Nach einem langen Arbeitstag aufs Sofa sinken, das Handy in die Hand nehmen und sich durch Videos scrollen: So sieht für viele der Feierabend aus. Doch immer mehr Menschen suchen einen Ausweg aus dieser Routine. Sie greifen zu Stricknadeln, backen Sauerteigbrot, pflegen ihre Pflanzen oder lernen, Kleider selbst zu nähen.
Was nach Grossmutter klingt, ist zum Trend geworden. Unter Begriffen wie «Granny Hobbies» oder «Granny Lifestyle» werden traditionelle Beschäftigungen neu entdeckt. Die Nachrichtenagentur Associated Press berichtete im März 2026 über junge Menschen, die sich für Handarbeiten, Vogelbeobachtung, Mahjong und sogar Schmiedekunst begeistern.
Die Lust auf Dinge, die Zeit brauchen
Der Reiz liegt gerade darin, dass diese Hobbys nicht auf Knopfdruck funktionieren. Ein Schal entsteht Masche für Masche, ein Brot muss aufgehen, und im Garten wächst nicht alles über Nacht. Man braucht Geduld und muss sich für längere Zeit auf eine Sache konzentrieren. Das ist ein Gegenpol zu einem Alltag, in dem Nachrichten, Nachrichtenmeldungen und Unterhaltung jederzeit verfügbar sind.
Auch die US-amerikanische Psychologin Brooke Kohler vom Center for Counseling and Student Development der University of Delaware sieht Vorteile in solchen Beschäftigungen. Im Gespräch mit Delaware Public Media erklärte sie, dass kreative Hobbys Stress und Einsamkeitsgefühle lindern und soziale Kontakte fördern können. Das gilt besonders, wenn Menschen gemeinsam handarbeiten oder neue Fähigkeiten lernen.
Das bedeutet allerdings nicht, dass Stricken oder Backen automatisch psychische Probleme löst. Es geht vielmehr um eine Möglichkeit, den Alltag bewusster zu gestalten und sich regelmässig Zeit für etwas zu nehmen, das nicht mit Arbeit oder Leistung verbunden ist.
Vom Strickzeug bis zum eigenen Garten
Wer den Granny-Lifestyle ausprobieren möchte, braucht weder ein Haus auf dem Land noch eine komplette Handarbeitsausrüstung. Schon kleine Veränderungen können reichen.
- Stricken und Häkeln: Aus Wolle entstehen Schals, Pullover, Decken oder Taschen. Wer lieber mit Stoff arbeitet, kann nähen, sticken oder alte Kleider reparieren.
- Backen und Einkochen: Selbst gebackenes Brot, Kuchen nach Familienrezepten oder hausgemachte Konfitüre bringen traditionelle Tätigkeiten zurück in den Alltag.
- Gärtnern: Kräuter auf dem Fenstersims, Blumen auf dem Balkon oder Gemüse im Garten machen das Hobby auch ohne grosses Grundstück möglich.
- Lesen und Tee trinken: Ein Buch und eine Tasse Tee statt einer weiteren Stunde auf dem Smartphone.
- Vintage und Secondhand: Alte Möbel, Keramik, Blumenmuster und Strickjacken passen zum nostalgischen Stil. Vorhandene Dinge werden weiterverwendet, statt ständig Neues zu kaufen.
Dabei geht es nicht darum, möglichst perfekt zu leben. Ein schiefer Kuchen oder ein unvollendeter Schal gehören genauso dazu. Niemand muss aus dem Hobby gleich ein eigenes Geschäft machen oder seine Fortschritte auf Instagram präsentieren.
Ein analoger Trend, der online gross wird
Ganz ohne Widerspruch ist die Bewegung nicht: Ausgerechnet auf TikTok und Instagram verbreiten sich Videos über das Leben ohne Bildschirm. Dort zeigen junge Menschen ihre Strickprojekte, liebevoll eingerichteten Wohnungen und selbst gemachten Produkte.
Die sozialen Medien machen die alten Tätigkeiten sichtbar und liefern Anleitungen. Gleichzeitig können sie aus einer entspannten Beschäftigung schnell das nächste Projekt machen, bei dem alles besonders schön, nachhaltig und fotogen sein soll.
Der Granny-Lifestyle muss aber keine neue Selbstoptimierung werden. Wer sich zum Stricken zwingt, weil es gerade angesagt ist, hat wenig gewonnen. Entscheidend ist, ob die Beschäftigung Freude macht und im Alltag tatsächlich einen Ausgleich schafft.
Auch die Vorstellung, dass diese Hobbys ausschliesslich Grossmüttern gehören, greift zu kurz. Viele der Tätigkeiten waren nie verschwunden. Neu ist vor allem, dass sie von jüngeren Menschen aufgegriffen und unter einem modernen Namen präsentiert werden.
Vielleicht liegt genau darin die Botschaft des Trends: Nicht jede freie Minute muss gefüllt sein, nicht alles muss schneller gehen, und nicht jedes Hobby muss produktiv sein. Manchmal reicht es, einen Kuchen zu backen, ein paar Seiten zu lesen oder am Abend die Stricknadeln hervorzuholen.
Und wenn dabei das Handy einmal für eine Stunde liegen bleibt, ist das ein willkommener Nebeneffekt.