Seit mehr als hundert Jahren bewertet Michelin Restaurants mit einem, zwei oder drei Sternen. In den vergangenen Jahren hat das französische Unternehmen seine Aktivitäten jedoch deutlich ausgeweitet. Der Guide erschliesst laufend neue Regionen und sucht nach herausragenden kulinarischen Adressen. 2024 führte Michelin zudem die sogenannten «Keys» für Hotels ein, die nach einem dreistufigen System vergeben werden.
Nun nimmt sich das Unternehmen auch der Weinwelt an. Mit einer eigenen Bewertung zeichnet Michelin Weingüter aus. Eine Traube steht für einen sehr guten Weinproduzenten, zwei Trauben für einen hervorragenden und drei Trauben für einen aussergewöhnlichen Betrieb.
Die Idee dahinter: Weinproduzenten sollen ähnlich wie Restaurants und Hotels eine international anerkannte Auszeichnung erhalten. Doch während manche in der Branche die zusätzliche Aufmerksamkeit begrüssen, fragen andere, wie aussagekräftig das neue Bewertungssystem tatsächlich ist.
Fünf Kriterien für die Weingüter
Michelin stützt seine Bewertungen auf fünf Kriterien: die Qualität der Arbeit im Weinberg, das technische Können bei der Weinherstellung, die Identität des Weins, seine Ausgewogenheit und die Beständigkeit über mehrere Jahrgänge hinweg.
Für die Beurteilung arbeitet das Unternehmen mit Fachleuten aus der Weinbranche zusammen. Dazu gehören ehemalige Sommeliers, Weinkritiker und Winzer. Sie beurteilen nicht nur einzelne Flaschen, sondern auch verschiedene Jahrgänge sowie die Rebberge und die Produktionsanlagen.
Anders als bei Restauranttests, bei denen Michelin-Inspektoren anonym bleiben und unangekündigt essen gehen, werden die Besuche bei den Weingütern im Voraus vereinbart. Das macht die beiden Bewertungsverfahren nur bedingt vergleichbar.
Kritik an fehlender Transparenz
Vor allem die Frage, wie die Auswahl zustande kommt, sorgt für Skepsis. Welche Betriebe werden berücksichtigt? Weshalb tauchen bestimmte Weingüter in der Bewertung auf, andere hingegen nicht? Und wie genau werden die einzelnen Kriterien gewichtet?
Jeff Leve, Herausgeber des Weinmagazins «The Wine Cellar Insider», kritisiert die mangelnde Transparenz. Er hat nach eigenen Angaben seine Follower und Kontakte auf verschiedenen Plattformen zu Michelins neuem Bewertungssystem befragt. Die Reaktionen seien ausgesprochen negativ ausgefallen.
«Der Mangel an Transparenz wird mit der Zeit zu einem immer grösseren Problem», sagt Leve laut dem Bericht. Schon jetzt sei dies ein erhebliches Problem.
Braucht die Weinwelt eine weitere Auszeichnung?
Michelin verfügt über eine international bekannte Marke. Eine Auszeichnung des Unternehmens könnte Weingütern zusätzliche Aufmerksamkeit verschaffen und Weinliebhabern eine Orientierung bieten. Gleichzeitig gibt es in der Weinbranche bereits zahlreiche Kritiker, Ranglisten und Bewertungssysteme.
Entscheidend dürfte deshalb sein, ob Michelin nachvollziehbar erklären kann, wie die Bewertungen zustande kommen und weshalb bestimmte Produzenten ausgezeichnet werden. Denn bei Wein geht es nicht nur um messbare Qualität, sondern auch um Stil, Herkunft und persönliche Vorlieben.
Ob sich die neuen Trauben-Auszeichnungen als Orientierungshilfe etablieren, wird sich zeigen. Fest steht: Der Name Michelin sorgt auch ausserhalb der Restaurantwelt für Aufmerksamkeit. Ob daraus Vertrauen entsteht, hängt nicht zuletzt davon ab, wie transparent das Unternehmen seine Bewertungen gestaltet.
Dieser Artikel erschien zuerst auf blic.rs. Das serbische Newsportal gehört wie Blick zu Ringier.