Die Küchengeschichte von Raphael Tuor beginnt wie viele Kochgeschichten: Mit der Grossmutter. «Sie war eine leidenschaftliche Köchin», sagt der Koch vom Adler in Nebikon. Bündnerin sei sie gewesen. «Sie hat die unglaublichste Gerstensuppe gekocht, die man sich vorstellen kann.» Die Frage, was denn das Geheimnis dieser Suppe gewesen sei, beantwortet er mit: «Es gibt keines. Ich habe ihr hundert Mal zugeschaut. Sie nahm den besten Alpkäse, den besten Speck, Unmengen von Butter … Das ist halt in Gottes Namen etwas Gutes!»
Nach diesen Zitaten ist klar: Raphael Tuor ist ein klassischer Koch, der für die bürgerliche Küche keine Verachtung kennt, sondern grosse Hochachtung. Genauso klar ist, dass er diese auch im Adler pflegt. Vorne im Beizli, wo auch die Leute aus
dem Dorf einkehren und ein grosses Helles bestellen. Wo mittags Gerichte zu vernünftigen Preisen auf dem Menü stehen. Und natürlich auch im hinteren Gourmet-Stübli, wo serviert wird, was sich der Küchenchef sonst noch an Köstlichkeiten ausgedacht hat.
Nahtlos hat sich Herr Tuor sein Küchenwissen an den besten Orten bei den allerbesten Köchen geholt. Wer könnte denn über seine Lehrzeit sagen: «Ich würde sie schon morgen noch einmal anfangen! Bei Oscar Meyerhans in Adligenswil zu lernen, war die schönste Sache, die mir in meinem Leben passieren konnte!» Dass nach dieser Lehre noch Stationen bei Robert Haupt in Zürich folgten und schliesslich jene absolut prägende bei Hans Stucki, sagt schon alles über die Begabung des Herrn Tuor und über sein heutiges Können. Dass er dabei in der Leitung des Adler von seiner Frau perfekt unterstützt wird, ist ein Glücksfall. «Meine Frau ist nicht nur tüchtig – uns eint das totale Vertrauen. Das ist der Garant für den Erfolg des Hauses.»
Klingt alles schön und gut. Doch was der Gast isst, beweist: Hier herrscht nicht allein schöner Schein und die schöne Phrase. Was aus der kleinen Küche vor die Gäste kommt, ist voller Geschmack. Nichts auf dem Teller lenkt vom zentralen Punkt eines Gerichts ab. Die Portionen sind gross genug und schmecken so gut, dass man gerne noch ein wenig mehr davon hätte. Manchmal ist die gute Küche eben auch die grosse Küche.