Mohammad Cheikh Rashed (40) lebt zusammen mit seiner Frau Mahin Khalaf (36) und ihren drei Kindern Eliwana (6), Chaled (3) und Rany (1) in Langenthal BE. In einer 3-Zimmer-Wohnung am Stadtrand haben sie sich ein neues Leben aufgebaut. Vor zehn Jahren flüchtete das kurdische Ehepaar wegen des Bürgerkriegs vom Nordosten Syriens in die Schweiz und stellte einen Asylantrag.
Die Migrationsbehörde lehnte diesen ab, gab ihnen jedoch den Status «vorläufig aufgenommen». Auch ihre Kinder haben diesen Status. Eliwana geht in den grossen Kindergarten. Sie spricht gut Deutsch. Ihr Vater schloss diesen Sommer seine Lehre als Küchenangestellter ab – als drittbester des Kantons Solothurn. Stolz zeigt er ein Bild, auf dem er mit seinem Lehrmeister sein Diplom feiert. Mit der abgeschlossenen Ausbildung legte er den Grundstein für die Zukunft in der Schweiz.
«Wir haben kein Haus, keine Arbeit, keine Sicherheit»
Seit dem Regierungswechsel im Heimatland ist diese Zukunft jedoch ungewiss. Stabilisiert sich die Situation in Syrien, muss die Familie allenfalls zurück. SVP-Präsident Marcel Dettling forderte im Blick: «Syrer sollen alle retour, aber subito!» Mohammad macht das Angst: «In Syrien haben wir kein Haus, keine Arbeit, keine Sicherheit.» Und ergänzt: «Unsere Kinder kennen Syrien nicht.» Auch für die Aufforderung des neuen syrischen Regierungschefs Mohammed al-Bashir (41), alle Flüchtlinge sollen zurückkehren, hat er wenig Verständnis: «Wo sollen diese Leute wohnen und arbeiten? Das ganze Land ist zerstört.»
Es klingelt an der Tür. Nachbar Mustafa Khoia (32), ebenfalls ein syrischer Kurde, kommt auf eine Tasse Kaffee vorbei. Zurück nach Syrien will auch er nicht. «Ich habe Deutsch gelernt, kann für mich sorgen und fühle mich hier zu Hause», sagt er. In Syrien sei es nicht sicher. Tatsächlich wird noch gekämpft. Während in der Hauptstadt Damaskus die Waffen schweigen, greift im Norden die Türkei mit ihren syrischen Söldnern die kurdisch dominierte Region an. Gleichzeitig verspricht die islamistische Rebellengruppe HTS, die in Syrien die Macht übernommen hat, Stabilität und Ruhe.
Belastende Situation für Geflüchtete
Ein Versprechen, das die neue Regierung nicht einlösen wird, ist Mohammad überzeugt: «Am Anfang wird es vielleicht besser, aber danach noch viel schlimmer. Vor allem als Kurde muss man Angst haben», sagt er. «Niemand will zurück», sagen Mohammad und Mustafa. «Aber alle haben Angst, dass wir zurückmüssen». Gerade für Asylsuchende und vorläufig Aufgenommene ist die Situation extrem belastend. Das bestätigen verschiedene Betroffene im Gespräch mit Blick.
Laut aktuellsten Zahlen der Asylstatistik leben rund 6000 vorläufig aufgenommene Personen aus Syrien in der Schweiz. Sie dürfen so lange in der Schweiz bleiben, bis sich die Situation in ihrem Heimatland stabilisiert. Auf Anfrage, ob vorläufig aufgenommene Personen aus Syrien zurückmüssen, antwortet das Staatssekretariat für Migration (SEM): «Wir prüfen periodisch, ob die Voraussetzungen für bereits bestehende vorläufige Aufnahmen noch gegeben sind.»
SEM stoppte Asylverfahren
Eine solche Prüfung werde jedoch erst wieder möglich sein, wenn sich abzeichnet, wie sich die Lage in Syrien weiter entwickle. Asylverfahren und Asylentscheide für Geflüchtete aus Syrien hat das SEM per sofort gestoppt. Doch was passiert, sollte sich die Lage in Syrien tatsächlich stabilisieren? In jedem Fall würde vor der Aufhebung des Status eine «einzelfallspezifische Verhältnismässigkeitsprüfung» gemacht. Das heisst vereinfacht: Das SEM prüft, ob diese Personen integriert und der Schweiz nützlich sind. Ob Mohammad mit seiner Familie dies erfüllt, ist unklar.
Unabhängig davon, ob sie zurückgeschickt werden oder nicht. Mohammad wünscht sich Frieden für sein Land. Doch das sei schwierig. «Der Bürgerkrieg in Syrien geht mit Sicherheit weiter», sagt er. Es gäbe zu viele Gruppen, die sich bekämpfen. Für ihn ist deshalb klar, dass seine Zukunft und die seiner Familie in Langenthal ist. Deshalb will er möglichst bald eine Festanstellung in einem Restaurant finden und hofft, dass sie eines Tages eine dauerhafte Niederlassungsbewilligung bekommen.