. Dass der Herr der Dame den Stuhl zurechtrückt, weiss und interessiert heute kaum noch jemanden. Wir schlagen uns mit anderen zwischenmenschlichen Problemen herum. Darf ich in der S-Bahn Joghurt essen? Kann ich der Kollegin sagen, dass ihr Rock zu kurz ist? Muss ich in der Kantine mit dem Essen warten, bis auch die Kollegen am Tisch sind? Und wann muss das Smartphone ausgeschaltet bleiben? Vieles sei heute eine «Gratwanderung», sagt Etikette-Fachmann Christoph Stokar (59). Denn wer sich über die vermeintlich schlechten Manieren anderer beklagt, steht schnell als bünzliger Wutbürger da. «Goldene Regeln gibt es nicht», erklärt Stokar. Trotzdem gibt es Richtlinien. Er erklärt, welche.
BLICK: Muss man bei einer Beerdigung schwarze Kleidung tragen?
Christoph Stokar: Nur wenn eine enge verwandtschaftliche Beziehung zum Verstorbenen besteht. Für Nachbarn oder Bekannte reicht normale Kleidung in gedeckten Farben. Natürlich trägt man keine Freizeitkluft und Neon ist tabu. Heute gibt es auch unkonventionelle Formen der Beerdigung wie eine Waldbestattung. Da würde ich mich so anziehen, wie die Person im Alltag war. War es ein eleganter oder eher sportlicher Mensch? Entsprechend kann man die Kleidung anpassen.
Darf ich an einer Beerdigung aufs Handy gucken, wenn eine Nachricht reinkommt?
In der Kirche würde ich das Handy ausschalten. Nachrichten zu checken wäre pietätlos. Eine Beerdigung bietet ja auch die Möglichkeit, sich innerlich von der verstorbenen Person zu verabschieden. Da passt der Blick aufs Smartphone nicht.
Thema Hochzeit: Soll man noch ein weisses Kleid tragen?
An einer Hochzeit kann man es halten, wie man möchte. Erstaunlicherweise haben auch moderne Menschen sehr traditionelle Vorstellungen, wie geheiratet werden soll. Obwohl das Weiss des Brautkleids nichts mehr mit Jungfräulichkeit zu tun hat, darf die Braut ruhig ein weisses Kleid anziehen. Der Bräutigam sollte in jedem Fall ordentlich angezogen sein und so, dass es zum Auftritt der Braut passt.
Ein Freund bringt seinen neuen Freund zur Einladung mit. Dieser ist Veganer. Muss ich für ihn extra etwas kochen? Oder wäre es an ihm, sein Essen mitzubringen?
Dass er sein Essen mitbringt, geht nicht. Aber man kocht etwas, das er essen kann, wenn man vorher informiert war. Ist das nicht der Fall, handelt man pragmatisch und serviert, was die Umstände erlauben.
Darf man dunkelhäutige Menschen nach ihrer Herkunft fragen?
Das kommt immer auf den Zusammenhang an. Als Einstiegsfrage wäre es unpassend. Im Verlauf eines lockeren Gesprächs aber darf man einen Menschen fragen, woher er kommt.
Ist es schicklich, Frauen nach ihrem Alter zu fragen?
Im Zeitalter von Schönheitsoperationen ist das schwer zu sagen. Ich wäre zurückhaltend. Es müsste sich aus dem Gesprächsfluss ergeben und in keinem Fall aufdringlich wirken. Und noch schwieriger wird es, wenn die Frau vermeintlich ein gewisses Alter überschritten hätte: ganz gefährlich.
Darf man sich nach der sexuellen Orientierung erkundigen?
Auch da wäre ich zurückhaltend. Bestehen irgendwelche Zweifel, wie das aufgenommen werden könnte: Nein.
Und wie sieht es mit der religiösen Ausrichtung respektive der Beziehung zum Glauben aus?
Im Rahmen eines anständigen, wohlwollenden und interessierten Gesprächs kann man danach fragen.
Darf man einer jungen Frau in den Mantel helfen?
Aber sicher! Die Geste gehört ins Repertoire eines Gentlemen. Die Frau soll allerdings nicht das Gefühl haben, man wolle sie paternalisieren. Also: Helfen Sie, ausser bei einer militanten Feministin.
Ist es angebracht an einer Party, an der viele Amerikaner sind, über Trump zu schimpfen?
Ich würde es nicht tun. Viele Amerikaner machen das eh und entschuldigen sich für ihren Präsidenten. Die können ja nichts dafür.
Wenn Kinder im Restaurant zu laut sind – soll ich mich bei den Eltern beschweren?
Das kommt darauf an. Wird deutlich, dass die Eltern überfordert sind, brauchen sie nicht noch gute Ratschläge von aussen. Aber es gibt auch diese neue Generation von selbstgefälligen Eltern, deren Kinder dann alles machen dürfen. Da soll man dann schon in nettem Tonfall etwas sagen dürfen, wenn der Terror überhandnimmt.
Ist es okay, im Zug die Füsse auf den gegenüberliegenden Sitz zu legen – sofern man eine Zeitung unter die Füsse legt?
Es soll schon vorgekommen sein, dass das passiert ist! Aber hoffentlich nicht in einem vollen Abteil und dann bitte mit einer Zeitung und mit den Latschen dran.
Muss man in der Kantine mit dem Essen warten, bis alle Kollegen am Tisch sitzen?
Das hängt von den Umständen ab. Ist man mit bestimmten Kollegen verabredet, wird man zuwarten wollen. Aber ist die Schlange sehr lang, muss man nicht warten, bis der ganze Tisch vollzählig ist. Das wird zu kompliziert.
Joghurt essen in der S-Bahn – geht das?
Mmmppfff (Saug- und Schmatzgeräusche, Löffel von allen Seiten abschleckend, Mund mit Handrücken abwischend), mmmhhhh: «Tschuldigung, wo ist Ihr Problem (vorwurfsvoller Blick)?»
Hört jemand mit Kopfhörern laut Musik, soll ich ihn bitten, die Musik leiser zu stellen?
Die Zwischenräume zwischen den Menschen sind heute enger geworden. Klar, man will nicht der Wutbürger sein. Aber mancher ist sich vielleicht nicht bewusst, dass er stört. Auf jeden Fall sagt man es freundlich. Denn Freundlichkeit ist ein Schmiermittel im menschlichen Miteinander – gilt für fast alle Lebenssituationen!
Muss man Brot am Tisch brechen oder darf man davon abbeissen?
Brot wird immer gebrochen! Einzig beim Frühstück darf es mit Butter oder anderen Sachen bestrichen und danach mit Abbeissen gegessen werden.
Wie lautet die korrekte E-Mail-Anrede unter Leuten, die sich nicht kennen?
Guten Tag ist möglich. Aber eigentlich funktioniert es wie beim Schreiben von Briefen. Kennt man die Person nicht, ist «sehr geehrt» richtig. Kennt man sich schon, darf es auch die Anrede «lieber/liebe» sein.
Darf man im Restaurant das Essen fotografieren?
Das ist sehr zwiespältig. Vielleicht, wenn es etwas sehr Spezielles ist und man das seinen Kindern oder sehr engen Freunden zeigen will. Aber bei einem Schnitzel würde ich es lassen. Und bitte nicht massenhaft Fotos schicken. Überhaupt ist ein Handy ein Unding, wenn in Gesellschaft gegessen wird.
Wann muss das Handy unbedingt aus bleiben?
Die Frage ist eher: Wann darf man es einschalten? Heute heisst es ja: kein Handy am Ohr im Auto, keins am Arbeitsplatz, nicht in der Kirche, nicht im Restaurant, nicht in der Schule. Die oberste Regel könnte lauten: Auch die Dramen des Lebens bedürfen einer Regie.
Darf man Bürokollegen auf ihr aufdringliches Parfüm, den zu kurzen Rock, das laute Schmatzen beim Essen aufmerksam machen?
Das ist eine Grauzone. Man will ja nicht bünzlig sein. Aber was ist, wenn sich niemand mehr beklagt? Viele Leute tun das ja aus Unwissenheit. Vielleicht wären sie froh um einen Hinweis. Man muss sich das von Fall zu Fall überlegen. Unter Gleichgestellten ist es jedenfalls einfacher.
Darf man Ferienfotos verschicken?
Eigentlich ist das eher taktlos. Denn der andere sitzt vielleicht gerade im Büro und muss arbeiten. Viele verschicken ja Unmengen von Fotos – die einen meistens nicht interessieren. Es sieht ein wenig nach Angeberei aus. Ausnahme: Man schickt seinen Angehörigen ein spezielles Foto. Aber dann bitte eines, nicht 30.