Darum gehts
- Studie zeigt: Geistige Fähigkeiten erreichen Höhepunkt zwischen 55 und 60 Jahren
- Erfahrung, Wissen und emotionale Reife kompensieren nachlassende mentale Geschwindigkeit
- Untersuchung basiert auf Auswertung früherer Studien im Fachjournal «Intelligence»
Mit 30 ist man körperlich vielleicht noch ziemlich fit. Doch ist das auch der Höhepunkt unserer geistigen Fähigkeiten? Nicht unbedingt. Forschende der University of Western Australia kommen zu einem überraschenden Ergebnis: Betrachtet man verschiedene psychologische Fähigkeiten gemeinsam, liegt deren Zusammenspiel möglicherweise erst zwischen dem 55. und 60. Lebensjahr auf seinem höchsten Niveau.
Die Studie, die im Fachjournal «Intelligence» veröffentlicht wurde, wertete bereits vorhandene Forschungsergebnisse dazu aus, wie sich verschiedene geistige Fähigkeiten im Laufe des Lebens verändern.
Nicht alles wird mit dem Alter schlechter
Der entscheidende Punkt: Unser Gehirn entwickelt sich nicht in allen Bereichen gleich. Einige Fähigkeiten erreichen ihren Höhepunkt bereits in jungen Jahren. Dazu gehört beispielsweise die Geschwindigkeit, mit der Informationen verarbeitet werden. Auch das Arbeitsgedächtnis kann bereits ab dem frühen Erwachsenenalter nachlassen.
Andere Fähigkeiten entwickeln sich dagegen über Jahrzehnte weiter. Dazu zählen unter anderem Wortschatz, Wissen, emotionale Intelligenz, finanzielle Kompetenz, Gewissenhaftigkeit und emotionale Stabilität.
Die Erfahrung kommt hinzu
Die sogenannte fluide Intelligenz, also die Fähigkeit, schnell neue Informationen zu verarbeiten und Probleme ohne Rückgriff auf vorhandenes Wissen zu lösen, erreicht ihren Höhepunkt ungefähr im jungen Erwachsenenalter. Doch im Laufe des Lebens kommt etwas Entscheidendes hinzu: Erfahrung.
Wer jahrzehntelang gearbeitet, Beziehungen geführt, Entscheidungen getroffen und unterschiedliche Situationen erlebt hat, verfügt über einen enormen Wissens- und Erfahrungsschatz. Diese Fähigkeiten können teilweise ausgleichen, dass bestimmte mentale Prozesse langsamer werden.
Was wir später gewinnen
Mit zunehmendem Alter kann es leichter fallen, komplexe Situationen einzuordnen. Auch der Umgang mit den eigenen Emotionen kann sich verändern. Erfahrung hilft zudem dabei, Muster zu erkennen und Entscheidungen auf Grundlage bereits gemachter Erfahrungen zu treffen.
Das bedeutet nicht, dass ältere Menschen in jeder geistigen Disziplin besser abschneiden als jüngere. Vielmehr verschiebt sich das Verhältnis zwischen den einzelnen Fähigkeiten. Was an Geschwindigkeit verloren geht, kann an Wissen, Erfahrung und emotionaler Reife gewonnen werden.
Psychologisch werden wir im Alter stärker
Genau darin liegt die zentrale Aussage der Studie: Wenn man geistige Leistungsfähigkeit nur an Reaktionsgeschwindigkeit oder klassischer «Intelligenz» misst, erreicht sie ihren Höhepunkt relativ früh. Betrachtet man dagegen mehrere psychologische Fähigkeiten gemeinsam, ergibt sich ein anderes Bild.
Der Zeitraum zwischen 55 und 60 Jahren könnte deshalb eine Phase sein, in der sich unterschiedliche Stärken besonders gut ergänzen. Das ist eine schöne Gegenbotschaft zum verbreiteten Eindruck, geistige Leistungsfähigkeit kenne nur eine Richtung: nach unten. Manches wird langsamer, anderes wird mit den Jahren erst richtig stark.
Dieser Artikel erschien erstmals auf Koktejl.azet.sk, dem slowakisches Online-Portal, welches zu Ringier Medien Schweiz gehört.