Viele Eltern kennen das Gefühl: Die Kinder sind ausgezogen, haben ihr eigenes Leben aufgebaut und melden sich plötzlich nicht mehr so häufig wie früher. Telefonate werden kürzer, Besuche seltener. Manche Eltern führen das auf den stressigen Alltag oder mangelnde Zeit zurück. Andere fühlen sich zurückgewiesen und fragen sich, ob ihre Kinder undankbar geworden sind.
Doch manchmal lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Denn auch die Art, wie Eltern und ihre erwachsenen Kinder miteinander reden, kann beeinflussen, wie eng der Kontakt bleibt. Wer immer wieder kritisiert, Vorwürfe macht oder Schuldgefühle auslöst, riskiert, dass sich die eigenen Kinder zurückziehen.
Drei Sätze können dabei besonders problematisch sein:
1. «Du machst alles falsch!»
Eltern wollen ihren Kindern häufig helfen. Sie geben Ratschläge, weisen auf mögliche Fehler hin und erklären, wie sie eine Situation selbst lösen würden. Was gut gemeint ist, kann bei erwachsenen Kindern jedoch ganz anders ankommen: als Kritik und als Zeichen dafür, dass die Eltern ihnen nicht zutrauen, eigene Entscheidungen zu treffen.
Denn mit 40 Jahren oder darüber hinaus möchten Menschen selbst bestimmen, wie sie ihr Leben gestalten. Wer bei jedem Gespräch ungefragt Ratschläge erhält, fühlt sich schnell wieder wie ein Kind behandelt.
Besser: Statt sofort zu erklären, was man selbst anders machen würde, lohnt es sich, nachzufragen. Etwa: «Wie bist du zu dieser Entscheidung gekommen?» So zeigen Eltern Interesse, ohne die Selbstständigkeit ihrer Kinder infrage zu stellen.
2. «Ich habe mein ganzes Leben für dich geopfert!»
Dieser Satz fällt oft aus Enttäuschung. Eltern haben viel Zeit, Energie und Geld in die Erziehung investiert und wünschen sich, dass ihre Kinder das anerkennen. Wenn Anrufe und Besuche ausbleiben, kann sich das anfühlen, als würden all diese Bemühungen vergessen.
Bei den Kindern kann die Aussage allerdings Schuldgefühle auslösen. Sie hören womöglich nicht die Sehnsucht nach mehr Nähe, sondern den Vorwurf, ihnen etwas schuldig zu sein. Wird der Kontakt immer wieder mit solchen Vorhaltungen verbunden, kann er zur Belastung werden.
Das bedeutet nicht, dass Eltern ihre Enttäuschung verschweigen müssen. Entscheidend ist, wie sie diese ausdrücken. Vorwürfe schaffen häufig Distanz, während ehrliche Worte über die eigenen Gefühle ein Gespräch ermöglichen.
3. «Du verstehst überhaupt nichts!»
Wer die Meinung eines anderen abwertet, erschwert einen offenen Austausch. Das gilt auch zwischen Eltern und ihren erwachsenen Kindern. Werden deren Ansichten regelmässig belächelt oder als falsch hingestellt, kann das Vertrauen darunter leiden.
Besonders schwierig wird es, wenn die Kinder selbst längst Verantwortung tragen, eine Familie gegründet haben oder beruflich wichtige Entscheidungen treffen. Sie möchten als Erwachsene ernst genommen werden und nicht das Gefühl haben, sich für jede ihrer Entscheidungen rechtfertigen zu müssen.
Besser: Eltern können ihre eigene Sicht schildern, ohne diejenige ihrer Kinder abzuwerten. Dazu gehört auch, unterschiedliche Meinungen auszuhalten und anzuerkennen, dass die nächste Generation ihren eigenen Weg gehen darf.
Wie lässt sich die Nähe wieder stärken?
Wenn erwachsene Kinder ab 40 seltener anrufen oder vorbeikommen, muss das nicht automatisch bedeuten, dass die Beziehung schlecht ist. Beruf, Partnerschaft, eigene Kinder und andere Verpflichtungen können den Alltag füllen. Auch die Entfernung spielt eine Rolle. Entscheidend ist deshalb nicht allein, wie oft man sich sieht, sondern auch, wie sich der Kontakt für beide Seiten anfühlt.
Wer sich mehr Nähe wünscht, sollte versuchen, weniger zu kritisieren und mehr zuzuhören. Hilfreich ist es, die eigenen Gefühle auszudrücken, statt dem Gegenüber Vorwürfe zu machen. «Du fehlst mir» klingt anders als «Du hast mich völlig vergessen».
Ebenso wichtig ist es, die Selbstständigkeit erwachsener Kinder zu respektieren. Sie dürfen eigene Prioritäten setzen, Entscheidungen treffen und Grenzen ziehen. Das heisst nicht, dass Eltern ihre Wünsche zurückstellen müssen. Sie können offen sagen, dass sie sich über einen Anruf oder Besuch freuen würden, ohne daraus eine Verpflichtung zu machen.
Eine enge Beziehung lässt sich nicht erzwingen. Sie wächst dort, wo sich beide Seiten ernst genommen fühlen und offen miteinander reden können. Manchmal beginnt das mit einer einfachen Frage: «Wie geht es dir wirklich?»
Dieser Artikel erschien erstmals auf zena.blic.rs, dem Lifestyle-Portal des serbischen Mediums Blic, das zur internationalen Ringier-Gruppe gehört.