120 Jahre alt werden: Wie geht das?
Zu Besuch beim Schweizer Longevity-Pionier Tobias Reichmuth

Minus 110 Grad, Rotlicht-Therapie, DNA-Tests und zehn Pillen am Tag: Unternehmer Tobias Reichmuth will 120 Jahre alt werden. Wie viel Leben ist eigentlich genug?
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Hightech auf über 1800 Metern: Die Fassade der Villa von Tobias Reichmuth besteht fast komplett aus Solarpanels.
Foto: Fabienne Bühler

Darum gehts

  • Tobias Reichmuth, Unternehmer aus St. Moritz, lebt für Langlebigkeit und Gesundheit
  • Er nutzt Kältetherapie, Rotlicht und Biotechnologie, um 120 Jahre alt zu werden
  • Sein Unternehmen Avea erwirtschaftet jährlich 30 Millionen Franken mit Supplements
Text: Silvana Degonda Fotos: Fabienne Bühler
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Tobias Reichmuth (47) steht bei minus 110 Grad Celsius in der Kryo-Kältekammer, blaues Licht fällt auf seinen nackten Oberkörper. Er bewegt sich kaum und schaut geradeaus, als wäre das hier das Normalste der Welt. Nach drei Minuten öffnet er die Tür. Eine Wolke aus kaltem Nebel quillt heraus. Reichmuth steigt aus, geht ein paar Schritte und stellt sich zwischen die zwei Säulen seines Rotlichtgeräts. Zwanzig Minuten lang wird er so jeden Tag von roten Lampen bestrahlt. «Natürlich nur, wenn ich zu Hause bin und Zeit habe.»

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Einer der wichtigsten Vordenker in der Schweiz, wenn es um Langlebigkeit geht: Tobias Reichmuth in seiner Kältekapsel in St. Moritz.
Foto: Fabienne Bühler

In seinem Haus in St. Moritz GR sieht es aus, als hätte jemand ein Science-Fiction-Labor mit einem Wellnesshotel gekreuzt. Reichmuth hat eine ganze Etage seiner Villa seinem Lieblingsprojekt gewidmet: Longevity, Langlebigkeit. Eisbad, Sauna, Dampfbad, Gym, Meditationsraum und Indoorpool. Der Unternehmer nimmt Longevity ziemlich ernst. Aber nicht todernst. «Es geht mir nicht einfach um ein langes Leben», sagt er. «Es geht darum, lange gesund zu bleiben.» Er möchte 120 Jahre alt werden. «Aber eben nur, wenn ich gesund bleibe.»

Rotlichtdusche nach dem Eisschock: Zwischen zwei leuchtenden Säulen schaltet Reichmuth zu Hause vom Alltag ab.
Foto: Fabienne Bühler

Reichmuth und seine Partnerin Aleksandra Jovanovic (34) leben seit Anfang 2025 in ihrem neuen Haus. Die Aussicht reicht über das Dorf und den St. Moritzersee bis zum Piz Rosatsch, Corvatsch und Piz Surlej. Die Fassade ist fast komplett mit schwarzen Solarpanels bedeckt und produziert auch im Winter Strom. Zehn Geothermiebohrungen liefern zusätzliche Energie. Im Keller steht ein Bitcoin-Miner. «Der erste in der Schweiz, der ein Privathaus heizt.» Betrieben wird er mit Solarstrom. Das erwärmte Kühlwasser des Miners heizt Fussboden und Pool. Die drei grossen Themen im Leben des Unternehmers stehen hier buchstäblich unter einem Dach: erneuerbare Energien, Krypto und Longevity. Mit allen drei hat er sein Vermögen aufgebaut.

Mit der Abwärme dieses Kryptominers im Keller werden Fussboden und Schwimmbad nachhaltig geheizt.
Foto: Fabienne Bühler

Vom Lego-Turm zum Imperium

Tobias Reichmuth wuchs als Einzelkind in Pratteln BL auf. Die Mutter war Psychologin und Unternehmerin, der Vater Lehrer und später Schulvorsteher. «Mein Papa hat seine Zeit so clever eingeteilt, dass er freitags immer frei hatte und mit mir Tennis spielte.»

Schon als Kind wollte er Unternehmer werden. Als Siebenjähriger baute er mit seinem Götti einen «Reichmuth International»-Turm aus Lego. «Später nannte ich meine Immobilienfirma tatsächlich so.» Er studierte an der Universität St. Gallen (HSG), gründete mit 21 sein erstes Unternehmen, investierte später in erneuerbare Energien und stieg in die Kryptowelt ein. Dann gründete er Maximon und setzt auf Longevity-Start-ups. Heute ist Reichmuth an mehr als 20 Unternehmen beteiligt. 2023 schafft er es mit einem geschätzten Vermögen von rund 150 Millionen Franken auf die Bilanz-Liste der 300 reichsten Schweizer. Bekannt wurde er als «Löwe» bei der TV-Sendung «Die Höhle der Löwen Schweiz».

Der Unternehmer lebt seit 2015 in St. Moritz und wurde im Frühling als «HSG-Gründer des Jahres 2026» ausgezeichnet.
Foto: Fabienne Bühler

Die Suche nach dem Jungbrunnen

2016 besucht Reichmuth die Singularity University in Kalifornien. Dort hört er die These, die sein Leben verändern sollte: Altern sei eine Krankheit. «Vorher dachte ich einfach: Du wirst alt und stirbst dann. Das hat alles verändert. Eine Krankheit kann man ja heilen.»

In Zürich hat er die Klinik Ayun mitgegründet. 2027 soll eine Weitere in Genf folgen. Dort wird vermessen, was sich vermessen lässt: DNA, Blut, Knochen, Mikrobiom, Fitness. Reichmuth war der erste Kunde. «Ich habe im September 2024 alles getestet.» Seine Gene haben ihm einiges verraten. Er verarbeitet Vitamin B schlechter als andere, braucht deshalb ungefähr die dreifache Menge. «Seitdem esse ich mehr roten Fisch.» Tomaten verträgt er nicht gut, Koriander mag er nicht – angeblich steht auch das in seinen Genen. Sein biologisches Alter lag zuletzt bei 41, sein tatsächliches bei 47. «Könnte aber noch besser sein.»

Jeden Tag circa zehn Pillen: «Kollagen und Omega 3 empfehle ich allen, die über 30 Jahre alt sind.»
Foto: Fabienne Bühler

Reichmuth macht jeden Tag Sport, trainiert gezielt seinen Rumpf, isst viel Protein und verzichtet auf Snacks. Dazu nimmt er mehr als zehn Nahrungsergänzungsmittel am Tag. Omega-3, die Vitamine D3 und K2, Kollagen und individuell zusammengestellte Präparate. Seine Firma Avea, die solche Supplements verkauft, macht 30 Millionen Franken Umsatz im Jahr.

Doch was passiert mit der Psyche, wenn 100 oder sogar 120 Jahre plötzlich nicht mehr absurd klingen? «Es bringt dir alles nichts, wenn du nicht happy bist.» Die Schweiz liegt bei der Lebenserwartung weltweit auf Platz 2 (heute 65-jährige Männer werden statistisch 85,4 Jahre alt, Frauen 88). Reichmuth zieht trotzdem eine kritische Bilanz: «Wir sind nicht gut beim glücklichen langen Leben.» Vielleicht ist das die grössere Herausforderung als jede Kältekammer: nicht herauszufinden, wie lange wir leben können – sondern wie lange wir leben wollen.

Tobias Reichmuth mit Partnerin Aleksandra Jovanovic. Die Zugerin arbeitet als Rohstoffhändlerin.
Foto: Fabienne Bühler

Reichmuth will nicht nur sich selbst retten, sondern auch das Gesundheitssystem. Seine Idee: Jeder Mensch soll möglichst früh seine genetischen Risiken kennen. «Und bei der Geburt einen DNA-Test machen.» So könnte man Krankheiten früher erkennen und gegensteuern. «Wir müssten von einem Heilungssystem hin zu einem personalisierten Vorsorgesystem. Milliarden fliessen in die letzten, besonders teuren Lebensjahre – während die Prävention kaum mithalten kann.»

Aber an was stirbt man, wenn man für immer gesund ist? «Dann stirbt man an Herzversagen. Was ziemlich plötzlich passiert. Aber ich glaube, dass wir bald medizinisch so weit sein werden, dass wir gar nicht mehr sterben.»

Mit 65 in Rente zu gehen und dann jahrzehntelang Leistungen zu beziehen, hält er darum für ein Auslaufmodell. Seine Lösung: «Es gibt keine Pension mehr.» Dafür soll jeder Mensch alle zehn Jahre ein bezahltes Sabbatical bekommen. Ein halbes Jahr frei, ein halbes Jahr Weiterbildung. Mit 60 kann man zusätzlich über die private Vorsorge das Arbeitspensum reduzieren. Und was ist mit jenen, die ein Leben lang körperlich gearbeitet haben? «Ein Dachdecker lernt mit 65 eben etwas Neues. Gärtner. Drohnenpilot. Psychologe.» Wer länger arbeite, sei sozial integrierter, glücklicher und weniger krank. «Pension kann krank machen.»

Tennis sei der beste Longevity-Sport überhaupt. «Es ist sozial, schnell und koordinativ anspruchsvoll.»
Foto: Fabienne Bühler

Eine Tafel Schokolade

Tobias Reichmuth kennt auch den Poster-Boy der Longevity-Bewegung: Tech-Unternehmer und Investor Bryan Johnson, 49 (biologisches Alter: circa 30). Der Amerikaner steht täglich um 5 Uhr auf, trainiert und therapiert sich stundenlang und isst nach 11 Uhr nichts mehr. Nun wurde aber bekannt, dass der Anti-Aging-Athlet an einer unheilbaren Autoimmunerkrankung leidet. «Ich bin erstaunt, dass sein Ärzteteam das nicht früher erkannt hat», sagt Reichmuth. «Ich hoffe sehr, dass er das überlebt. Wenn jemand eine Chance hat, dann er.»

Johnson war zweimal an Reichmuths Longevity-Konferenz in Gstaad BE. Dort fragte ihn Reichmuth, ob er glücklich sei. «Er dachte lange nach und sagte: Ja, jetzt schon. Aber am Anfang ist es unglaublich schwierig gewesen.» Spontane Treffen und Essen mit Freunden waren kaum noch drin. Reichmuth geht es lockerer an: Er trinkt Wein, isst Dessert – und hat immer Toblerone im Haus. Johnson hat seinem Gehirn per Neurolinguistik beigebracht, Schokolade für etwas Böses zu halten. «Heute, wenn er Schoggi sieht, macht er einen Gump auf die Seite», sagt Reichmuth. «Der Typ ist crazy.»

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