Hoffnung für Krebspatienten
Erspart dieser Bluttest künftig die Chemotherapie?

Mediziner spüren bei der Flüssigbiopsie verbliebene Tumor-DNA im Blut auf – und könnten Betroffenen künftig eine Chemotherapie ersparen. Zwei Fachleute über die Chancen und Grenzen der neuen Methode.
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Bei einer Flüssigbiopsie wird eine Blutprobe auf winzige Spuren von Tumoren untersucht.
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Jana Giger
Jana GigerRedaktorin Service

Zellen, die sich immer weiter teilen, einen Knoten bilden und gesundes Gewebe zerstören – oft für lange Zeit unbemerkt. Eine Krebsdiagnose ist für Betroffene und Angehörige ein Schock. Hinzu kommt das Gefühl der Ohnmacht. Wie kann eine Krankheit so lange im Verborgenen entstehen, ohne dass man etwas spürt?

Auch für Medizinerinnen und Mediziner sind es nach wie vor komplexe Vorgänge, die sie entschlüsseln müssen. Um eine exakte Krebsdiagnose zu stellen, ist fast immer eine Biopsie nötig. Dabei entnehmen Ärzte bei einem Eingriff ein Stück des veränderten Gewebes und lassen es im Labor untersuchen. Was wäre, wenn stattdessen ein kleiner Piks in den Arm genügen würde? Die Flüssigbiopsie (Liquid Biopsy) verspricht, mithilfe eines Bluttests die Früherkennung, Diagnose und Behandlung von Krebs grundlegend zu verändern.

Bauplan der Krebszellen

Das Prinzip dahinter: Wenn Tumorzellen im Körper absterben, geben sie winzige Fragmente ihres Erbguts in die Blutbahn ab. Genau diese «circulating tumor DNA» (kurz: ctDNA) spüren Fachleute bei einer Flüssigbiopsie im Blut auf. Im Gegensatz zu klassischen Tumormarkern, die nur bestimmte Eiweisse messen und oft ungenau sind, liefert die mutierte Tumor-DNA den exakten genetischen Bauplan der Krebszellen.

In der Schweiz gehört Heather Dawson, Pathologin an der Universität Bern, zu den führenden Expertinnen im Bereich der molekularpathologischen Diagnostik und Flüssigbiopsie. Sie sagt: «Die Methode könnte künftig eine zentrale Rolle nach einer Tumor-Operation spielen.» Heute erhalten viele Patientinnen und Patienten nach der OP vorsorglich eine Chemotherapie – quasi, um auf Nummer sicher zu gehen. Denn auf Bildgebungsverfahren ist nicht immer sichtbar, ob noch einzelne Krebszellen im Körper vorhanden sind.

Gezielter behandeln

Martin Berger von der Universitätsklinik für Medizinische Onkologie am Inselspital Bern sagt: «Bei Dickdarmkrebs im Stadium 2 profitieren historisch gesehen nur maximal zwei bis vier Prozent der Patienten von einer Chemotherapie nach der Operation.» Fast jeder kennt im Familien- oder Bekanntenkreis jemanden, der unter den schweren Nebenwirkungen einer Chemotherapie gelitten hat: Erschöpfung, Übelkeit oder Infektionen. Eine Flüssigbiopsie könnte bei diesen Stadium-2-Patienten helfen herauszufinden, wer von einer Chemotherapie profitiert und wer sich allenfalls die Belastung ersparen könnte.

«Die Flüssigbiopsie kann auch bei einigen vorbehandelten Patienten mit fortgeschrittenem Darmkrebs und Metastasen helfen abzuschätzen, ob sie allenfalls auf eine bereits in der Vergangenheit verabreichte Therapie wieder ansprechen könnten», erklärt der Experte.

Schweizer Studie zu Dickdarmkrebs

Heather Dawson ist ärztliche Leiterin für Molekularpathologie am Institut für Gewebemedizin und Pathologie der Universität Bern und im Clinical Genomics Lab des Inselspitals. Martin Berger arbeitet an der Universitätsklinik für Medizinische Onkologie am Inselspital Bern. Die beiden Fachpersonen leiten mit Unterstützung der Krebsforschung Schweiz eine schweizweite Studie zu Dickdarmkrebs. Die Studie untersucht, wie sich Informationen aus dem Tumor mit den Resultaten der Flüssigbiopsie kombinieren lassen, um das individuelle Rückfallrisiko noch besser einzuschätzen.

Heather Dawson ist ärztliche Leiterin für Molekularpathologie am Institut für Gewebemedizin und Pathologie der Universität Bern und im Clinical Genomics Lab des Inselspitals. Martin Berger arbeitet an der Universitätsklinik für Medizinische Onkologie am Inselspital Bern. Die beiden Fachpersonen leiten mit Unterstützung der Krebsforschung Schweiz eine schweizweite Studie zu Dickdarmkrebs. Die Studie untersucht, wie sich Informationen aus dem Tumor mit den Resultaten der Flüssigbiopsie kombinieren lassen, um das individuelle Rückfallrisiko noch besser einzuschätzen.

Erste Erfolge – und klare Grenzen

Schon heute wird die Flüssigbiopsie in gewissen Fällen eingesetzt. In Schweizer Spitälern kommt sie etwa dann zum Einsatz, wenn ein Tumor für eine Gewebeprobe zu schwer zugänglich ist. Zudem kann die Flüssigbiopsie bei Brust- oder Lungenkrebs Aufschluss darüber geben, ob ein Tumor mutiert ist und nicht mehr auf bestimmte Medikamente anspricht.

Als Methode zur allgemeinen Früherkennung taugt die Flüssigbiopsie zum heutigen Stand jedoch nicht. «Im Frühstadium geben Tumore meist nur extrem wenig DNA ins Blut ab», sagt Heather Dawson. «Es drohen falsch-positive Ergebnisse, die unnötige Ängste auslösen.» Zudem sei ein negativer Bluttest noch lange keine Garantie dafür, dass sich nicht doch Krebszellen im Körper verbergen.

«Die Zukunft liegt in der Kombination»

Aktuell wird deshalb intensiv an der Weiterentwicklung von Liquid Biopsies gearbeitet. Bislang mussten Blutproben für hochkomplexe Analysen an Grosslabore in die USA geschickt werden. Am Inselspital Bern wurde nun ein eigener, hochsensitiver Test entwickelt. Dieser kann kleinste Spuren von verbleibenden Tumorzellen im Blut mit einer ähnlichen Empfindlichkeit nachweisen wie kommerziell verfügbare Tests. Die Analyse erfolgt direkt vor Ort und ermöglicht so eine raschere Untersuchung.

Die Flüssigbiopsie sei eine wertvolle Ergänzung zur klassischen Gewebeprobe, erklärt Dawson. «Wir wollen uns nicht auf einen einzigen Blutwert verlassen, weil jeder Test potenziell ein falsches Ergebnis ergeben kann. Die Zukunft liegt in der Kombination.» Das Ziel sei es, dass Ärztinnen und Ärzte das Blut, das Tumorgewebe und die Immunreaktion gemeinsam anschauen, um für jede Patientin und jeden Patienten die bestmögliche Therapie zu finden.

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