Darum gehts
- Sonntags-Marathon in der Stadt Zürich bei kaltem, regnerischem Wetter
- Euphorische Läufer trotz Erschöpfung, unterstützt von Freunden und Familie
- Unzählige Finisher, lobende Schilder, Lärminstrumente und glückliche Gesichter
Wenn ich früh genug aufwache, gehe ich am Wochenende gern in die auch sonntags geöffnete Bäckerei unten am Fuss des Hügels und kaufe Frühstücksgebäck aller Art für meine geliebte Gastgeberfamilie. An diesem Sonntag war die Einkaufsliste relativ lang, da sich noch weiterer Besuch angesagt hatte. Mindestens dreimal fragte der junge Verkäufer, angesichts der langen Schlange von Wartenden zunehmend genervt, ob das nun alles sei. «Nein, sorry», antwortete ich. «Dann hätte ich noch gern drei von diesen und eines von jenen.» Als er endlich einkassieren konnte und zuschaute, wie ich meine Einkäufe in mehrere mitgebrachte Tüten verstaute, verstand er endlich: «Ach so, Sie sind wohl für die Verpflegung am Marathon zuständig!»
Ich musste einen Moment überlegen. Marathon? Ich dachte an die Familie, bei der ich wohne, an all die Anforderungen und Verpflichtungen, die sie täglich erfüllen, wie sie auf alle Seiten gleichzeitig gezerrt werden. In meiner Wahrnehmung sind sie im gestreckten Galopp unterwegs, und zwar von morgens bis abends.
Und so nickte ich und sagte: «Ja, so kann man es nennen.»
Seine Frage war kein Zufall
Erst ein paar Stunden später, auf dem Weg zu einer Freundin am anderen Ende der Stadt, wurde ich über die Informationstafel im Tram aufgeklärt, dass ein tatsächlicher Marathon stattfand an diesem kalten, verregneten Sonntag. Kein symbolischer.
Und bald schon sah ich die Ersten, fast hätt ich gesagt «Überlebenden», aber man nennt sie «Finisher». Weil sie tatsächlich die ganze Strecke und bis ins Ziel gelaufen sind, was nicht selbstverständlich ist. Für jemanden wie mich nicht einmal vorstellbar.
Ein sportlicher, aber sichtlich erschöpfter Läufer stieg ein, von einer Freundin gestützt, in eine goldene Wärmefolie gehüllt. Er ächzte wie ein uralter Mann, als er sich hinsetzte, und seine Beine zitterten.
Aber er wirkte glücklich. Fast schon euphorisch.
Unterstützung von Freunden und Familie
Auf der Suche nach meiner Freundin sah ich viele solche nudelfertigen, aber vor Glück strahlenden Menschen, manche hatten die Startnummer noch angepinnt, andere trugen Leuchtwesten mit silbernen Streifen. Niemand war allein unterwegs, alle hatten Unterstützung von Freunden und Familie. Kinder trugen vom Regen aufgeweichte Kartonschilder, auf denen «Hopp Papi!» stand oder Mami ist die Schnellste.
Einer wurde von seinem Partner auf einem E-Trottinett den Hügel hinauf gefahren, er musste ihn in seinen Armen festhalten, dass er nicht einknickte. Der Fahrer runzelte die Stirn, konzentriert oder besorgt, der Läufer grinste wie ein betrunkenes Baby.
(Milchbetrunken meine ich natürlich!)
Warum tut man sich das an?
Schliesslich fand ich meine Freundin und wie durch ein Wunder auch zwei freie Stühle in einem Lokal. Ich erzählte ihr von meinem morgendlichen Missverständnis in der Bäckerei, und sie nickte. Der Vergleich mit dem ganz normalen Alltag leuchtete ihr ein, denn ihr eigenes Leben durchläuft auch gerade eine besonders anstrengende und ebenso beglückende Phase.
«Umso weniger verstehe ich, warum man sich das antut», rätselte meine Freundin, die ebenso unsportlich ist wie ich. «Wenn doch das Leben schon anstrengend genug ist ...»
Ich schaute aus dem Fenster und sah eine Gruppe junger Leute mit Lärminstrumenten und Schildern, auf denen das Bild ihres marathonlaufenden Freundes prangte, schön mit Glitzerspray verziert. Und dann wusste ich es: «Wegen der Unterstützung», sagte ich. Und dann stellten wir uns vor, wie es wäre, im Alltag von aufmunternden Tröten begleitet zu werden, von lautem Jubel, wenn immer wieder Schilder hochgehalten würden, auf denen «Du bist die Beste!» steht.
Dann würden wir wohl auch so strahlen.