Psychologie im Job
Darum sind introvertierte Menschen genauso gute Führungskräfte

In sich gekehrte Menschen werden oft unterschätzt oder falsch verstanden. Dabei sind sie sehr gute Führungskräfte und haben stets ein offenes Ohr.
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Introvertierte Menschen werden oft unterschätzt.
Foto: Getty Images

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Introversion muss kein Nachteil sein und birgt ungeahnte Stärken
  • Introvertierte Manager glänzen durch Zuhören, analytisches Denken und innere Ruhe
  • Ein Drittel der Menschen ist introvertiert, mit häufig unterschätztem Potenzial
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Susanne Schild
Handelszeitung

Bei der ersten Begegnung war es nicht leicht, mit dem Software-Entwickler Reto* ins Gespräch zu kommen. Zu lange waren die Gesprächspausen, einsilbig seine Antworten. Small Talk scheint nicht sein Ding zu sein.

Später arbeitete Reto an einem Projekt mit: Er verstand die Business-Prozesse und Bedürfnisse sofort. Die Applikation, die er darauf basierend entwickelte, wurde pünktlich fertig und funktionierte einwandfrei. Dieses überzeugende Ergebnis hatte man dem zugeknöpften Kollegen nicht zugetraut.

Der Systemspezialist Beat* kommt am liebsten bereits um sechs Uhr morgens zur Arbeit. Dann kann er zwei Stunden in Ruhe arbeiten, bevor es ihm ab acht Uhr im Grossraumbüro zu laut wird.

Beat wirkt verschlossen, Kaffee- und Mittagspausen in grösserer Runde vermeidet er. Nur diejenigen, die eng mit ihm zusammenarbeiten oder auf der Raucherterrasse mit ihm ins Gespräch kommen, entdecken den Menschen hinter der Fassade: ein kompetenter Fachspezialist und engagierter Familienvater.

Introversion galt lange als defizitär

Wenn man introvertierte Personen wie Reto und Beat nach ihrem Kommunikationsverhalten und dem ersten Eindruck beurteilt, kommen sie nicht besonders gut weg. Etwa ein Drittel aller Menschen ist eher introvertiert, aber längst nicht alle wirken so in sich gekehrt wie Reto und Beat. Viele haben extrovertierte Verhaltensweisen übernommen, um gesellschaftliche Erwartungen zu erfüllen.

Jeder Mensch befindet sich irgendwo auf der Skala zwischen intro- und extrovertiert. Menschen in der Mitte, also die Ambivertierten, vereinen beide Eigenschaften. Als Merkmal gilt: Wer das Arbeiten im Homeoffice überwiegend positiv erlebt, ist vermutlich eher introvertiert.

Amerika als extrovertiertes Vorbild

Über viele Jahre hinweg wies die Introversion keinen guten Ruf auf. Aber warum? Eine Antwort liefert das Fünf-Faktoren-Modell der Persönlichkeitspsychologie: Dort stehen beim Stichwort «Extraversion» Eigenschaften wie gesellig, aktiv, gesprächig, personenorientiert, herzlich, optimistisch und heiter. Introversion hingegen wird als Mangel an Extraversion beschrieben und galt als defizitäre Eigenschaft.

Mitunter prägte auch das amerikanische Vorbild diese Ansicht: Um im Land der unbegrenzten Möglichkeiten erfolgreich zu sein, ist es wichtiger als anderswo, sich selbst ins beste Licht zu rücken und rhetorisch dick aufzutragen.

Möglicherweise liegt das daran, dass selbstbewusste, risikofreudige und kommunikative Menschentypen – kurzum extrovertierte Leute – das Einwanderungsland USA mitgestalteten.

Sympathikus und Parasympathikus

Wissenschafter haben festgestellt, dass die Unterschiede zwischen intro- und extrovertierten Menschen genetisch und physiologisch bedingt sind.

Wenn also in sich gekehrte Menschen versuchen, extrovertierter zu werden, geht es ihnen ähnlich wie einem Marathonläufer, der bei einem Hundertmeterlauf antritt – beide fühlen sich fehl am Platz. Um zu verstehen, wie anders die beiden Extreme ticken, muss man sich mit den unterschiedlichen Nervensystemen und Hirnfunktionen auseinandersetzen:

Das vegetative Nervensystem besteht aus zwei Teilsystemen, dem Sympathikus und dem Parasympathikus. Der Sympathikus ist auf Leistung und Aktivität ausgerichtet; er bereitet den Körper auf Anstrengungen, Angriff oder Flucht vor.

Bei extrovertierten Menschen ist der Sympathikus prägend. Im Gegensatz dazu werden introvertierte Menschen stärker durch den «Gegenspieler» Parasympathikus beeinflusst. Er sorgt für Entspannung, Erholung, einen sinkenden Herzschlag und für Ruhe.

«Introvertierte Manager werden unterschätzt»

Eine führende Expertin für Persönlichkeitspsychologie analysierte die Stärken von stillen Führungskräften und kommt auf erstaunliche Ergebnisse. Sie wirbt in Firmen dafür, zurückhaltende Talente stärker zu fördern.

Das Nervensystem und die Persönlichkeit

Extrovertierte Menschen sind für die Stimulationsverarbeitung bevorzugt ausgestattet: In ihren Hirnen ist der Bereich, in dem Sinneseindrücke ankommen und verwertet werden, deutlich stärker durchblutet als bei den Intros. Sie können deshalb viel leichter äussere Eindrücke aufnehmen und verarbeiten.

Bei introvertierten Menschen hingegen sind die vordere Grosshirnrinde und der vordere Thalamus besser durchblutet. Dort sind das Erinnern, Lernen, Planen und Problemlösen verortet. In sich gekehrte Menschen sind deshalb stärker mit der Verarbeitung innerer Vorgänge beschäftigt und haben daher eine geringere Kapazität für Sinneseindrücke von aussen.

Diese physiologischen Unterschiede liefern die Erklärung dafür, warum extro- und introvertierte Menschen oft sehr unterschiedliche Bedürfnisse haben: Extros benötigen mehr Aktivitäten, Austausch und Stimulation für ihr energetisches Gleichgewicht, Intros hingegen brauchen Alleinzeit, um ihre Akkus wieder aufzuladen.

Dennoch können auch introvertierte Menschen in kommunikativen Berufen ihr Glück finden – als Verkäufer, Lehrerin, Politiker –, solange es ihnen gelingt, nach der Anstrengung runterzufahren und aufzutanken.

Was introvertierte Manager anders machen

Eine promovierte Chemikerin mit langjähriger Erfahrung in der Personalvermittlung war mit ihrer extrovertierten Art im wissenschaftlichen Umfeld eher eine Ausnahme. Nach wenigen Jahren in der chemischen Industrie machte sie sich selbständig als Personalvermittlerin für hoch qualifizierte Fach- und Führungskräfte im Life-Sciences-Bereich. Erfahrene Personalvermittler im Life-Sciences-Bereich beobachten, dass ruhigere und zurückhaltendere Kandidatinnen und Kandidaten oft unterschätzt werden.

«Experten schätzen die Eigenschaften introvertierter Menschen besonders: wie sie zuhören können, ihr analytisches und strategisches Denken, ihre innere Ruhe, Detailorientierung und Ausdauer. Viele Führungsteams sind deshalb erfolgreich, weil sich ihre Mitglieder optimal ergänzen. Oft findet man zum Beispiel die Kombination aus extrovertiertem CEO und introvertiertem CFO vor.»

Wegen des fragwürdigen Ansehens der Introversion hielt sich lange Zeit hartnäckig die Vorstellung, eine ideale Führungskraft sei extrovertiert.

Bekannte Führungspersönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft haben gezeigt, dass introvertierte Menschen hervorragende Leader sein können – ebenso wie ein Experiment der Harvard Business School: Ein Forschungsteam für Organisationspsychologie bat Studentengruppen, in kurzer Zeit möglichst viele T-Shirts zu falten.

Proaktive Teams brachten Vorschläge ein, diese Aufgabe auf kreative Weise zu erfüllen. Passive Teams hielten sich stärker an die Vorgaben der Führungsperson. Es zeigte sich, dass die passiven Teams bessere Leistungen unter der Anleitung einer extrovertierten Führungskraft erbrachten, während proaktive Teams die besten Ergebnisse in Kombination mit einer introvertierten Führung erzielten.

Introvertierte im Dialog und als Führungsperson

In Berufen, die noch von «Command and Control» geprägt sind, ist somit eine extrovertierte Führungskraft effektiver. Aber: Mit dem Wandel von einer Industrie- zu einer Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft werden Hierarchien flacher, und ein dominanter Führungsstil ist weniger wirksam.

Die komplexer werdende Arbeitswelt ist immer mehr darauf angewiesen, dass Menschen ihr Wissen teilen; dass sie innovativ und kreativ sind und auf Augenhöhe zusammenarbeiten. In einer solchen Umgebung werden introvertierte Führungskräfte und solche, die ihr Verhalten gut anpassen können, erfolgreicher sein.

Vermutlich werden introvertierte Menschen zwar den Weihnachtsapéro früher verlassen als ihre Teamkollegen und -kolleginnen. Das jedoch nicht, weil sie unsozial sind, sondern weil ihre Energie aufgebraucht ist. Ein Teamanlass eignet sich sowieso nicht dazu, eine zurückhaltende Person näher kennenzulernen.

Dafür wählt man lieber eine Begegnung zu zweit, am besten in einer reizarmen Umgebung ohne Ablenkungen. So öffnen sich auch die Introvertierten und erzählen mehr von sich selbst. Vor allem aber können diese Menschen auch richtig gut zuhören und haben als Führungspersonen immer ein offenes Ohr für interne Anliegen.

*Namen geändert

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