Alltagsärger und Zivilcourage
Krach, Abfall, Hundedreck, Egoisten im Zug: Warum sagt niemand etwas?

Jemand wirft Abfall auf die Strasse, lässt den Hundehaufen liegen oder macht sich im vollen Zug breit. Wir ärgern uns oft Stunden danach noch und schweigen oft trotzdem, wenns passiert. Warum fällt es uns so schwer, andere auf ihr Fehlverhalten anzusprechen?
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Manche drängen sich im Zug, andere brauchen unnötig viel Platz. Ab wann sollte man dazu etwas sagen?
Foto: pexels
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Gunda BosselSEO-Redaktorin

Es ist nur ein zerknülltes Papier. Ein paar Meter weiter steht ein Abfalleimer, doch die Person die vor dir geht, lässt die Verpackung einfach auf den Boden fallen und läuft weiter. Du hast es gesehen. Du ärgerst dich. Und jetzt?

«Entschuldigung, Sie haben etwas verloren», wäre eine Möglichkeit. Oder du hebst das Papier auf und wirfst es in den Kübel. Vielleicht sagst oder tust du auch gar nichts, weil du keine Lust auf eine Diskussion hast. Schliesslich kennst du die Person nicht. Und wer weiss, wie sie reagiert? Innerlich wächst der Groll, auch wenn du dir nichts anmerken lässt.

Ähnlich läuft es mit dem Hundehaufen, den jemand nicht wegräumt, oder im Zug oder im Bus, wenn ein Fahrgast seinen Rucksack auf dem freien Sitz neben sich platziert, während andere stehen müssen. Wenn jemand viel zu laut telefoniert im vollen Tram. Wenn in der Schlange gedrängelt wird. Wir beobachten solche Szenen, empören uns innerlich über die Rücksichtslosigkeit und fragen uns, ob wir etwas sagen sollen.

Doch häufig bleibt es dann beim innerlichen Ärger. Weshalb eigentlich?

Lieber schweigen als einen Streit riskieren

Wer einen fremden Menschen auf sein Verhalten anspricht, weiss nie genau, was passiert. Vielleicht entschuldigt sich die Person. Vielleicht winkt sie ab. Oder sie reagiert aggressiv und fragt, was uns das überhaupt angehe.

Genau diese Unberechenbarkeit macht die Sache unangenehm. Wir wollen nicht als Besserwisser dastehen, niemanden blossstellen und schon gar nicht wegen einer weggeworfenen Verpackung in einen Streit geraten. Also wägen wir gedanklich ab: Ist es das wirklich wert?

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Dazu kommt die Unsicherheit, ob wir die Situation überhaupt richtig beurteilen. Vielleicht hat die Person den Abfall tatsächlich versehentlich verloren. Vielleicht hat der Fahrgast im Bus einen gesundheitlichen Grund, weshalb er sitzen bleibt. Und vielleicht ist das, was uns auf den ersten Blick respektlos erscheint, gar nicht so eindeutig, wie es im ersten Moment wirkt.

Nicht jede Situation verlangt deshalb eine sofortige Reaktion. Aber manchmal schweigen wir auch dann, wenn wir eigentlich schon davon überzeugt sind, dass etwas nicht in Ordnung ist.

Wenn alle zuschauen, fühlt sich niemand zuständig

Dass Menschen in bestimmten Situationen nicht eingreifen, ist auch ein Thema der Sozialpsychologie. Bekannt ist der sogenannte Bystander-Effekt: Sind mehrere Personen anwesend, kann die Wahrscheinlichkeit sinken, dass jemand Hilfe leistet. Die Verantwortung verteilt sich gefühlt auf alle. Man wartet darauf, dass eine andere Person den ersten Schritt macht. Diese Phänomen ist im weitesten auch unter dem Begriff «Zivilcourage» bekannt.

Der Effekt bezieht sich vor allem auf Situationen, in denen Menschen Hilfe benötigen. Er lässt sich also nicht einfach eins zu eins auf einen liegen gelassenen Hundehaufen übertragen. Trotzdem stellt sich bei kleinen Regelverletzungen eine ähnliche Frage: Weshalb soll ausgerechnet ich etwas sagen, wenn alle anderen ebenfalls schweigen?

Und je mehr Menschen daneben stehen, desto leichter kann man sich einreden, dass sich bestimmt noch jemand darum kümmern wird.

Muss man wirklich jedes Fehlverhalten kommentieren?

Nein. Wer sich über jede Kleinigkeit aufregt und andere ständig zurechtweist, macht sich das Leben unnötig schwer. Nicht jede Unhöflichkeit braucht eine Reaktion, und nicht jeder Konflikt lässt sich mit einem klugen Satz lösen.

Entscheidend ist auch, worum es geht. Bei einer weggeworfenen Verpackung steht die Frage im Raum, ob man jemanden auf mangelnde Rücksichtnahme hinweisen möchte. Wird dagegen eine Person belästigt, bedroht oder offensichtlich unfair behandelt, geht es um mehr als persönliche Umgangsformen.

Zivilcourage bedeutet dabei nicht, sich kopflos in Gefahr zu bringen. Die Schweizerische Kriminalprävention betont, dass man hinschauen und helfen soll, ohne sich selbst unnötig zu gefährden. Je nach Situation kann das bedeuten, andere Menschen um Unterstützung zu bitten oder die Polizei zu verständigen.

Auch bei alltäglichen Ärgernissen lohnt es sich, die eigene Reaktion zu überdenken. Geht es darum, einen Missstand anzusprechen? Oder wollen wir unserem Ärger einfach Luft machen? Das ist nicht dasselbe.

So sagst du etwas, ohne gleich zu provozieren

Wer sich entscheidet, den Mund aufzumachen, muss keinen Vortrag über Anstand halten. Oft reicht ein kurzer, sachlicher Satz.

Beim Abfall könnte das heissen: «Entschuldigung, könnten Sie das bitte in den Abfalleimer werfen?» Beim Hundehaufen: «Ihr Hund hat da noch etwas vergessen.» Und im Bus ist eine Frage häufig besser als ein Vorwurf: «Wäre es vielleicht möglich, dass Sie den Platz freimachen?»

Der Ton macht dabei einen Unterschied. Wer jemanden vor anderen als rücksichtslosen Egoisten beschimpft, muss mit Gegenwehr rechnen. Wer hingegen ruhig bleibt und das konkrete Verhalten anspricht, gibt dem Gegenüber eher die Möglichkeit, darauf einzugehen, ohne sofort das Gesicht zu verlieren.

Die eigene Sicherheit im Auge behalten

Wichtig ist allerdings, die eigene Sicherheit im Blick zu behalten. Reagiert jemand aggressiv, muss man nicht um jeden Preis recht behalten. Manchmal ist es vernünftiger, sich zurückzuziehen. Bei einer ernsteren Situation kann es sinnvoll sein, andere gezielt um Hilfe zu bitten.

Und noch etwas: Wer etwas sagt, kann damit nicht gleich die ganze Welt verändern. Vielleicht wird der Abfall trotzdem nicht aufgehoben. Vielleicht kommt eine patzige Antwort zurück. Aber zumindest hat man nicht automatisch akzeptiert, dass Rücksichtslosigkeit einfach dazugehört. Und vielleicht geht es einem dann wenigstens mental besser und man ärgert sich nicht im Nachhinein, nichts gesagt zu haben.

Und was, wenn wir nicht eingreifen?

Die unangenehme Wahrheit ist: Wahrscheinlich waren wir alle schon einmal in einer Situation, in der wir uns über das Verhalten anderer geärgert und trotzdem geschwiegen haben. Das macht uns nicht automatisch zu Feiglingen. Es zeigt aber, wie schwierig es sein kann, im Alltag für die eigenen Werte einzustehen. Manchmal lohnt es sich also, kurz innezuhalten und sich zu fragen, ob Schweigen nun wirklich die beste Entscheidung ist.

Denn oft ärgern wir uns länger darüber, nichts gesagt zu haben, als über die unangenehme Situation, die eine Reaktion im Moment vielleicht ausgelöst hätte.

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