Darum gehts
- Verhaltensbiologe Norbert Sachser: Tiere haben komplexe Emotionen und kognitive Fähigkeiten
- Einzig Menschen reflektieren langfristig über Tod, aber Tiere leiden auch
- Nur 6 Prozent der Säugetierbiomasse sind wild lebend, weltweit gibt es über 25 Milliarden Hühner
Ein verirrter Wal bewegt die Welt. Doch während alle auf Timmy schauen, gerät das grosse Ganze aus dem Blick: Milliarden Tiere leiden – meist unbeachtet. Der Verhaltensbiologe Norbert Sachser (71) erklärt, was wir über Tiere längst wissen – und warum wir trotzdem wegsehen.
Derzeit gehen die Emotionen wegen Wal Timmy hoch. Was halten Sie davon?
Norbert Sachser: Zunächst finde ich es richtig und wichtig, dass es diese Empathie für den Wal gibt. Für viele wird dadurch noch einmal deutlich, was für Mitgeschöpfe es auf diesem Planeten gibt – wie gross, wie komplex und wie besonders sie sind. Und es wird auch vielen bewusst: Das sind Lebewesen mit Emotionen und hoch entwickelten kognitiven Fähigkeiten.
Wird Timmy dabei nicht zu sehr vermenschlicht?
Besonders Säugetiere sind uns im Denken und Fühlen viel ähnlicher, als wir lange dachten. Wenn wir auf die letzten Jahrzehnte schauen, sehen wir eine eigentliche Revolution des Tierbildes. Nicht nur aus dem Bauch heraus, sondern basierend auf Tausenden Studien. Neurowissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass grundlegende Emotionen wie Angst, Freude oder Stress bei Tieren über nahezu identische Prozesse im Gehirn entstehen wie beim Menschen – bis auf eine molekulare Ebene. Die naheliegende Schlussfolgerung: Auch das Empfinden ist sehr ähnlich.
Also leidet Timmy?
Timmy spürt sehr wohl Stress und Schmerz, und er merkt, dass er krank ist. Der Wal ist in einer Umgebung, in die er nicht gehört: zu wenig Salz, zu wenig Nahrung, viel Lärm und Verschmutzung. Langfristig kann er dort nicht überleben.
Norbert Sachser (71) zählt zu den bekanntesten Verhaltensbiologen im deutschsprachigen Raum und forscht an der Universität Münster. Sein Bestseller «Der Mensch im Tier» (2018) hat unser Bild von Tieren stark geprägt. Mit «Tierwelt am Limit» legt er nun gemeinsam mit Niklas Kästner nach: Das Buch bündelt aktuelle Erkenntnisse von Forschenden aus aller Welt und zeigt, wie Tiere durch den Menschen immer stärker unter Druck geraten. Gleichzeitig macht es deutlich, wie anpassungsfähig viele Arten sind – ob in der Wildnis, in der Landwirtschaft oder als Haustiere. Im Zentrum steht die Frage: Wie gut kommen Tiere mit den massiven Veränderungen zurecht – und wo stossen sie an ihre Grenzen?
Norbert Sachser (71) zählt zu den bekanntesten Verhaltensbiologen im deutschsprachigen Raum und forscht an der Universität Münster. Sein Bestseller «Der Mensch im Tier» (2018) hat unser Bild von Tieren stark geprägt. Mit «Tierwelt am Limit» legt er nun gemeinsam mit Niklas Kästner nach: Das Buch bündelt aktuelle Erkenntnisse von Forschenden aus aller Welt und zeigt, wie Tiere durch den Menschen immer stärker unter Druck geraten. Gleichzeitig macht es deutlich, wie anpassungsfähig viele Arten sind – ob in der Wildnis, in der Landwirtschaft oder als Haustiere. Im Zentrum steht die Frage: Wie gut kommen Tiere mit den massiven Veränderungen zurecht – und wo stossen sie an ihre Grenzen?
Anders als ein Mensch weiss ein Wal aber nicht, dass er sterben wird. Oder?
Vermutlich nicht. Nach allem, was wir heute wissen, haben auch hoch entwickelte Säugetiere keine längerfristige bewusste Projektion in die Zukunft. Sie denken höchstwahrscheinlich nicht über den eigenen Tod nach oder darüber, was danach kommt. Mit seiner ausgeprägten Selbstreflexion unterscheidet sich der Mensch klar vom Tier.
Sie sehen den Medienrummel um den Wal auch kritisch, warum?
Weil sich alles auf das Schicksal dieses einen Wales fokussiert. Dabei geht vergessen, dass es in derselben Region auch heimische Arten gibt, die stark bedroht sind. So wie die Schweinswale. Von ihnen gibt es in der zentralen Ostsee nur noch rund 400 bis 500 Tiere. Auch sie leiden unter den schlechten Umweltbedingungen dort, aber das interessiert kaum. Wünschenswert wäre, dass das, was wir da gerade erleben, uns weiter reflektieren lässt. Denn es passiert auf unserem Planeten tausend- und millionenfach. Jeden Tag, ohne dass wir das wahrnehmen und ohne dass wir uns dafür verantwortlich fühlen.
Also Mitgefühl für Timmy – und danach eine Bratwurst?
Die aktuelle Situation zeigt die Widersprüche auf, mit denen wir leben. Auf der einen Seite haben wir grosses Mitgefühl, aber dann kauft man, ohne viel zu überlegen, das Schnitzel im Supermarkt. Eine unvorstellbar hohe Zahl von Tieren, die auf unserem Planeten leben, sind nur da, um geschlachtet zu werden. Wir sprechen von rund einer Milliarde Schweinen, 1,6 Milliarden Rindern und über 25 Milliarden Hühnern. Die Masse der wild lebenden Säugetiere macht nur noch etwa 6 Prozent der Masse aller Säugetiere aus.
Ist unsere Tierwelt am Limit?
Wir stehen vor zwei grossen Herausforderungen: vor einem dramatischen Rückgang der Wildtiere, insbesondere durch die Zerstörung ihrer Lebensräume – und gleichzeitig vor einer Tierwohlkrise vor allem in der Massentierhaltung. Es geht um enorme Dimensionen und um sehr viel Leid.
Essen Sie selbst noch Fleisch?
Zu Hause nicht. Aber wenn ich eingeladen bin und sich jemand die Mühe gemacht hat, etwas Gutes zu kochen, dann sage ich nicht Nein zu Fleisch – ganz konsequent ist das nicht. Denn mit dem, was wir heute über Tiere wissen, ist Massentierhaltung schwer zu rechtfertigen. Dabei werden insbesondere die sogenannten Nutztiere unterschätzt, das ist bis zu einem gewissen Grad auch bequem.
Wieso?
Weil man sich dann nicht darum kümmern muss, wie es ihnen ergeht. Ihre Domestikation begann vor über 9000 Jahren, und sie haben sich dem Menschen angepasst. Sie sind oft weniger aggressiv, sozialer und kommen mit den Haltungsbedingungen zurecht. Ihre Gehirne sind teilweise kleiner als in der Wildform – bei Schweinen bis zu 34 Prozent.
Sind sie dadurch dümmer?
Ganz sicher nicht: Auch Schweine, Kühe oder Hühner haben Emotionen, zeigen komplexes Sozialverhalten, und einige Tiere benutzen sogar Werkzeuge. So wie Kuh Veronika, die sich auf der Weide selbstständig mit einem Besen kratzt und damit Berühmtheit erlangte. Nutztiere verfügen über kognitive Fähigkeiten, die wir ihnen lange nicht zugetraut haben. Genau wie Schimpansen, Delfine oder Rabenvögel zeigen sie zum Beispiel Verständnis und Mitgefühl.
Wie zeigt sich die Empathie?
Ein eindrückliches Beispiel kommt aus Tschechien: Dort wurden Wildschweine mit Kamerafallen beobachtet. Zwei Jungtiere gerieten in eine Falle. Eine Bache kam vorbei, erkannte offenbar die Situation und reagierte stark erregt. Sie verstand den Mechanismus mit dem Keil und schlug mit ihrer Schnauze so oft darauf, bis sich die Tür öffnete, sodass die Tiere entkommen konnten. Solche Beobachtungen haben Forschende dazu gebracht, zu fragen, ob auch Hausschweine ähnliche Fähigkeiten besitzen. Tatsächlich zeigen Experimente: Auch sie erkennen, wenn ein Artgenosse in Not ist – und versuchen, zu helfen.
Wie hat man das untersucht?
Ein Schwein wurde von der Herde getrennt und in einem separaten Gehege eingeschlossen. Die Isolation stresste dieses Schwein, das wurde von den anderen Tieren im Stall beobachtet, und sie reagierten darauf. In den meisten Fällen öffneten sie den Mechanismus der Tür und befreiten das Tier. Oder sie greifen schlichtend in Streitereien in der Herde ein.
Wie funktioniert das?
In Feldstudien mit Hausschweinen wurde beobachtet, dass Tiere nach Konflikten nicht nur zuschauen, sondern aktiv eingreifen: Sie trösten das unterlegene Schwein und interagieren auch mit dem dominanten Sieger. Das stabilisiert das Sozialgefüge – Stress wird abgebaut, Aggressionen nehmen ab.
Das klingt fast wie in einer Fabel?
Ja, dieses harmonische Bild des Tierreichs kann aber trügen. Lange Zeit hielt sich das Bild, Tiere seien friedlicher als Menschen und würden einander nicht gezielt töten. Das stimmt so nicht.
Es gibt sogar Krieg unter Schimpansen.
Genau. Erstmals beschrieben hat das die Affenforscherin Jane Goodall bereits vor Jahrzehnten. Es ist bestialisch, wenn die Menschenaffen aufeinander losgehen – der Anblick ist kaum zu ertragen. Ich erinnere mich an einen Kongress zu meiner Zeit als Student mit dem berühmten Tierfilmer David Attenborough und Goodall – man diskutierte, ob man solche Szenen überhaupt zeigen soll. Man befürchtete, dass das den Artenschutz untergraben könnte.
Was kam dabei heraus?
Der Konsens war klar: Wissenschaft muss die Realität zeigen. Tiere sind nicht die besseren Menschen. Sie können empathisch und kooperativ sein – aber auch aggressiv. Wenn es ihnen nützt, drohen sie, kämpfen, töten und führen – wie bei manchen Schimpansenpopulationen – sogar Kriege.
Sie erforschen seit Jahrzehnten Tierverhalten – was lernt man dabei über den Menschen?
Als Verhaltensbiologe vermische ich das nicht mit der Psychologie. Aber die Disziplinen greifen natürlich ineinander. Eine meiner Doktorandinnen hat zum Beispiel das Kindchenschema untersucht – also unsere emotionale Reaktion auf Merkmale wie grosse Augen, eine hohe Stirn, Pausbacken und einen im Verhältnis zum Körper grossen Kopf. Wichtig ist, solche Zusammenhänge wissenschaftlich hart zu machen.
Wieso?
Weil man mit Fakten etwas bewegen kann. Das Kindchenschema zeigt sich auch in unseren Vorlieben für bestimmte Tiere, etwa bei Möpsen. Diese werden gezielt auf solche Merkmale gezüchtet – aber bezahlen den Preis der Niedlichkeit mit Atemnot. Mit dem neuen Buch geht es nicht darum, moralisch zu werten, sondern Forschung zugänglich zu machen. Wir haben dafür Arbeiten von Kolleginnen und Kollegen aus der ganzen Welt zusammengetragen – um aufzuzeigen, wie sich unser Umgang mit Tieren auswirkt.