Kann ins Auge gehen
Rebsorten und ihre Namen

Strassennamen, Flughäfen und anderes mehr werden mit Namen von Personen bezeichnet, um deren Verdienste zu ehren. Dies gilt auch bei Rebsorten. Was gut gemeint ist, kann aber auch schief gehen.
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Georg Julius Scheus Kreuzung von 1916 gibts als Wein trocken oder süss.
Foto: zVg

Darum gehts

  • Namen von Rebsorten sind voller Überraschungen
  • Heikel ist, wenn sie nach ihren Züchtern benannt werden
  • Die Scheu- und die Zweigelt-Rebe erinnern an die Zeit der Nationalsozialisten
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.
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Stefan KellerRedaktor Wein

Im letzten Jahr feierte man den 175. Geburtstag von Hermann Müller-Thurgau. Der Schweizer Forscher kreuzte 1883 die später nach ihm benannte Weissweinsorte. Müller kam zu seinem Beinamen, um ihn in Deutschland im Meer der Müller einfacher unterscheiden zu können.

1891 trat der Thurgauer sein Amt als erster Direktor der neu gegründeten Deutschschweizerischen Versuchsstation und Schule für Obst-, Wein- und Gartenbau in Wädenswil an. Hier wurden wenige Jahre später unter dem Namen Riesling x Silvaner erste Vermehrungen vorgenommen.

Fehlgriff im Feld oder Labor

Hundert Jahre später deckten Forscher des Weininstituts Geilweilerhof in der Pfalz auf, dass sich der Rebenzüchter getäuscht hatte: Seine Sorte ist in Tat und Wahrheit eine Kreuzung zwischen Riesling und Madeleine Royale.

In Deutschland, wo die als Müller-Thurgau bezeichnete Sorte in den 1970er-Jahren mit über 25’000 Hektaren die meistangebaute war, stellte sich dies weniger problematisch dar als hierzulande, wo sie unter dem falschen Kreuzungsnamen Riesling x Silvaner bekannt ist. Dass bei dieser Sorte – global betrachtet – der Forschername im Vordergrund steht, erweist sich im Nachhinein als Glücksfall, Forscherfehler hin oder her.

Dunkle Vergangenheit

Anders gelagert sind die Fälle bei Georg Julius Scheu und Friedrich Zweigelt. Bei Scheu wurde ebenfalls eine falsche Züchtung aufgedeckt, bei beiden kamen bedenkliche Gesinnungen zum Vorschein.

Scheu benannte seine Kreuzung als Sämling 88, bei Zweigelts Kreuzung entschied man sich für die Bezeichnung Rotburger. Erst später taufte man die beiden Sorten auf die Namen ihrer Erschaffer um und erschuf ihnen so ein Denkmal, auf das – wie jüngste Forschungen zeigen – besser verzichtet worden wäre.

Georg Julius Scheu schloss sich am 1. Mai 1933 nur wenige Wochen nach der Machtübernahme der Nazis der NSDAP an. Sein Dienstvorgesetzter, der hessisch-nassauische Landesbauernführer Richard Wagner, beurteilte ihn als «aufrecht, offen, aufopfernd im Dienst des rheinhessischen Weinbaus», aber auch als «politisch unbedingt zuverlässig», schreibt der Journalist und Buchautor Daniel Deckers.

Die heute nach ihrem Züchter benannte Scheurebe ist dessen einzige Kreuzung, die von Bedeutung ist, sie stammt aus dem Jahr 1916. Noch bis vor ein paar Jahren ging man von einer Verbindung zwischen Riesling und Silvaner aus. Dank Genanalyse ist klar, dass es sich beim Riesling-Partner um die Bukettraube handelt.

Deckers deckt auf

Daniel Deckers hat auch zu Friedrich Zweigelt geforscht. 1921 ist in dessen Zuchtbuch unter der Nummer 71 St. Laurent x Blaufränkisch verzeichnet. Es werden über 30 Jahre vergehen, bis diese Saat aufzugehen beginnt. Keine Rotweinsorte ist heute in Österreich verbreiteter. Vorerst stand sie bedeutungslos als Rotburger im Angebot.

Der Rebenzüchter Lenz Moser, Zweigelts Schüler, bot ab 1960 St. Laurent x Blaufränkisch-Kreuzungen an und plädierte dafür, dass sie zu Ehren des Züchters Zweigelt-Traube heissen solle. Erstmals tauchte dann die Bezeichnung «Zweigeltrebe» 1972 im Rebsortenverzeichnis für Qualitätsweine des österreichischen Weingesetzes auf.

Auch dank Daniel Deckers Recherchen weiss man, dass Zweigelt ein glühender Nationalsozialist war. Er wurde am 30. Juni 1945 aufgrund «illegaler Betätigung» festgenommen und in das Arbeitslager Klosterneuburg eingewiesen.

Es kam zu Verhören und Prozessen, die durch eine Anordnung von Bundespräsident Karl Renner eingestellt wurden. Im Oktober desselben Jahres wurde Zweigelt, in seinem 60. Lebensjahr, in den Ruhestand versetzt.

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